Vilde Frang in Köln

Leuchtender Geigenton

In Köln überzeugten Vilde Frang und das Orchestre Philharmonique de Radio France mit Werken von Bartók und Beethoven unter einem sitzenden Mikko Franck

Von Christoph Zimmermann

(Köln, 25. September 2017) Béla Bartóks Violinkonzerte: knapp eine Woche vor der hier besprochenen Aufführung des ersten mit Vilde Frang und dem Orchestre Philharmonique de Radio France unter Mikko Franck hatte Patricia Kopatchinskaja an gleicher Stelle (Kölner Philharmonie) das zweite gespielt (Mahler Chamber Orchestra, Lorenzo Viotti). Im Programmheft dieses Abends wurde auch kurz auf das eigentümliche Schicksal des ersten hingewiesen. Es entstand zu Beginn des 20. Jahrhunderts, und sein Kopfsatz (Andante sostenuto) ist eine Art Porträt von (fast könnte man auch sagen: eine Liebeserklärung an) Stefi Geyer, eine damals noch ganz junge, aber bald zu Weltruhm aufsteigende Geigerin, von ungarischer Geburt wie der Komponist auch. Doch eine engere Beziehung der beiden zerschlug sich wegen unterschiedlicher konfessioneller Überzeugungen, selbst wenn man künstlerisch immer wieder zusammenarbeitete.

Stefi Geyer erhielt auch das Manuskript des ihr zugeeigneten Konzertes und hielt es in Ehren. In ihrem Testament bestimmte sie sogar, dass es einzig von dem Schweizer Kollegen Hansheinz Schneeberger (jetzt 90 Jahre alt) zur Premiere gebracht werden sollte. Dies geschah in der Tat zusammen mit dem Basler Kammerorchester unter Paul Sacher, freilich erst 1958, also ein halbes Jahrhundert nach der Entstehung. Das zweite Violinkonzert atmet partiell noch den Geist der Romantik, aber im ersten ist der Mittzwanziger Bartók dieser Epoche noch wesentlich stärker verhaftet, was das Werk freilich besonders zugänglich macht.

Der Beginn ist frappant. Zunächst ein unbegleitetes Solo, dann Dialog mit dem Konzertmeister, dem sich langsam die anderen hohen Streicher hinzugesellen. Dann steigt nach und nach das gesamte Orchester ein, in welchem Oboe und Englischhorn wichtige solistische Passagen inne haben. Zwei Harfen unterstreichen mit ihren Arpeggien die starke Emotionalität der Musik. Der Satz endet mit reinem, sphärischem Dur. Im nachfolgenden Allegro giocoso (einen dritten Satz gibt es nicht) verbreitet sich Heiterkeit, wie der Satzbezeichnung unschwer zu entnehmen ist, mitunter sogar ein wenig grotesk, wobei sich besonders Köstliches bei den Holzbläsern, namentlich der Piccoloflöte, abspielt. Und doch kehrt die Musik immer wieder auf den Boden des lyrisch beseelten Ausdrucks zurück.

Bei einer norwegischen Geigerin und einem finnischen Dirigenten (mit zumal gleichlautenden Nachnamen) hätte man eigentlich ein skandinavisches Werk erwarten können, etwa das ebenfalls erst posthum (2015) uraufgeführte von Johan Halvorssen. Aber für die Begegnung mit Bartóks Opus war man dann doch überaus dankbar.

Das attraktive Werk wurde von Vilde Frang mustergültig interpretiert. Ihr Geigenton leuchtete im Piano, selbst die gelenkigsten Passagen klangen wie gesungen. Die etwas harschere Vorgehensweise von Patricia Kopatchinskaja steht ihr fern, bei aller gleichwohl entwickelten Kraft des Ausdrucks. Mikko Franck war ihr mit seinem Orchester ein sattelfester Begleiter durch das Werk – wohl aus gesundheitlichen Gründen dirigierte er das Werk sitzend.

Bei Ludwig van Beethovens „Eroica“-Sinfonie hielt es ihn dann freilich nicht mehr auf seinem Stuhl und die imperialen Gebärden speziell an Satzenden hatten durchaus etwas leicht Theatralisches. Aber dem Werk war das keineswegs abträglich, es profitierte von solcher Power.

Mikko Franck sorgte beim Orchestre Philharmonique de Radio France, welchem er seit 2015 als Chef vorsteht, für klangliche Verve und Präzision, selbst wenn einige Momente (wie die Introduktion) noch etwas drängender, schneidender hätten ausfallen können. Das gilt auch für die Ouvertüre „Leonore 3“; doch besaß auch sie ein starkes dramatisches Klima, der klangdüstere Beginn regelrechte Magie. Die Schlusstakte des Sinfonie-Scherzos dienten als Zugabe. Wiederum leichte Show-Akzente.

Werbung

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.