Usedomer Musikfestival

Ein Edelstein in der Kulturlandschaft

Länderverbindende Musik: Flügel am Strand von Seebad Ahlbeck Foto: Geert Maciejewski

Das 22. Usedomer Musikfestival stand diesmal im Zeichen Finnlands und bot ein hervorragendes und ungemein vielfältiges Musikprogramm
Von Ekkehard Ochs
(Usedom, September, Oktober 2015) Sich wiederholen zu müssen, kann für einen Berichterstatter unangenehm sein; sich wiederholen zu dürfen, aber kann ihm richtig Freude machen! Nicht zuletzt dann, wenn sich der Gegenstand der Betrachtung – in diesem Fall das 22. Usedomer Musikfestival – als weitere Etappe einer weit über lokale und regionale Grenzen hinaus wirkenden Erfolgsgeschichte erweist: Mit der Stabilität des Bewährten und der Offenheit gegenüber innovativen Neuerungen. Auf Usedom kann sich das Ergebnis der vergangenen 22 Jahre Musikfestival sehen lassen. Intendant Thomas Hummel und sein Team haben es geschafft, den Eindruck von Verschleiß gar nicht erst aufkommen zu lassen, auch wenn sich thematisch mit den jährlich wechselnden Länderthemen rund um die Ostsee Wiederholungen nicht ganz vermeiden lassen. Die „Töpfe“, in die man hinsichtlich Musik und Musikern greifen kann, sind allerdings so reichlich gefüllt, dass jede Befürchtung, man könne einem gewissen Leerlauf anheim fallen, gegenstandslos sind. Was auch 2015 festzustellen war. „Faszinierend finnisch: Sibelius, Tango, Kalevala“ hieß das Motto jener drei Wochen, die vom 19. September bis zum 10. Oktober rund 40 Veranstaltungen an 28 Spielstätten boten und für ca. 14.000 mittlerweile aus der ganzen Republik sowie Polen anreisende Besucher Hochkarätiges bereit hielten.

Wieder bewährte sich eine Länderthematik, die mit ihrem hohen Anteil an hier unbekannter, oft auch zeitgenössischer Musik und dem vorrangigen Einbeziehen aus dem Gastland stammender KünstlerInnen weiterhin das unverminderte Interesse des Publikums findet.  Schon lange unverzichtbar und nahezu vierstellig besucht sind mittlerweile die „Peenemünder Konzerte“, die öffentlichen Konzerte des jährlichen Violoncello-Meisterkurses von David Geringas („Ostsee-Musikforum“), der Wettbewerb „Die Besten von morgen“, der als „Junges Usedomer Musikfestival“ Bundessieger von „Jugend musiziert“ zusammenführt („Achterkerke-Musikpreis“) und der „Usedomer Musikpreis der Oscar und Vera-Ritter-Stiftung“. Hinzu kommen vielfältige Aktivitäten in Schulen und Musikschulen der Insel, ihr polnischer Teil inbegriffen. Und geradezu Kult sind Auftritte des vor acht Jahren vom Usedomer Musikfestival und der Nord Stream AG gegründeten Baltic Sea Youth Philharmonic (BYP). Es vereint unter dem Gründungsdirigenten Kristjan Järvi die besten jugendlichen Musikerinnen und Musiker aus zehn Ostsee-Ländern,  ist von herausragender Qualität und deshalb brandneuer Träger des Europäischen Kulturpreises 2015!

