Valer Sabadus und Band

Klassik auf anderen Wegen

Die Boulangerie und Valer Sabadus bei den Kasseler Musiktagen

Von Bernd Feuchtner

(Kassel, 31. Oktober 2019) Eine Komponistin wirft lange Schatten: Nadia Boulanger lebte lange und unterrichtete in Paris eine lange Reihe illustrer Schüler. Vor allem ihre amerikanischen Schüler wurden gerne damit verspottet, aus der „Boulangerie“ zu kommen. Ein guter Grund aber auch für drei Musikerinnen, ihr Trio „Boulangerie“ zu nennen: die Pianistin Karla Haltenwanger, die Geigerin Birgit Erz und die Cellistin Ilona Kind. Seit zwölf Jahren spielen sie nun schon ihre besonderen Programme, in denen sie erstens gerne neue Stücke vorstellen und zweitens ebenso gerne plaudern, wie das bei den Soireen im Hause Boulanger einst auch so war.

Bei ihrem Abend bei den Kasseler Musiktagen umrahmten sie Dvořáks f-moll-Klaviertrio nun mit zwei Werken von Johannes Maria Staud. Sie begannen mit vier Miniaturen, die der österreichische Komponist Bálint András Varga gewidmet hatte, dem früheren Lektor der Wiener Universal Edition. Es war allerdings der Kasseler Bärenreiter-Verlag, der die Musiktage 1933 als „Arbeitskreis für Hausmusik“ gegründet hatte und noch heute über den eingetragenen Verein unterstützt. Der enge Kontakt mit dem Publikum ist auch unter der künstlerischen Leitung von Olaf A. Schmitt maßgeblich geblieben, wie man bei diesem Konzert im Ständesaal ablesen konnte. Stauds geistreiche Varga-Miniaturen versetzten das Publikum denn auch gleich in beste Laune. Lebendig und frisch serviert als hors d’œuvre gaben sie den drei Musikerinnen die Möglichkeit, ihren unglaublich homogenen Ensembleklang zu präsentieren. Jede von ihnen gibt ihre eigenen Impulse, aber dann verschmilzt doch alles zu einem plastischen Raumklang.

Das kam natürlich auch dem Klaviertrio opus 65 von Antonín Dvořák aus dem Jahr 1883 zugute. Die ausgefeilte Verarbeitungstechnik Dvořáks wurde so zu beredtem Ausdruck, die sonatenförmigen Ecksätze zu romanhaften Erzählungen und der „Allegretto grazioso“ überschriebene Tanzsatz sorgte als Charakterstück für ein unterhaltsames Intermezzo. Überhaupt trieben die drei Damen dem Stück die Finsterkeit aus, die ihm manchmal unterstellt wird – Energie und Drive hatte es trotzdem. Freilich mag manchem die Kratzbürstigkeit der Geigerin nicht liegen, die das Trio eher dem herben Brahms zuschob als dem eleganten Tschechen.

Vor der Uraufführung des Klaviertrios „Terra Fluida“ – es ist schon sein zweites – führten die Musikerinnen ein charmantes Gespräch mit dem Komponisten Johannes Maria Staud, der mit mehreren Werken im Fokus der diesjährigen Musiktage steht. Er lässt sich gerne von Literatur anregen und diesmal waren es Bücher über Alchimie, die ihn mit ihrem dunklen Forscherdrang in den Bann geschlagen hatten. Und so eröffnet „Terra fluida“ einen bunten, energetischen Raum, in dem sich viele Klangwunder auftun. Die Musikerinnen reagieren mit manchem „Ah“ und „Oh“, sie zischen beim Vorwärtsdrängen, aber vor allem bringen sie mit ihren Instrumenten tausend staunenswerte, aber auch motivisch gebundener Klänge hervor. Auf halber Strecke wird das Tempo zurückgenommen, damit man mehr Zeit zum Lauschen hat, aber zum Schluss führt die Jagd wieder zu einem fulminanten Schluss. Großer, begeisterter Beifall im gut gefüllten Ständesaal.

Ausverkauft war am nächsten Tag die documenta-Halle mit 450 Plätzen. Kein Wunder, hatte sich doch Valer Sabadus angesagt, der großartige Counter. Natürlich sang er Arien von Händel und Vivaldi auf seine verführerische Art, aber diesmal hatte er sich mit den fünf Musikern der Band „Spark“ zusammengetan, die Klassik neu denken – früher hätte man so ein Programm wie „Closer to paradies“ Cross-over genannt. Sie spielen ohne Noten und im Stehen, schon das ist ungewohnt. Sie zerlegen aber auch schon mal eine Händel-Ouvertüre in ihre Bestandteile und zaubern daraus einen minimalistischen Fluss von Patterns – Ambient könnte man das nennen. Eric Satie hätte solche Musique d’ameublement gefallen. Ein Höhepunkt war tatsächlich das Satie-Lied „Les anges“, in dessen göttlicher Schlichtheit, begleitet nur vom Pianisten Christian Fritz, die Stimme von Valer Sabadus sich am reinsten entfalten konnte. Wie gehaucht klang das Klavier, wie gehaucht ließ auch der Sänger die Töne aus dem Nichts entstehen und dort wieder verklingen.

Wie verzaubert klang auch Kurt Weills „Youkali“-Song, den der Blockflötist Daniel Koschitzki, der Anführer von Spark, für seine Truppe arrangiert hat. Hier wurde der Sänger dezent verstärkt, um den ganz großen Ton in die sehr breite Halle zu projizieren, aber das förderte die Bewunderung für seine edle Gesangskunst nur. Bei den klassischen und barocken Stücken verselbstständigte sich die rockige Spiellust der Band manchmal, so dass man ihnen die Gefühle nicht wirklich abnahm – aus gutem Grund hatte die historische Aufführungspraxis den Schleier des 19. Jahrhunderts von der alten Musik gewischt, und wenn sie jetzt in verpoppter Form erscheint, verschwindet ihr Kern erneut und sie wird wieder zur Dekoration.

Damit ist aber nichts gesagt gegen die faszinierende Virtuosität dieser Musiker, allen voran die beiden Blockflöten Andrea Ritter und Daniel Koschitzki, der auch auf der Melodika glänzt. Ganz in ihrem Element waren sie in der zweiten Konzerthälfte, nun in Rotlicht und Nebel, bei zeitgenössischen Songs. Mit Michael Nymans Filmmusik präsentierten sie authentische Minimal Music und in ihren Arrangements von Ramsteins „Seemann“ oder Depeche Modes „One Caress“ erreichten sie gemeinsam mit dem Gaststar grandiose Momente. Cellist Victor Plumettaz konnte seinen noblen Ton vor allem in dem eigenen Arrangement „Scotch Club“ zum Blühen bringen, das das Publikum mit seinem Groove mitriss. Der Abend brachte auf jeden Fall einen sehr vergnüglichen, in Momenten auch atemberaubenden Musikgenuss. Am Ende eine Standing Ovation des überweigend älteren Publikums und zwei Zugaben.

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