Uraufführung von Kurtágs Endspiel nach Beckett an der Scala

Im Nirgendwo

Samuel Becketts Theaterstück „Fin de Partie“ ist doch noch zu seiner Musik gekommen: Die Mailänder Scala präsentierte die Uraufführung der Oper von György Kurtág

Von Derek Weber

(Mailand, 15. November 2018) Nun ist sie also doch noch Wirklichkeit geworden. Die Idee, Samuel Becketts in den 1950er-Jahren entstandenes Theaterstück „Fin de Partie“ („Endspiel“) in Musik zu setzen. Zu verdanken ist dies dem jetzigen Intendanten der Mailänder Scala, Alexander Pereira, der unermüdlich Überzeugungsarbeit geleistet hat. Er kennt den Komponisten György Kurtág noch aus seiner Jahrzehnte zurückliegenden Wiener Zeit, als er der Leiter des Konzerthauses war, verfolgte das Projekt der Kommissionierung einer Kurtág-Oper in der kurzen Periode, als er Leiter der Salzburger Festspiele war, nahm es in die Lombardei mit und hielt mit unerschütterlichem Optimismus daran fest. Gegen alle Häme, die ihm entgegenschlug, weil doch – so wurde kolportiert – der über 90 Jahre alte ungarische Komponist gar nicht in der Lage sein werde, ein so großes Projekt wie eine Oper zu realisieren.

In der Tat grenzt es an ein Wunder, dass ein Mann, der als Meister der intimen Form und der Kammermusik gilt, dazu überredet werden konnte, seine erste Oper zu schreiben, ein Stück im Großformat also, mit dem Titel „Samuel Beckett: Fin de Partie, scènes et monologues“. Das Libretto respektiert den Text des Theaterstücks insofern, als mehr als die Hälfte des Originaltextes – auf den Punkt genau: 56 % – sich in der Musik wiederfinden.
Dieser unvollkommenen, weil bloß quantitativen Zählung muss hinzugefügt werden, dass die Textbruchstücke durch musikalische Kommentare und Fortspinnungen verbunden sind und dass der sprachliche Duktus des Originals eine musikalisch konnotierte, veränderte Form erhalten hat. Nur ein sensibler Wort- und Silbenklauber wie Kurtág selbst war wohl in der Lage, diese sprachlich-musikalische Feinarbeit der Umformung und „Übersetzung“ in ein anderes Metier zu leisten.

In diesem Zusammenhang ist es nicht ganz unwichtig, zu wissen, dass Beckett selbst schon an die Möglichkeit der „Musikalisierung“ eines eigenen Textes dachte: Morton Feldman (der Beckett um ein Libretto gebeten hatte) war dazu ausersehen, diesen Text Ende der 1980er-Jahre als Oper für eine Solostimme und großes Orchester mit dem Titel „Neither“ zu komponieren. Feldman starb kurz darauf; die Oper aber wurde 1991 in Amsterdam von eben jenem Pierre Audi in Szene gesetzt, der nun auch in Mailand (und in Kooperation mit der Scala) Kurtágs „Fin de partie“ auch an der Niederländischen Nationaloper in Amsterdam) herausbringt.

Unter Berücksichtigung all dieser persönlichen Querverbindungen kann es nicht wundern, dass bei der Mailänder Uraufführung am 15. November eine nicht zu übersehende Sensibilität obwaltete, die dem Werk eine freundliche und positive Aufnahme sicherte. (Interessantes Detail am Rande, dass nicht nur die musikalische Öffentlichkeit, sondern gerüchteweise auch der ungarische Ministerpräsident Viktor Orban bei der Premiere anwesend war.)

Etwas mehr als zwei Stunden dauert die Oper, die eine Situation der Ausweglosigkeit schildert: Hamm und der Diener Clov verbringen immergleiche trostlose Tage in einem Haus am Meer, im Nirgendwo. Eindringlich-abstrakt und doch an reale Orte erinnernd das Bühnenbild, verschlissen wirkend die Kostüme von Christof Hetzer und unwirklich das Licht von Urs Schönebaum, düster das Haus, in dem auch die Eltern Hamms leben und in Mülltonnen vor sich hinsiechen. Alle sind sie an ihre Orte gefesselt, wie sehr sie sich auch aussichtslos bis hektisch bewegen.

Vielleicht hat man deshalb zu wenig Geduld mit dem Stück, findet es bisweilen langatmig, gerade heute, in einer Zeit des schnellen kapitalistischen Konsumismus, der kein Verweilen und keine Langsamatmigkeit akzeptiert.
Die Musik Kurtágs ist von raffinierter Duchhörbarkeit und von einer unterirdischen Vorwärtsbewegung getrieben, die sich nicht sofort dem Ohr erschließt. Sie vertraut auf die Bläser, meidet die Streicher und vertraut den Blechbläsern erst gegen Schluss der Oper chorisch-kompakte, strettamäßige Aufgaben an, die im Visuellen durch schattenhafte Akzente verstärkt werden, ehe die Musik im Nichts versinkt.

Den Sängern merkt man – positiv gesprochen – die langen Probezeiten an. Da ist im Akzentuieren ebenso nichts dem Zufall überlassen wie im Scala-Orchester, das von Markus Stenz minutiös angeleitet wird. Wenn ein Sänger hervorgehoben werden darf, dann ist das Frode Olsen als blinder Hamm, nicht zuletzt auch deshalb, weil er am Ende der Oper ein wenig verschämt einen fast traditionell-opernhaften Ton anschlagen darf.

Einige wenige Zuseher und –hörer haben nicht bis zum Ende durchgehalten. Ein Fehler, denn das Ende der Oper hält eine beträchtliche Steigerung und Fokussierung parat. Vielleicht wird man erst im Lauf der Zeit erkennen, welch besondere Musik da entstanden ist. Ob die Mailänder Zeitungen genug dazu getan haben, Kurtágs Oper den Boden der Hör-Bereitschaft zu ebnen, bleibe dahingestellt. Aber das wäre wohl anderswo in traditionellen Musikstädten und beim heutigen Zustand der durchschnittlichen Zeitungen nicht anders gewesen.

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