Uraufführung einer Hannah-Arendt-Oper in Regensburg

Heidegger entzaubert

Das Regensburger Theater hat mit Ella Milch-Sheriffs „Die Banalität der Liebe“ eine spannende Uraufführung über Martin Heidegger und Hannah Arendt realisiert

Von Bernd Feuchtner

(Regensburg, 4. April 2018) Eben noch ein Opernheld mit strahlendem Tenor und nun dies: Martin Heideggers größte Schmach, musikalisch raffiniert zubereitet von Ella Milch-Sheriff. Das Orchester intoniert eine Parodie des sarkastischen Trauermarsches aus Mahlers Erster Sinfonie – allerdings zur Melodie „Deutschland, Deutschland über alles“ – und vom Himmel regnet es gelbe Judensterne, auch über dem Parkett. In seiner Freiburger Rektoratsrede hatte der berühmte Philosoph 1933 Adolf Hitler als den Erfüller von Deutschlands Zukunft gefeiert. Die junge Hannah Arendt schaute entsetzt zu. Sie war seine Geliebte.

Hannah Arendt war nicht die erste Studentin, die sich in ihren Professor verliebt, und nicht die letzte. Und Heidegger nicht der erste verheiratete Professor, der sich auf eine Liebschaft mit einer jungen Studentin einlässt, und nicht der letzte. Dennoch beschwört er die dämonische Notwendigkeit dieser Leidenschaft, ganz gemäß seiner Existentialphilosophie. Nein, nein, sagt der Librettist Savyon Liebrecht, das war eine ganz banale Liebe wie jede andere. Und die Komponistin Ella Milch-Sheriff unterstreicht das mit einer Musik, die ständig mit anderen Zungen redet. Im Auftrag des Theaters Regensburg hat sie eine bemerkenswerte Oper geschrieben, die viele Fragen aufwirft und gar nicht erst vortäuscht, sie auch zu beantworten.

Schon die Einleitung droht mit einem Walking Bass, als käme gleich der Weiße Hai. Milch-Sheriffs Musik schafft Atmosphären, die der Zuschauer gleich einordnen kann. Etwa wenn „America“ aus der West Side Story erklingt und wir daran sofort erkennen, dass wir jetzt in der New Yorker Universität sind, in der Hannah Arendt wegen ihrer umstrittenen Berichterstattung vom Eichmannprozess boykottiert wird. Als Buchhalter des Todes hatte sie ihn beschrieben, der einfach tat, was gerade zu tun war und ihn weiterbrachte. Er hatte sich nie dazu entschieden, er hatte nie die Wahl, entweder gut oder böse zu sein, er tat es letztlich aus Gedankenlosigkeit. Das Böse ist nicht dämonisch, sondern meistens geschieht es aus Gedankenlosigkeit: Es ist banal. Heidegger wäre gerne dämonisch gewesen, aber auch er war nur banal. Deshalb war er auch nicht fähig, nach 1945 seinen Fehler zu erkennen, zu benennen und zu bereuen.

Als die 18-jährige Hannah Arendt 1924 zu Heidegger an die Marburger Universität kam, war sie fasziniert von der Brillanz seiner Seinsphilosophie. Und dann auch von dem Mann, der ohne große Umschweife in einer verborgenen Waldhütte ein Verhältnis mit ihr begann. Die Hütte gehörte Hannahs Freund Rafael Mendelssohn, der in sie verliebt war. Doch das nahm sie nicht wahr, sie lieferte sich Heidegger ganz und gar aus. Sara-Maria Saalmann als junge Hannah singt und spielt die Unbefangenheit des jungen Mädchens ebenso überzeugend wie Vera Semeniuk die alte Arendt, die nachdenklich das Handeln ihres damaligen Alter Ego beobachtet. Und Seymur Karimov als Raphael Mendelssohn (der Heideggers Vortrag auf der Mandoline begleitet) hat scheinbar die einzige authentische Musik des Abends, als er von Nazis mit deutschen Schäferhunden malträtiert wird, während die Bücher deutscher Autoren verbrannt werden.

