Valéry Afanassiev

Wiener Weltschmerz trifft russische Seele

Valéry Afanassiev Foto: Oehms Classics

Valéry Afanassiev fasziniert mit Schubert in München

(München, 19. Dezember 2010) Valéry Afanassiev ist, wie viele große Musiker, ein Meister des Understatements. Ohne Umschweife und lange Begrüßungszeremonien eilt er zu Beginn eines Konzert an sein Arbeitsgerät, dem Flügel. Dem Publikum schenkt er dabei nur einen flüchtigen Blick, wie um zu sehen, ob auch jemand da ist. Seine Gedanken sind schon längst bei der Musik. Mit einer schnellen, kurzen Bewegung wirft er seine Arme nach vorne, um die Handgelenke aus dem Jackett zu befreien, streckt seine Spinnenfinger aus und versenkt sie in den Tasten. Afanassiev ist einer der großen Eigenwilligen im internationalen Klavierzirkus, der immer mehr stromlinienförmige Talente empor spült und die eigenwilligen und kantigen Charaktere eher außen vor läßt. Zeichen unserer Zeit, die das Angepasste liebt und anderes aussortiert. Dabei sind es vor allem Musiker wie Afanassiev, deren Konzerte im Gedächtnis haften bleiben, während man viele andere längst vergessen hat.

Sicher, Afanassievs Schubertbild ist extrem, aber es ist eben auch extrem eindrucksvoll und mit einer Überzeugungskraft und Tiefe klanglich in Szene gesetzt, der man sich nicht entziehen kann. Vom biedermeierlichen Salon ist bei Afanassiev nichts mehr zu hören, sein Schubert ist ein Tragiker durch und durch. Selbst das heiter bewegte f-moll-Moment (Allegro moderato) klingt bei ihm mit dem extrem verzögerten Tempo bedrohlich, gespenstisch. Im den cis-moll und f-moll-Moments werden ungeheuere Kontraste und damit auch Abgründe deutlich, über die diese Musik immer wieder führt. Afanassievs eigene Konzentration und Versenkung überträgt er wie ein Magier auf sein Publikum, das gebannt, ja, wie hypnotisiert, regungs- und geräuschlos der Musik lauscht.

Was sich bei den Six Moments musicaux schon zeigte, wird in Schuberts Abschiedssonate B-Dur, der letzten, in seinem Todesjahr komponiert, noch deutlicher. Hier schimmert noch mehr von Schuberts Bitterkeit und Abgründigkeit durch die heile Biedermeierwelt, und Afanassiev deckt dies schonungslos auf: unendlich ruhevoll und todtraurig im Andante, rastlos-auswegslos im perpetuum-mobilehaften Scherzo und mit erschütternden Abgründigkeiten im Allegro-Finale. Hier ist die Lage – ganz unwienerisch – hoffnungslos und ernst zugleich.
Das Publikum im Münchner Prinzregententheater war tief beeindruckt und bejubelte lang anhaltend Afanassievs russischen Schubert.

Robert Jungwirth

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