Uraufführung eines Flötenkonzerts von Manoury in Köln

Tour de force

Emmanuel Pahud spielt mit dem Gürzenich-Orchester unter Francois-Xavier Roth Philippe Manourys Flötenkonzert

Von Christoph Zimmermann

(Köln, 9.Juli 2018) Obwohl das Flötenkonzert „Saccades“ von Philippe Manoury ein gemeinsames Auftragswerk des Gürzenich-Orchesters, des Orquesta Sinfonica do Estado de Sao Paulo, des Orchestre Philharmonique de Radio France und der Tokyo Opera City Cultural Foundation ist, hatte die Uraufführung in der Kölner Philharmonie unter Francois-Xavier Roth eine besondere lokale Bedeutung. Sie bildete den Schlussteil der „Kölner Trilogie“, welcher Manourys Orchesterstücke „Ring“ und „In situ“ vorausgingen. Eine Besonderheit bei diesen Werken war die Orchesteraufstellung. „Ring“ (2016) verwirklichte das im Wortsinn. Die Zuhörer schienen von einzelnen Instrumentengruppen regelrecht um“ringt“, die kommunikative Zielsetzung seines Stücks unterstrich der Komponist zudem dadurch, dass er die anfänglichen Publikumsgeräusche sich mit der eigentlichen Musik verzahnen ließ. Ähnliches gilt, freilich nicht ganz so aufwendig, auch für „In situ“ (2016), wo es genauso wichtig ist, wo „die Klänge herkommen wie die Klänge selber“, so der 1952 geborene Komponist. Die Gruppierung beim Flötenkonzert hingegen ist konventionell. Als Besonderheit der Besetzung fiel allerdings auf, dass im reich besetzten Schlagzeugarsenal die Pauken fehlen.

Gemeinhin gilt die Flöte ja als lyrisch edles, fast sogar elysisches Instrument. Das ignoriert Manoury ostentativ. Gleich die ausgedehnten Anfangssoli erfordern ein Spiel mit Flatterzunge, und an hochgetriebenen, gepreßten, schneidenden Tönen herrscht in der Folge kein Mangel. Erstaunlich die weitgehende Dezenz des Orchesters; zunächst schleicht es sich in das Werk mit leisen Streichertremoli regelrecht hinein. Man empfindet sogar Assoziationen zu den klanglichen Nebelschwaden der „Hebriden“-Ouvertüre von Mendelssohn, die an dem Abend auch zu hören war. Später sorgen helle Stabspiele und Schellen für sanftes Klangschweben. Insgesamt wird das Orchester zurückhaltend eingesetzt, dominiert gerade mal im zweiten der fünf Abschnitte.

Der Flötenpart mit seinen extremen Techniken ist eine tour de force. Das verwirklicht im Grunde nur ein Ausnahmemusiker. Emmanuel Pahud ist ein solcher. Er spielte das ihm gewidmete Werk mit immenser Energie und zirzensischer Virtuosität – ein fast schon dämonischer Interpret ohne Furcht und Tadel. Die zweifellos vorhandenen Anstrengungen ließ er kaum spüren.

Übrigens hat sich Manoury eine kleine Kapriole erlaubt. An einer Stelle nahm Francois-Xavier Roth, selber ausgebildeter Flötist, eine Piccolo in die Hand und duettierte mit dem Solisten. Vor einiger Zeit hatte er sich im Zugabenteil eines Konzertes auch als Chansonnier präsentiert. Womit wird man ihn noch erleben? Der Musik des von ihm hochgeschätzten Manoury war er ein souveräner Anwalt, und die Gürzenich-Musiker konnten sich auf seine exakten gestischen Weisungen uneingeschränkt verlassen. Die lokalen Rezensionen beurteilten das Manoury-Werk übrigens recht unterschiedlich.

Schon ein dezentes Crescendo der Trompeten zu Beginn der „Hebriden“-Ouvertüre hatte angedeutet, dass Roth der bestens vertrauten Musik individuelle Farbtupfer entlocken würde. Das Dur-Thema in den Celli geriet ausgesprochen sämig und volltönend, Übergänge wurden dynamisch sensibel gestaltet. Insgesamt erlebte man eine klanglich reich illustrierende Interpretation. Mendelssohns geniale Musik gibt sie freilich vor.

Das Hauptmotiv von Beethovens „Fünfter“ ließ Roth noch in den Auftrittsbeifall des Publikums hineindonnern, jedenfalls im besuchten zweiten Konzert der Abo-Trias. Das verstimmte ein wenig, aber dem Dirigenten kribbelten wohl die Finger. Roth ließ keinen Zweifel daran, dass Beethovens Musik von revolutionärer Gesinnung durchdrungen ist. Bei ihm gab es wenig agogisches Verweilen, sondern stürmisches Vorwärtsdrängen. Dazu radikale Pianissimo-Kontraste und viele bislang nicht erlebte Nuancen. Roths Furioso-Interpretation, bei welcher das Orchester voll mitzog, kam beim Publikum bestens an.

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