Verurteilung des Lukullus

Das Jenseits ein Kindergeburtstag

Lustig ist das ewige Leben Foto: Thomas Aurin


Die Neuinszenierung von Paul Dessaus und Bertolt Brechts Oper „Die Verurteilung des Lukullus“ an der Komischen Oper Berlin
(Berlin, 2. Dezember 2007) Gewiss hält sich auch George Walker Bush für einen großen Feldherrn. Und wenn es saudumm läuft, wird das sogar einst die Nachwelt von ihm denken. Je nachdem, wer dann das Sagen hat, und wer die „Wirklichkeit“ nach seinen Vorstellungen zurecht zimmert.
Keine neue Erkenntnis. So war es auch schon zu Zeiten des römischen Feldherrn Lukullus der in Asien auf Teufel komm raus mordete und brandschatzte (von 80 000 Toten ist die Rede) und dafür zu Hause als großer Held gefeiert wurde, vor allem nach seinem Tod.
Im Jenseits ist die Begeisterung über Lukullus freilich nicht so groß. Außer Mord und Totschlag hat er nicht viel zu bieten vor den Richtern, die über seine Taten und sein Leben richten sollen. Nichts jedenfalls, was ihn von seiner Blutschuld entlasten könnte. Lukullus muss sich einer peinigenden Befragung vor einem reichlich improvisiert wirkenden (jüngsten) Gericht unterziehen, das aus menschlichen Schöffen besteht, die – eben weil sie Menschen sind – nur sehr unzureichend dazu in der Lage sind, die „Wahrheit“ zu ergründen. Was ist die Wahrheit eines Menschenlebens? Wie es bewerten?
Ein Lehrstück ist ein Lehrstück
Bertolt Brecht schrieb sein Hörspiel „Lukullus“ 1939 im schwedischen Exil als Reaktion auf die sich abzeichnende Weltkriegs-Katastrophe, ein Lehrstück mit mahnendem Charakter von einem Rufer in der Wüste.
In der Opernversion durch Paul Dessau kam es 1951 in der Berliner Staatsoper heraus und wurde nach einigen Umarbeitungen zu einer der erfolgreichsten Opern der DDR.
Und heute? Heute wirkt das Lehrstück nicht mehr und nicht weniger lehrstückhaft als früher. Nur gibt es in Deutschland halt keine verordnete Begeisterung mehr für eine solche Art von Theater. Was sich schon allein darin zeigt, dass die Zuschauerreihen in der zweiten Vorstellung halb leer blieben.

Foto: Thomas Aurin

Plaste-und-Elaste-Anzüge und andere Geschmacksverirrungen
Das geringe Publikumsinteresse an der Komischen Oper mag allerdings auch mit der halbherzigen Inszenierung von Katja Czellnik zu tun haben kann, die die Handlung in eine grotesk ironisierte DDR-Atmosphäre verfrachtet und wenig dafür tut, die politische Brisanz des Stücks zu unterstreichen. Sollen rosa Puffärmel, schlecht sitzende Plaste-und-Elaste-Anzüge und andere 70er Jahre Geschmacksverirrungen etwa ein kritischer Kommentar zur DDR-Rezeptionsgeschichte der Oper sein? Auch in der Regie der Bühnenfiguren wird einiges an vermeintlich kritischer Distanz zum Stück deutlich. Doch der vermutlich beabsichtigte Diskurs über das Lehrstück funktioniert nicht, weil zu wenig Ernsthaftigkeit dahinter sichtbar wird. Die Bühne (Hartmut Meyer) sieht aus wie ein Kindergeburtstag (was sollen eigentlich die Barbapappa-Puppen?). So geht es also zu im Jenseits. Schöne Aussichten. Wenn man diese Art Polittheater nicht mehr für zeitgemäß hält, dann sollte man es lieber bleiben lassen, statt vor allem das Unbehagen daran auf die Bühne zu bringen. Damit ist nun wirklich niemandem gedient.
Hohes musikalisches Niveau
Als Musiktheater kann „Lukullus“ abgesehen von den handwerklichen Finessen und dem Erfindungsreichtum von Dessaus Musik (es gibt keine hohen Streicher, keine Holzbläser, dafür jede Menge Schlagzeug und ein Trautonium) nicht wirklich überzeugen. Dessaus Musik klingt zu nachdrücklich in Anführungsstriche gesetzt, eine auskomponierte Arie kann da nur Schlimmes bedeuten. Vor allem erreicht er die Genialität Weills oder Eislers, die „epische“ Theatermusik schreiben konnten, die gleichzeitig musikalisch-mitreissend wirkt, – zumindest im Lukullus – nicht.
Gleichwohl ist die Aufführung an der Komischen Oper in musikalischer Hinsicht auf ausgesprochen hohem Niveau. Eberhart Kloke am Dirigentenpult verdeutlicht bravourös die unterschiedlichen Klangarrangements. Unter den durchweg hervorragenden Sängern sind besonders Kor-Jan Dusselje in der Titelrolle, sowie Jens Larsen und Markus John zu nennen.
Robert Jungwirth

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