Verdis Sizilianische Vesper an der Bayerischen Staatsoper

Alle sind Verlierer

Nach 50 Jahren wieder am Münchner Nationaltheater, doch mit durchwachsenem Erfolg: Verdis „Les vêpres siciliennes“

Von Klaus Kalchschmid

(München, 11. März 2018) Reagiert so ein Orchester, das die wochenlange Arbeit unter seinem Dirigenten geschätzt hat? Nachdem beim Schlussapplaus Omer Meir Wellber auf die Bühne gekommen war und vergessen hatte, auf seine Musiker im Graben zu zeigen,
tat er es beim nächsten Vorhang zwar wieder, aber da waren sie alle schon weg.
Derartiges gab es bei einer Premiere an der Bayerischen Staatsoper wohl noch nie, und es kann nur die Quittung sein für ein Dirigat, das wie vor Jahresfrist bei „Andrea Chenier“ mit dem gleichen Dirigenten zwar schön und elegant aussah, aber denkbar eindimensional flach und uninspiriert blieb. Wellber preschte mal forsch voran oder verweigerte unvermutet den Drive, vom Atmen mit den Sängern, stimmiger Phrasierung, geschärftem, plastischen Klang ganz zu schweigen.

Natürlich ist „Die sizilianische Vesper“ – erstmals an der Bayerischen Staatsoper auf Französisch zu erleben, denn 1969 sang man deutsch – mit ihren Chören, dem oftmals rezitativischen Singen, zunächst wenigen Arien und einer erst langsam an Fahrt aufnehmenden Handlung auch für ein Orchester nicht einfach zu realisieren. Aber genau dafür finden vor einer Premiere ausgiebige Proben statt und nicht umsonst wurde das Bayerische Staatsorchester mehrfach in der Kritikerumfrage des Fachblatts „Opernwelt“ zum Orchester des Jahres gekürt. Davon hört man diesmal leider wenig.

Entstanden zwischen „La Traviata“ und „Simone Boccanegra“, besitzt „Les vêpres siciliennes“ weder die Zugkraft von Ersterer, noch die Stringenz und Dichte von Letzterer. Schon die Handlung ist prekär: Als junger Soldat hat Guy de Montfort eine Sizilianerin verführt. Jahre später leidet die Insel immer noch unter ihren Besatzern, während ein auf dem Totenbett geschriebener Brief der Mutter Montforts, der nun Gouverneur ist, offenbart, dass Henri sein Sohn ist. Dieser liebt Hélène, deren Bruder von Montfort ermordet wurde. Indem Henri das Attentat Hélènes und des Arztes Procida auf seinen Vater widerwillig vereitelt, wird er zum Verräter. Am Ende soll die Hochzeit von Hélenè und Henri eine Befriedung der verfeindeten Lager herbeiführen, doch die Glocken der Zeremonie sind zugleich die Losung für einen Aufstand der Sizilianer und ein Gemetzel an den Franzosen.

Dieses brutale Geschehen, in dem alle Verlierer sind und kein richtiges Handeln möglich scheint, ist laut Regisseur Antú Romero Nunes, dem in Deutschland geborenen und aufgewachsenen Sohn eines portugiesischen Vaters und einer chilenischen Mutter, der 2014 bereits an der Staatsoper „Guillaume Tell“ inszenierte, ein einziger Totentanz. Aber deshalb das Ganze im Stil des mexikanischen Día de los Muertos mit allerlei übergestülpten oder aufgemalten Totenköpfen und Fratzen à la „Grand Guignol“ zu inszenieren (Kostüme: Victoria Behr, Maske: Norbert Baumbauer, Anke Knaf), setzt weniger auf inhaltliche Deutung als auf bloßen Effekt.

Dabei ist die karge Bühne von Matthias Koch im magischen Licht von Michael Bauer von Anfang an faszinierend: Schon zur Ouvertüre verirrt sich da ein kleiner Junge mit hellroter Schwimmweste in einem Lichtkegel, versucht gegen die Wellen in Gestalt einer riesigen schwarzen Plastikplane anzutanzen, verliert den Kampf aber schließlich. Später tritt dieser Junge erneut auf und wir erfahren, dass es der Geist des ermordeten oder zumindest totgelaubten Bruders von Hélène ist. Immer wieder entsteht durch diese Plane, ihre Hängung und wie sie diffuses Licht von oben lenkt, ein anderer Raum. Doch der Regisseur vermag in ihm kaum je Spannung zwischen den Figuren zu erzeugen. Was für ein großartiger Moment gelingt hingegen, als beim Duett Hélène/Henri im vierten Akt zwei der leblos vom Schnürboden hängenden Leichen zum Leben erwachen und die unmöglich scheinende Liebe oder gar Vereinigung der beiden in einem schwerelosen Pas de deux tanzen, bevor sie in einer Pirouette den Blicken des Publikums entschweben (Luftartistik: Nicola Elze, Johannes Thumser). Vom halbstündigen Ballett „Die Jahreszeiten“, blieb zwar wenig übrig und mit dem Rest mühte sich die extravagant kostümierte Sol Dance Company redlich in expressivem Ausdruckstanz (Choreographie: Dustin Klein), dafür war die Musik spannungsvoll modern aufgerauht mit raffinierten Techno-Rhythmen (Sound Interference: Nick & Clemens Prokop).

Rachel Willis-Sørensen verkörperte die Hélène ebenso mühelos wie seelenvoll, während der sonst so höhensicher und schön singende Bryan Hymel krankheitsbedingt immer mehr kämpfen musste, bis er nach dem hier zwischen vierten und fünften Akt gesetzten Ballett nur noch spielen konnte, seinen Part aus der Gasse jedoch Leonardo Caimi sang, der die Partie auch schon an der Frankfurter Oper verkörperte. Was für ein berührender Moment, als der junge Tenor schüchtern zum Schlussapplaus erschien und vom nicht minder verlegenen Hymel ebenso dankbar wie innig umarmt wurde!

Mit stimmlichen Problemen hatte Erwin Schrott zwar nicht zu kämpfen, aber sein Kostüm in einer Mischung aus Inka-König und den prachtvollen, juwelen- und perlenbesetzten Gewändern, die bei der „Semana Santa“ in Spanien oder Lateinamerika zum Einsatz kommen, ließ ihn zur Karikatur werden. Der Bassbariton aus Uruquay trat die Flucht nach vorne an und sang, als wollte er jede Phrase in Anführungszeichen setzen. Bleibt George Petean als Montfort, wohltuend unaufgeregt in seinem Singen und Gestalten. Aber auch er schien sich in Kostüm und Maske nicht sonderlich wohl zu fühlen. Wenn er dann auch noch vor einer Madonnen-Figur agieren muss – wohl die Vision seiner einstigen Geliebten -, die in einer mit Wasser gefüllten Vitrine steht, während hinter ihr Luftblasen aufsteigen, bevor das Wasser abfließt und selbige an das Glas hämmert, dann kann Petean noch so intensiv und schön singen, die Aufmerksamkeit gilt nicht mehr ungeteilt ihm.

„Les Vêpres Siciliennes“ am 18. März 2018 wird ab 18 Uhr kostenlos und in voller Länge auf www.staatsoper.tv übertragen.

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