Vogelhändler

„Peng“ und „Bum“

Foto: Tanja Dorendorf/Theater Luzern

Carl Zellers „Vogelhändler“ als Comicstrip am Theater Luzern
(Luzern, 30. November 2008) Unter „Singen“ rubrifiziert das Luzerner Theater, ein Dreispartenbetrieb, lapidar seine Operproduktionen. Das Theater mit seinem schnuckeligen Haus an der Reuss erlebt unter der Intendanz von Dominique Mentha glückliche Tage. So glücklich, dass der Exchef der Wiener Volksoper seinen Vertrag letztes Jahr bis 2014 verlängert hat. Blicken wir auf das „Singen“ in Luzern. Angefangen hat die laufende Saison mit einem Standardwerk, „Don Giovanni“. Es folgten aber mit Kreneks „Kehraus um St. Stephan“ und mit dem „Don Giovanni“ des Mozart-Zeitgenossen Giuseppe Cazzaniga sogleich zwei Raritäten. Bevor die Saison mit einer Literatur-Oper nach Haruki Murakami, „Die große Bäckereiattacke“, weitergeht, wurde die ja oft aufs Kulinarisch-Vergnügliche ausgerichtete Adventszeit mit Carl Zeller „Vogelhändler“ eingeweiht.
Auch wenn die Saison dann mit „Bohème“ und „L’Orfeo“ ausklingt, bietet Luzern ein Programm mit wenig Bekanntem und Ungewöhnlichem. Denn, ehrlich, welche renommierte Bühne traut sich schon an einen Operettenschmus wie den „Vogelhändler“, dessen Highlights („Schenkt man sich Rosen in Tirol“) als höchstselbständige Ohrwürmer durch die Musikindustrie der 1950er bis 80er Jahre gekrochen sind – als die Operette noch einen Draht „zum Volk“ hatte und im Fernsehen Publikum? Viele kennen die Hits – das ganze das Stück jedoch nur vom Hörensagen.
Die Luzerner Inszenierung hat sich von sämtlichem Kitschverdacht befreit, indem sie für die Ausstattung den deutschen Comiczeichner Henning Wagenbreth verpflichtete. Bonbonbunt zwar, aber quadratisch abstrahierend sind Wagenbreths – z.B. aus der FAZ – bekannten Figürchen und Zeichnungen. Eine Mischung aus japanischem Minimal-Design und der Computerspiel-Ästhetik der 80er Jahre. Regisseurin Christine Cyris lässt die Figuren fast ausnahmslos mit an Stangen befestigten Masken erscheinen, stereotype Erkennungszeichen mit Vorder- und Rückseite, die in Nuancen voneinander abweichen.
Stereotyp war das Personal bereits bei der Wiener Uraufführung 1891. Eine verschusselt dekadente Hofgesellschaft in Rheinland Pfalz, die „Christel von der Post“ und ein Vogelhändler, dessen Vorfahre bereits hundert Jahre früher als Papageno über die Bühne trollte. Statt Entlarvung also der umgekehrte Weg: Maske auf und ab geht die Post. Der Mensch dahinter, das heißt die Sängerinnen und Sänger, sollten so umso deutlicher werden. Das Luzerner Theater kann sich dafür auf ein spielfreudiges Ensemble verlassen. Marc-Olivier Oetterli ist ein stimmlich „bunter“ Baron Weps, Tobias Hächler, Basler Shootingstar und in Luzern zuletzt als Don Giovanni überzeugend, verbindet in zwei Minirollen als Dorfschulze Schneck und Professor Würmchen überdrehte Komik mit äußerst gepflegtem Stimmeinsatz. Ein seltsamer, berührender Kontrast. Ja, und Vogelhändler Adam? Er ist maskenlos, ist ein Naturbursche, ein Mann – der Name sagt’s – der ersten Stunde. Natürliche Einfachheit versus zivilisatorisch verderbtem Adel, dieses Paradigma könnte durchaus noch heute greifen. Die Frage ist bloß, wer einen solchen Moral-Bomber über sich donnern lassen möchte. Adam kommt ohne solche Bewaffnung aus, dafür mit einem ausgeprägten österreichischen Charme. Lächeln, kleine Kulleräugchen, Bäcklein, vor Lebensfreude stets gebläht: Man fühlt sich an den Schauspieler Peter Weck erinnert. Dabei ist dieser Adam ein Schwede, Martin Nyvall, mit stimmlichem Schmelz und Leichtigkeit. Eine Tenorsonne, der man höchstens noch ein wenig Strahlkraft im Piano wünscht. Ja: So schenkt man sich Rosen! In Tirol oder Luzern, egal. Adams Strauss ist zwar aus Plastik, dennoch begeistert er damit seine Christel, die in Sumi Kittelberger eine virtuose und quirlig-leichte Verkörperung gefunden hat. Haus-Star Madelaine Wibom als Kurfürstin Marie verfällt dem Plastikrosen-Charme ebenfalls und die kratzbürstige Baronin Adelaide (Kerstin Witt) muss gegen die Blumengabe sämtliche Borsten aufstellen, was sie mit Schnoddrigkeit und Schlagfertigkeit denn auch zuwege bringt. Den Personen eine menschliche Glaubwürdigkeit hinter der Maske zu geben, ist Christine Cyris gelungen. Dem Komödienspiel mit Überzeichnung den nötigen Drive zu lassen ebenfalls.
Und doch schwankt der Abend, ist unentschlossen, ob er lustig sein soll oder gerade nicht. Manches wird überdreht. Dorfschulze Schneck etwa rennt, seinem Namen zum trotz, von Bühnenende zu Bühnenende. Zu schmunzeln gab das comicartige Bühnenbild. Aus dem Pavillon, wo sich Graf Stanislaus und Christel zur „Audienz“ eingefunden haben, ragen Schildchen mit „Peng“ und „Bum“ und oben raucht der Kamin. Die Operette durch die Brille des Comic – das schafft Distanz. Ebenfalls distanzierend die ironischen Kommentare (statt des Textes) in der Übertitelungsanlage. Wenig Distanz leider haben das Luzerner Sinfonieorchester und Dirigent Rick Stengards gefunden. Man kann Zellers Musik entschmachten, die Handlung trocken damit grundieren. Oder aber den Walzerofen gerade besonders fest einheizen. Was zur guten Stimmung beitragen würde, die ein Operettenabend ja durchaus verströmen darf. Dazu aber müsste das Orchester erstmal leiser spielen, Crescendofähigkeit sich bewahren. Um dann im rechten Moment aufzudrehen. Wir trauen es ihm zu. Ach ja: „Singen“ ist in Luzern kein leeres Hauptwort, sondern qualitativ erfüllt. Weit über das, was man einem Haus dieser Größe zutraut.
Benjamin Herzog
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