 

Vera Semeniuk alias Hannah Arendt Fotos: J. Quast

 

Heidegger hat Milch-Sheriff zu einem Tenor gemacht, und auch das ist Teil seiner Schmach. Es war eben auch einfach der Tenor, auf den die junge Sopranistin abgefahren ist. Ein wenig steif bleibt Angelo Pollak als junger Mann, der seine Wirkung kennt. Doch das passt gut zu dieser Partie: Heideggers Wirkung war zu großen Teilen auch eine Projektion auf die deutschen Sprachungeheuer, die er aus einer falsch verstandenen Romantik gebar und die nahtlos in die Anbetung Hitlers weitergeführt werden konnte. Nach dem Krieg begegnet Hannah Arendt ihrem einstigen Geliebten noch einmal: Adam Kruzels Gesicht als alter Heidegger (nun ein Bariton) ist blutverschmiert, aber sie reicht ihm am Ende die Hand. Der Geliebte und der Nazi, das sind zwei verschiedene Gesichter des gleichen Menschen. Zu Tode erschrocken war sie damals, als Heidegger Rafael als „Jud“ bezeichnet hatte, und da war ihr bewusst geworden, dass dieser Stempel jetzt auch auf ihrer Stirne saß.

In dem jungen Journalisten, der sie 1975 interviewt, erkennt sie erst spät Rafaels unversöhnlichen Sohn – Matthias Laferi singt ihn mit schönem, klarem Tenor geradeaus und spielt ihn gnadenlos. Auch aus dem Chor (von Alistair Lilley trefflich einstudiert) treten zahlreiche Solisten hervor; die anderen sitzen paffend als lauter Hannah Arendts auf Stühlen herum und beobachten die Vorgänge. Vier schwarze Wände mit Leuchtsockeln bilden das Bühnenbild, das Florian Etti auf der Drehbühne in die verschiedensten Positionen bringt, um die rasch wechselnden Spielorte anzudeuten. Konkretes bietet nur ein abgesägter Baumstamm, der für die vergewaltigte Natur steht – Heidegger hielt sich viel zugute auf seine Bodenständigkeit und entwickelte seine Ästhetik bekanntlich anhand der Bauernschuhe auf einem Bild von van Gogh; er philosophierte an ihnen über die Scholle und über das Wesen des Bauern, wie es im Kunstwerk zum Ausdruck kommt, doch es waren leider nur die Schuhe des Malers …

Der israelische Regisseur Itay Tiran bringt die vom Librettisten schön verschachtelte Geschichte ohne Schnörkel auf die Bühne. Er lässt so Theater spielen, dass es im vollbesetzten Haus beim interessierten Regensburger Publikum ankommt, auch wenn man nicht Heidegger gelesen hat. Milch-Sheriffs Oper lässt uns sinnlich spüren, was da vorgeht mit den Figuren auf der Bühne, was in ihnen stimmt und was nicht. Dirigent Tom Woods lässt das Orchester stimmungsvoll begleiten. Und noch einen ganz besonderen Effekt hat die Komponistin sich ausgedacht: Heidegger beginnt zur Parsifal-Musik zu dozieren, er spielt den Erlöser. Dabei zwingt er Hannah Arendt in die Rolle der Kundry. Die Musik macht unmissverständlich klar, dass Kundry eine von Wagners Judenfiguren ist, die Erzteufelin, die schon den Heiland auf seinem Weg zum Kreuz ausgelacht hat. Sie darf nur noch dienen und am Ende sterben – an der Erlösung hat sie keinen Teil. Hannah Arendt hört in diesem Moment aber auch noch einen Tristan-Moment. Wäre sie bereit gewesen zu sterben für diese Liebe? Das wäre dann doch zu banal gewesen.

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