Schon wer nur wenige Tage auf der Insel verbrachte, hatte die Gelegenheit, sich in einer Vielzahl von Veranstaltungsformen, Vorträgen, Ausstellungen, vorwiegend aber natürlich Konzerten ein umfassendes Bild von finnischer Musik und Musikkultur zu machen.
Was bleibt an Eindrücken von diesen drei ereignisreichen Wochen? Da sind zunächst die beiden „Peenemünder Konzerte“ als besonders repräsentative „Botschaften“ an die Musikwelt. Das erste als Eröffnung durch das BYP unter Järvi mit – unter anderem – der „Dritten“ von Sibelius und der heftig gefeierten Uraufführung eines dem Umweltschutz gewidmeten Auftragswerkes, des Klavierkonzertes „Green“ von Severi Pyysalo (Solist: Pauli Kari). Das zweite als höchst spannender Abend mit dem NDR-Sinfonieorchester unter Thomas Hengelbrock und einer exemplarischen Aufführung von Bruckners 7. Sinfonie. Klavierfreunde kamen gleich an drei Abenden auf ihre Kosten – und in den Genuss vieler pianistischer Raritäten aus Finnland: So bot Annika Treutler  neben Beethoven und Schumann nicht nur jede Menge Sibelius und damit ein ziemlich unbekanntes Terrain des Komponisten, sondern mit 12 (von 24) Préludes von Selim Palmgren (op. 17) zudem recht aufschlussreiche Einblicke in das hörenswerte Klavierschaffen dieses „finnischen Chopin“. Auch Maria Lettberg bot Sibelius und neben zahlreichen Miniaturen Erkki Melartins dessen klanglich raum- und (fast) flügelsprengende „Fantasia apocalyptica“ op. 111. Ganz stark auch ein Preisträgerkonzert der Stiftung Young Concert Artists (New York), mit dem der junge Ungar Daniel Lebhardt Furore machte (Bach, Brahms, Liszt). Schon fast Kult sind auch die meist drei Konzerte des Cello-Meisterkurses „Ostsee-Musikforum“. Veranstaltet vom Landesverband MV des Deutschen Tonkünstlerverbandes in Kooperation mit dem Usedomer Musikfestival, hat sich dieses Projekt zum Mekka für Liebhaber besetzungsvariabel celloorientierter Kammermusik entwickelt und sich wieder als Fundgrube so zahlreicher wie lohnender musikalischer Raritäten erwiesen; diesmal eingeschlossen ein „Salon“ mit Stipendiaten der Traute von Mendelssohn-Stiftung.

Die Darbietungsvielfalt des Festivals umfasste weiterhin ein Vokalkonzert des finnischen Ensembles „Lumen Valo“ mit vorwiegend finnischer alter und neuer Chormusik, einen rasanten Kammermusikabend mit Klaviertrios von Sibelius, Kaija Saariaho und Toivo Kuula (Boulanger-Trio), musikalisch begleitete Synagogen- beziehungsweise Inselrundfahrten und Jazz auf einem Ausflugsschiff mit der Potsdamer Band Mueckenheimer. Ebenso wenig fehlten Vorträge und Lesungen, Kammerochesterkonzerte mit der „Weimarer Hofkapelle“ (Nielsen, Glasunow, Sibelius), und dem Stettiner „Baltic Neopolis Orchestra. Letzteres fand als traditioneller deutsch-polnischer „musikalischer Brückenschlag“ mit Werken von Leevi Matedoja, Einojuhani Rautavaara, Giovanni Bottesini, Miecyslaw Karlowicz und Pawel Lukaszewski in Swinemünde statt und besaß mit der Verleihung des Usedomer Musikpreises an die junge finnische Kontrabassistin Katri-Matria Leponiemi eine besondere Note. Künstlerisch ausgesucht repräsentative Höhepunkte waren aber auch eine Serenade mit dem Philharmonischen Bläserquintett Berlin (Mozart, Kalevi Aho), das Leipziger Streichquartett mit den drei diesjährigen Jubilaren Nielsen, Sibelius und Glasunow sowie der spektakuläre Auftritt des SIGNUM-Saxophon-Quartetts mit Sibelius, Glasunow, Rachmaninow und Gershwin. Bliebe neben authentisch musizierter finnischer Foklore noch ein Letztes, sehr Finnisches: der Tango! Auch hier gab es fantastische Auftritte mit dem „Trio Cayao“ Berlin und – als furioser Abschluss des Festivals – das Tango-Orchester Guardia Nueva aus Finnland.
Fazit: Drei Wochen voller abwechslungsreicher und künstlerisch ausgezeichnet dargebotener Musik vorzugsweise finnischer Provenienz, denen auch der Kultusminister von Mecklenburg-Vorpommern, Mathias Brodkorb, seine Ehrerbietung nicht versagen konnte. Er sprach von einem „Edelstein“ in der Kulturlandschaft. Recht hat er!
                                                                                                                

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