Uraufführung von Hosokawas Kleist-Oper in Stuttgart

Magisches Beben

Die Stuttgarter Uraufführung von Toshio Hosokawas „Erdbeben.Träume“ nach Heinrich von Kleist ist orchestral ein Ereignis

Von Klaus Kalchschmid

Stuttgart, 1. Juli 2018) 1998 wurde Toshio Hosokawas fantasievolle, ganz japanisch geprägte Shakespeare-Adaption „Vision of Lear“ bei der Münchner Biennale sehr erfolgreich uraufgeführt, und eine Oper nach Heinrich von Kleists Novelle „Das Erdbeben in Chili“ gab es 2003 hier am Gärtnerplatztheater auch schon: Awet Terterjans bereits 1986 komponierte fast oratorische Oper „Das Beben“, bei der das Geschehen im Parkett stattfand, während das Publikum in den Rängen saß. Jetzt hat Hosokawa auf den gleichen Stoff seine fünfte Oper komponiert, der „Hanjo“ (2004), „Matsukaze“ (2011) und „Stilles Meer“ 2016 in Hamburg vorausgingen.

Ähnlich Letzterer, die musikalisch ebenso suggestiv wie leise Traumata von Erdbeben und Tsunami thematisiert, beginnt die neue Oper mit unmittelbar berührender, fein schillernder und doch magisch monochromer Traum-Musik: Da offenbart ein Paar über schwebenden Klängen und beunruhigend ruhevoll seinem Sohn, dass er nicht ihr leibliches Kind sei; im Hintergrund singt ein Chor aus dem Off sanft Tröstendes und formuliert zugleich die Aufforderung: „Alles Verschüttete aufspüren…“ Am Ende kehrt diese Musik beinahe wörtlich zu diesem großartigen Anfang zurück, und die Handlung bleibt erneut stehen. Sie bezieht sich – von den exakt übernommenen Namen der Protagonisten – nur vage das Handlungsgerüst übernehmend auf Heinrich von Kleists großartig dichte, ergreifend tragische Novelle „Das Erdbeben in Chili“ und läuft gleichsam als Rückblende in den Augen des Sohns namens Philipp ab.

Immer wieder erlebt man an diesem Abend Musik wie nicht von dieser Welt, ob in mehr oder minder ausgedehnten Zwischenspielen, die auf unterschiedlichste Weise zusammenfassen, überleiten, vorwegnehmen oder in gesungenen Dialogen, die auch zu veritablen Duetten gerinnen können. In große Streicher-Flächen und -Glissandi webt Hosokawa oft kaum merklich aufscheinende kleine melodische Wendungen, macht den Klang da für Momente ganz menschlich und verletzlich, aber auch betörend schön. Wenn – allerdings selten – Blechbläser dreinfahren, dann tun sie es mit apokalyptischer Dringlichkeit. Einem langsam und leise sich aufbauenden, erst am Ende tektonisch geschichteten Orchesterstück gelingt die Imagination eines Erdbebens mit Tsunami; es macht hörbar, wie sich das Meer zurückzieht, wie trügerische Stille, ja Stillstand entsteht, bevor ganz allmählich das Grauen seinen Lauf nimmt.

Nur einmal, bei der Hetzrede des Wachmanns Pedrillo (Torsten Hoffmann) an die Menge mittels Megaphon, in der er nach der Katastrophe die Schuldigen für das Erdbeben sucht, wird Hosokawa unangenehm plakativ, Posaunen in den Proszeniumslogen eingeschlossen, und mit erhobenem Zeigefinger geht das Licht im Zuschauerraum an. Dieser Moment soll wohl den blutrünstigen Mob der Erzählung kennzeichnen, die ausgerechnet während der Messe ausrastet und bald für vierfachen Totschlag verantwortlich ist: an den Eltern Philipps und zweimal versehentlich. Das erste Mal an Juan, am Sohn von Jeronimo und Josephe, sowie an Constanze, der jüngeren Schwester von Elvire. Aber das sprengt den immer wieder durchscheinenden Requiem-Charakter des Stücks, der auch „Stilles Meer“ oftmals prägte.

Auch die Inszenierung von Jossi Wieler und Sergio Morabito steuert da nicht gegen, sondern verstärkt das Ostentative sogar, wie das Regie-Duo überhaupt dem Ganzen eine sehr konkret realistische Fassung gibt, vor allem was den hier vielbeschäftigten und in jeder Hinsicht hervorragenden Chor der Stuttgarter Staatsoper angeht, den Anna Viebrock in erlesen bunte Hässlichkeit eingekleidet hat. Diese Meute – darunter auch ein denkbar überflüssiger „Chor sadistischer Knaben“ unter Führung eines Countertenors (Benjamin Williamson) – gerieren sich schon mal als Katastrophen-Touristen. Sie bevölkern ein Bühnenbild (Viebrock), das aus sich aus Versatzstücken zusammensetzt, die sich auf reale Verwüstungen in Fukushima beziehen: einen teilweise durchgebrochenen Holz-Fussboden, nackte Betonwände, eine Fußgänger-Brücke oder einen surrealen Licht-Strom-Mast. Diese Elemente verschieben sich immer wieder vertikal gegeneinander als sei die Erde in steter Bewegung: ein schöner Effekt, nicht mehr, nicht weniger.

Ein Ärgernis ist freilich das Libretto von Marcel Beyer: Nur selten ist es poetisch verdichtet, vielmehr oftmals geschwätzig, manchmal bemüht artifiziell, manchmal auch banal, wenn etwa der Wachmann Pedrillo in einer „Verzweiflungsarie“ singt: „Ohne Pfefferspray geht keine Strohwitwe mehr vor die Tür. Kein Junggesellenabschied endet ohne Kabelbinder“. Manchmal rettet sich Hosokawa, indem er den Text nur sprechen lässt, aber weil er akustisch verstärkt wird, ergibt das ein Ungleichgewicht zum viel leiseren und weniger direkten Ton des gesungenen Worts. Dafür komponiert der Japaner die Gesangslinien in ebenso schlichter, harmonisch wie melodisch zwingender Diktion. Und das Ensemble der Stuttgarter Oper setzt sie fulminant und mit großer Souveränität um: Das überlebende Paar Elvire (mit großer Strahlkraft: Sophie Marilley) und Fernando (Bariton André Morsch als Fels in der Brandung) überzeugt ebenso wie Josephe (mit lyrischer Emphase: Esther Dierkes) und ihr geliebter Privatlehrer Jeronimo (mit hellem, fast verletzlich klingenden Bariton: Dominic Große), deren Schicksal ihr kleiner Sohn (Sachiko Hara) den ganzen Abend erinnert.

Dennoch ist Hauptakteur des Abends das phänomenal „sprechende“ Orchester. Und man möchte immer wieder die Augen schließen, um sich ganz auf die Differenziertheit konzentrieren zu können, mit der Sylvain Cambreling und das Staatsorchester Stuttgart alle Feinheiten der Partitur auffächern und mal intensiv, mal intim pastellfarben leuchten lassen. Da ist alles Drumherum vergessen und die orchestrale Dichte paart sich in der Vorstellung mit der Sprachmacht Kleist.

Werbung


0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.