Usedomer Musikfestival

Turbinenhalle unter Strom

Foto: Musikfestival Usedom/Geert Maciejewski

Die Baltic Youth Philharmonic eröffnet unter Kristjan Järvi das Usedomer Musikfestival
 (Usedom, 19. September 2009) Was für ein geschichtsträchtiger Ort im Norden der Ostseeinsel Usedom ist dieses Kraftwerk der "Heeresversuchsanstalt der Luftwaffe" aus der Nazizeit. Von diesem Gelände in Peenemünde aus wurde am 3. Oktober 1942 die erste Fernrakete in den Weltraum geschossen, später erreichten bis März 1945 von hier aus Tausende der berüchtigten V1- und V2-Raketen ihr Ziel England, Belgien und Frankreich und töteten Zigtausende Menschen. Ein hervorragendes Museum in der Anlage erzählt von der Geschichte dieses Ort und der seither vorangetriebenen Raketenforschung durch USA und die ehemalige UdSSR.
Dort, wo heute die Baltic Youth Philharmonic im Eröffnungskonzert mit der ersten Symphonie von Brahms das Publikum förmlich elektrisierte, wurde ab 1942 der Strom für die Raketenproduktion gewonnen: eine riesige Halle, in der die Zeit stehengeblieben scheint, denn es wurde kaum etwas verändert oder verputzt, selbst alte Steuerungskästen sind noch zu sehen, auch in den angrenzenden Räumen, etwa dem heute für Empfänge und als Foyer genutzten turmhohen ehemaligen Kesselhaus. Verrückt nicht zuletzt die Akustik, mit einem Nachhall wie bei einer großen Kirche!
An die 70 junge Musiker aus den 10 Anrainerstaaten der Ostsee (Dänemark, Norwegen, Finnland, Schweden, Estland, Lettland, Litauen, Polen, Russland und Deutschland) wurden für die diesjährige Konzerttournee ausgewählt, arbeiteten in verschiedenen Probenphasen mit dem Dirigenten Kristjan Järvi zusammen und sind seit Juli im Norden unterwegs. Nach Tartu, Helsinki, Kopenhagen, Vilnius und Bremen und vor Stockholm machten sie nun in Peenemünde Station, um das Usedomer Musikfestival zu eröffnen. Denn auf die Initiative von dessen Intendant Thomas Hummel wurde das Orchester im letzten Jahr gegründet.
Felix Mendelssohn ist aus Anlaß seines 200. Geburtstags ein Schwerpunkt des Festivals gewidmet. Also begann das Konzert mit dem sanften Wellenschlag seiner Ouvertüre "Das Märchen von der schönen Melusine", den im übrigen Wagner unverhohlen in seinem "Rheingold" zitierte. Doch je mehr sich das Stück entfaltete, desto stärker  mischte sich die hallige Akustik ein und ließ die Steigerungen allzu massiv und dick instrumentiert erscheinen.
Der 1945 geborene Litauer Anatolijuy Senderovas ist "Composer in Residence" und trat mit seinen neu komponierten Kadenzen für Ludwig van Beethovens eigene Bearbeitung seines D-Dur-Violinkonzerts die Flucht nach vorn an. Am Ende ließ er gar sechs Posaunen mit Zitaten aus der fünften und neunten Symphonie von der Empore schallen, während zwischendurch die Solisten der beiden Fassungen – also Sologeige und Klavier – unter Begleitung des Orchesters miteinander duettieren und auch schon mal einen Ausflug ins 20. Jahrhundert wagen durften. Es war spannend, hörend nachzuvollziehen, wie Senderovas Beethovens originale Kadenzen für Violinfasssung wie Klavierfassung aufeinander treffen und interagieren ließ. Aber irgendwie war man immer wieder froh, wenn erneut Beethovens Konzert pur erklang. Denn der schwedische Pianist Peter Jablonski spielte mit großer Stilsicherheit, Präzision des Anschlags und ohne aufzutrumpfen seinen Part, wie auch das Orchester unter Järvi die problematische Akustik geschickt unterlaufen konnte, weil es soviel Transparenz des Klangs wie nur möglich anstrebte.
Bei Brahms‘ Erster waren alle akustischen Einschränkungen vergessen und die Baltic Youth Philharmonic spielte unter der geradezu tänzerisch eleganten und immer enorm befeuernden Leitung Järvis mit einer Strahlkraft, Wärme und Spontaneität, zugleich mit einer Intensität, die die Halle gleichsam unter Strom setzte, vor allem im Finale, das in einen sich selbst verzehrenden wilden Taumel getriebenen war, bevor der abschließende Choral in dieser "Kathedrale für den Blitzkrieg" einen besonderen Nachdruck erhielt.  
Schon nach dem Feuertanz aus Manuel de Fallas "Dreispitz" begann der Saal zu kochen. Spätestens aber im Finale von Hugo Alfvéns Oper "Der verlorene Sohn", bei dem einem ausgelassenen schwedischen Volkslied auf einer Fidel (hier eine der ersten Geigen) ein turbulenter Tanz des ganzen Orchesters folgte und das Publikum mitklatschen durfte, erreichte die Stimmung erhebliche Siedegrade. Standing Ovations folgten, was bei der Sendung einer Aufzeichnung dieses Eröffnungskonzerts am 8. November 2009 (11 Uhr) durch NDR Kultur nachprüfbar ist.
Ein weiteres Peenemünder Konzert findet am 3. Oktober statt (Liveübertragung auf NDR Kultur). Christoph Eschenbach dirigiert dann das NDR Sinfonieorchester mit Franz Schrekers "Vorspiel zu einem Drama", Felix Mendelssohns erstem Klavierkonzert (Solist: Saleem Abboud Ashkar) und die vierte Symphonie von Johannes Brahms. Daneben gibt es bis 10. Oktober unter dem Motto "Preußens Glanz … eine musikalische Spurensuche" zahlreiche Kammermusik-Abende in Kirchen und Schlössern auf der ganzen Insel. Unter anderem ist Roman Trekel am 25. September in einem Konzert mit Balladen und Kammermusik unter dem Titel "Stettiner Romantik: Carl Loewe und sein Kreis" zu hören; am 27. erklingen Lieder und Kammermusik von Felix und Fanny Mendelssohn; Musik von Johann Friedrich Reichardt und Prinz Louis Ferdinand von Preußen ist ein Nachmittagskonzert am 4. Oktober gewidmet; und am 8. Oktober singt Anja Silja Schönbergs "Pierrot Lunaire".

Klaus Kalchschmid
Informationen und Karten unter 0 Kommentare
/von

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.