Verdi-Festival an der Oper Lyon

Die Opéra de Lyon zeigt drei die Verdi-Opern „Attila“, „Macbeth“ und „Don Carlos“, die sich mit dem Problem der Macht auseinandersetzen

Von Derek Weber

(Lyon, 16., 17. und 18. März 2018) Rund um die Bekanntgabe des Saison-Programms 2018/19 hatte die Oper in Lyon ein Verdi-Festival gruppiert, das drei Opern vorführte, die kaum auf den konventionellen Spielplänen der Theater zu finden sind: „Attila“ (konzertant), „Macbeth“ und die lange französische Fassung von „Don Carlos“ mit dem Fontainbleau-Akt und dem langen Schlussteil, inklusive dem etwas gekürzten Ballett, das nie gezeigt wird (und auch in Lyon nur in einer etwas gekürzten Fassung zu hören war).
„Attila“

Die größte Leistung vollbrachte dabei wohl der neue junge Chefdirigent der Lyoner Oper, Daniele Rustioni, der alle drei Opern einstudierte und leitete und beim konzertanten „Attila“ auch Einblicke in die Geheimnisse des plötzlichen Übergangs zum Pianissimo gewährte: Er benötigt nur einen geduckten Knicks vor dem Orchester, und schon herrschte gespannte Fast-Ruhe auf dem Podium.

Beim Thema „Verdi und die Macht“ denkt man zuerst wohl an den „Va pensiero“-Chor aus dem 1842 komponierten „Nabucco“, der Jahre später zur geheimen Hymne gewisser – aber beileibe nicht aller – Italiener aufstieg. Aber weder scheint Verdi beim Komponieren Risorgimento-Gedanken gehegt zu haben – sonst hätte er die Oper wohl kaum einer habsburgischen Prinzessin, der Großherzogin Maria Adelaide, Großherzogin von Parma, gewidmet, – noch haben die unmittelbaren Zeitgenossen den Chor als revolutionär und gegen die österreichische Fremdherrschaft gerichtet empfunden.

Im 1846 geschriebenen „Attila“ hingegen geht es ganz klar um Italien, Macht und nationale Selbstbestimmung, wenn der italienische Feldherr Ezio dem Hunnenkönig Attila ausrichtet, er könne von ihm aus die ganze Welt regieren, nur nicht Italien . Es kommt, wie es kommen muss: zum Aufstand, bei dem Attila getötet wird.

Dass das Werk nicht öfter gespielt wird, liegt wohl vor allem daran, dass im heutigen Betrieb die Sänger fehlen, die den Ezio mit Leben erfüllen können, Sänger wie Piero Capucilli , der die Rolle vor vielen Jahren unter Giuseppe Sinopoli in Wien mit feuriger Energie ausstattete und nicht davor zurückschreckte, bei seiner großen Arie den letzten Ton um eine Oktave höher zu singen als von Verdi notiert.

In Lyon war die Partie Alexei Markon anvertraut, der einen hohl klingenden, weil ständig die Vokale abdunkelnden monochromen Ton pflegt. Auch Massimo Giordano kam mit der zugegebenermaßen schwierigen und undankbaren Rolle des Foresto nur unzureichend zurecht. Nur Dmitri Oulianovs Attila und Tatjana Serjan als kämpferische Odabella wussten zu überzeugen. (Beeindruckend ist bei dieser Rolle allein schon die Weite der Tessitur!)

