Verdis Attila an der Scala

Chor der Flüchtlinge

Saisoneröffnung an der Mailänder Scala mit Verdis „Attila“ – ein ziemlich bewegliches Vorzeigestück aus dem Oberitalien der Völkerwanderungszeit – oder warum König Attila nicht bis Rom kam.

Von Derek Weber

(Mailand, 7. Dezember 2018) Die Zeit der großen Demonstrationen scheint auch in Italien vorbei. Der Platz vor der Scala war am Abend der „inaugurazione“, der Saisoneröffnung am 7. Dezember, leer, nur ein paar Feuerwerkskörper wurden trotzig in die Luft geballert. Aber diese Ruhe kann täuschen. Im Theater gab es vor der Vorstelllung einen bemerkenswert langen demonstrativen Applaus für den italienischen Staatspräsidenten Sergio Mattarella . Und da dieses Mal bei der Eröffnungsvorstellung mehr italienisches Publikum als sonst anwesend war, darf man das wohl vorsichtig als ein Zeichen des Nichteinverständnisses der oberen Zehntausend gegen die neuesten Entwicklungen in der italienischen Regierungspolitik werten.

Auch sonst sind Rauchzeichen zu sehen. Nichts Gutes könnten sie für den Intendanten des Teatro alla Scala, Alexander Pereira, bedeuten, gegen den sich Kritik in den obersten Verwaltungsgremien des Hauses regt, weil manche finden, dass sich sein expansiver künstlerischer Kurs finanziell nicht rechnet. Doch ist noch nichts entschieden, und man wird abwarten müssen, wie sich die Dinge entwickeln.
Fürs Erste freilich darf Pereira einen Pluspunkt für sich verzeichnen: Die Premiere von Giuseppe Verdis Jugendoper „Attila“ mit ihrer feurigen Musik kam beim Publikum gut an. Die vereinzelten Buhs richteten sich vor allem gegen den Regisseur, Davide Livermore und seinen Versuch, die Handlung mit Anspielungen auf schwarz uniformierte fremde Usurpatoren und die 1930er- und 1940er-Jahre aufzupeppen. Zumindest war das dienlich, die Trennschärfe zwischen den bösen Hunnen und den guten, unterdrückten Italienern in ein klares Licht zu rücken.

Die Bühnen-Hunnen benehmen sich wirklich so, wie man sich Hunnen vorstellt: Wild und wenig zivilisiert schießen sie die Bevölkerung des Landes über den Haufen, morden, brandschatzen, was das Zeug hält und hinterlassen nichts als Ruinen. Das ist vielleicht eine der Stärken dieser Inszenierung dass sie ein von Kämpfen zerstörtes Land zeigt (Bühnenbild: Gió Forma, Video:D-Wok), vor dessen Hintergrund sich die Handlung abspielt. Ein bisschen weniger Dauerschießen und –morden und Leichenschleifen wäre sicher nützlicher gewesen. Auf der anderen Seite erhält der Chor der Flüchtlinge aus Aquileia so seine verstärkende Motivation.

Attila, der König der Hunnen, ist dabei, Italien zu erobern. Das ist der letzte Inhalt der Oper. Nur einer ist bereit, sich ihm entgegenzustellen: der römische Feldherr Ezio. Und gleich zu Beginn der Oper kommt es zu einer historischen und musikalisch schön ausgemalten Begegnung zwischen Attila und Ezio, bei welcher der Römer klarstellt, dass Attila sich von ihm aus das ganze Universum unterwerfen könne, Italien aber ihm, Ezio (also den Italienern), verbleiben müsse.

Warum nicht „Attila“, sondern der vier Jahre früher entstandene „Nabucco“ zur Befreiungs-Oper erkoren wurde, ist auf den ersten Blick nicht ganz klar auszumachen. Wahrscheinlich liegt das daran, dass die Botschaft des „Va pensiero“-Chors universeller und weniger nationalistisch war. (Das waren noch Zeiten! Wie diese Entscheidung heute ausfiele, bleibe dahingestellt.)

In beiden Opern spielt der Chor (das „Volk“) nicht die Befreiungs-Protagonisten allein, eine wichtige Rolle. In „Attila“ kommt eine regelrechte Verschwörung zum Tragen, an der Ezio, Odabella (deren Vater von Attila ermordet wurde) und der mit ihr verbündete (und in sie verliebte) Foresto teilhaben. Sie versetzen dem Barbarenkönig den kollektiven Todesstoß.

Leicht zu besetzen ist „Attila“ ja nicht. Aber gerade das ist an der Scala hervorragend gelungen. Für die Titelpartie stand mit Ildar Abdrazakov ein farbenreicher und rundum beweglicher Bassist zur Verfügung. Saioa Hernández meisterte bei ihrem Scala-Debut die Klippen zwischen lyrischer Innerlichkeit und fast schon Lady-Macbeth-haftem Realismus mit bewundernswerter Leichtigkeit. Mit Fabio Sartori stand endlich einmal ein kraftvoller Foresto-Tenor auf der Bühne. George Petean sang den Ezio zufriedenstellend, aber ohne jenes innere Feuer, das dereinst – im Dezember 1980 war die legendäre Wiener Staatsopernpremiere mit Giuseppe Sinopoli am Pult – einen Ausnahmesängern wie Piero Capuccilli auszeichnete.

Mitzureden hatten an der Scala auch das weiße Pferd, das Abdrazakov sicher über die Bühne hievte, und eine Unmenge von Elektronik, beweglichen Hintergrundbildern und die ebenso beweglichen Szenenelemente. „Alles fließt“ hätten die alten Griechen wohl – überfordert von so viel Bewegung – dazu gesagt. Auf jeden Fall bewundernswert, dass das Ganze nie aus dem Ruder läuft.
Für den musikalischen Kurs sorgte Riccardo Chailly, der einmal mehr bewies, dass man Verdi auch ohne falsch verstandene Ruckizucki-Italianitá geradlinig und akkurat umsetzen kann.

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