Macbeth Foto: Stofleth Oper Lyon

„Mabeth“

Mit dem auf Shakespeare fußenden „Macbeth“ aus dem Jahr 1847 erreichte Verdi eine neue Stufe der musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten, nicht nur bei der Rolle des skrupulösen Macbeth selbst, der immer tiefer in einen blutigen Machtkampf hineingerät, sondern vor allem bei seinen genauen Anweisungen für die Art, wie die Lady Macbeth an ihre Rolle heranzugehen habe. Da Verdi die Oper 1865 überarbeitet hat, legt das die Vermutung nahe, dass die geradezu erschreckende Modernität der Partitur mit dieser Revision zusammenhinge. Die in Lyon gezeigte Erste Fassung beweist das Gegenteil, bis hin zum „Inno di vittoria“, der mit fast schon Eislerscher Quintenhärte untermalt wird. Wer hätte das dem Verdi von 1847 zugetraut?
Der Komponist hat auch sehr genaue Anweisungen zu der Art hinterlassen, wie – oder genauer – mit wie bewusst hässlicher Stimme die Lady zu singen habe. Das ist aber auch meist die problematische Seite der Interpretinnen dieser Rolle. Auch Susanna Branchini ist keine Ausnahme von der Regel: Sie stößt die von Verdi geforderten „dumpfen“ und „verschleierten“ (also im Sinne des Singens „hässlichen“) Töne meist nicht bewusst unschön hervor. Ihre Hässlichkeit ist eher das Ergebnis einer Anforderung, welche die Grenzen der sängerischen Möglichkeiten streift.

Beim Sänger des Macbeth hingegen hätte man sich eine genauere Formung des Immer-stärker-Getrieben-Seins erwartet. Elchin Azizov setzt zu sehr aufs Virile, zu wenig aufs Gebrochene der Figur. Roberto Scandiuzzi zeichnet einen wunderbar noblen Banco nach. Dem seiner Ermordung vorangehenden, sotto voce gesungenen und nur von der Pauke begleiteten Chor fehlte aber denn doch ein wenig das geforderte Raffinement.

Und die Hexen, die Macbeth an einer Stelle „misteriose donne“ nennt? Mit ihnen hat fast jeder Regisseur seine liebe Not. Ivo van Hove ist da keine Ausnahme: Er führt uns in ein Computer-Großraum-Büro (Bühne: Jan Versweyveld), in dem die Hexen-Sekretärinnen tippselnd auf die Bildschirme starren. Das ist nicht nur auf Dauer wenig kurzweilig, es sagt auch wenig übers Hexenhafte aus, es sei denn, die Szene erinnert einen, wie einem zufällig mitgehörten Pausengespräch zu entnehmen war, an die eigene Büro-Existenz.

Don Carlo Foto: Jean Louis Fernandez

„Don Carlos“

Auch vom von der französischen Grand Opéra beeinflussten „Don Carlos“ gibt es mehrere Fassungen. Beim Lyoner Verdi-Festival wurde auf die im Wesentlichen ungekürzte französische Fassung zurückgegriffen.
Auch beim „Don Carlos“ dominiert das Licht den Raum (Bühne: Alban Ho Van), der in Wesentlichen „rationalen“ Spiel-Anforderungen genügt. Die bedrückende Grundstimmung des Stücks wurde durch die Reduzierung der Bühnenbeleuchtung auf finstere Werte erzielt. Das hatte wesentlich mehr Effekt als die diversen Versuche anderer Produktionen, die Beengtheit der historischen spanischen Gesellschaft durch schroffe Herrschaftsarchitekturen zu charakterisieren. Und die Prinzessin Eboli (ausgezeichnet bei Stimme: Eve-Maud Hubeaux) war an einen Rollstuhl gefesselt – warum?

Gut disponiert waren die beiden Bässe (Michele Pertusi als sturer Philippe II und Roberto Scandiuzzi als Großinquisittor), scharf von der Regie (Cristophe Honoré) gezeichnet war Sergey Romanovsky als cholerisch-unangepasster Don Carlos, sängerisch brillant füllte Stéphane Degout die Rolle des Marquis Posa aus

Insgesamt ist das Verdi-Festival der Oper Lyon gelungen. Das gilt insbesondere für das Orchester und seinen Dirigenten. Die sängerischen Ungleichgewichte sind sozusagen „strukturell“ bedingt. Was fehlt, sind die „italienischen“ Tenöre und Baritons. Daran kann auch die Lyon Oper nichts ändern.

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