Uraufführung der Oper „L’Invisible“ in Berlin

Todesnähe

Die Uraufführung von Aribert Reimanns neunter Oper „L’Invisible“ an der Dt. Oper Berlin unter Donald Runnicles wird zu einem großen Erfolg für den Komponisten – vor allem in musikalischer Hinsicht

Von Klaus Kalchschmid

(Berlin, 8. Oktober 2017) Aribert Reimanns neunte Oper ist nach der gewaltigen, scharfkantigen, lauten und auch gewalttätigen „Medea“, die 2010 an der Wiener Staatsoper herauskam, über weite Strecken ein leises Kammerspiel wie sonst nur noch seine Strindberg-Vertonung „Die Gespenstersonate“ (Berlin 1984). Mit drei kurzen Dramen Maurice Maeterlincks („L’Intruse – Der Eindringling“, „Intérieur“ sowie „La Mort de Tintagiles – Der Tod des Tintagiles“) suchte sich Reimann entsprechend intime, rätselhafte, allesamt um den Tod kreisende Stücke aus, die er raffiniert verknüpfte und zugleich instrumental und vokal voneinander absetzte.

Zinovy Margolin hat dafür an der Deutschen Oper Berlin eine teils realistische, teils surreale bühnenbreite Hauswand an die Rampe gebaut, die von Fenstern, Türen und einer dreiteiligen Veranda-Glaswand durchbrochen ist. Diese Wand lässt sich immer wieder nach hinten verschieben, wie umgekehrt Innenräume unmerklich nach vorne wandern können. Darin beginnt in der ungemein genau gearbeiteten Inszenierung des jungen Vasily Barkhatov diese „Trilogie lyrique“ mit einer Familie, die nach dem Essen noch beim Wein zusammensitzt. Die Spannungen in den Beziehungen ihrer Mitglieder untereinander werden in jeder Bewegung sichtbar, denn Großvater, Vater, Onkel, Ursule und ihre jungen (Zwillings-)Schwestern warten auf eine weitere Verwandte; nur der blinde Großvater spürt die Anwesenheit eines unheimlichen Fremden. Im Nebenzimmer überlebt am Ende die Mutter die Geburt ihres Kindes nicht.

In „Intérieur“ sind wir nach dem Fin de Siècle, also einer Zeit um 1900, in dem der erste Teil spielte und Materlincks Dramolette entstanden, in den 1950er Jahren angekommen. Zwei Männer („Der Alte“ und „Der Fremde“) beobachten eine Familie, wie sie den Weihnachtsbaum schmückt, bunte, von leuchtendem Rot dominierte Norwegerpullover auspackt, den Tisch herrichtet.
Der Fremde hat die Tochter des Hauses tot aufgefunden, aber erst ganz am Ende, als die Bewohner des Dorfes sich bereits mit ihr dem Haus nähern, muss er sich entschließen, die Nachricht zu überbringen.

L’INVISIBLE von Aribert Reimann, Deutsche Oper Berlin, Uraufführung: 8.10.2017, copyright: Bernd Uhlig
Musikalische Leitung: Donald Runnicles
Inszenierung: Vasily Barkhatov Bühne: Zinovy Margolin
Kostüme: Olga Shaishemelashvili
Darsteller: Rachel Harnisch, Annika Schlicht,Thomas Blondelle

Das letzte Stück (hier spielt es heute) umfasst die halbe Oper, also knapp 45 Minuten und berichtet von einer alten Königin, die ihren kleinen Enkel hat kommen lassen. Seine beiden Schwestern Ygraine und Bellangère, die den schwächlichen Buben mit aufklappbaren Bilderbüchern trösten, machen sich Sorgen, weil schon dessen Brüder verschwunden sind. Mit der Hilfe des alten Aglovale gelingt es, einen ersten Entführungsversuch der drei Dienerinnen der Königin abzuwehren. Beim zweiten Mal kann Ygraine seinen Tod nicht verhindern. Regisseur Barkhatov zeigt ihn vervielfacht: als Strangulation, Verkehrsunfall mit brennendem Wagen und Sanitätern, Fenstersturz und im Krankenhausbett, wo der Junge fast das ganz Drama zugebracht hat und von seinen (hier Kranken-)Schwestern betreut wird, denen sich am Ende eine zugesellt, die eigentlich eine der böse Dienerinnen ist. Jetzt endlich offenbart auch die Musik Emotion, bäumt sich auf, schreit auch mal, weint, um am Ende wieder in den stoischen Tonfall des Beginns zurückzufallen.

Fast 25 Minuten lang gibt es im ersten Teil eine monochrome Grundierung dank vielfach geteilter Streicher, die selten mehr als ein mezzoforte spielen dürfen und immer wieder anders geschichtet, ge- und entfaltet oder verdichtet werden; bedrohlich knallt allerdings das Pizzicato der Kontrabässe am Steg in diese sanften Blöcke und Cluster hinein. Außergewöhnlich für Reimanns sonst so exaltiert charakteristischen Vokalstil großer, gezackter Bögen sind die kurzatmigen, oftmals chromatisch angehauchten Floskeln in kleinen Intervallen, die ein bedrohliches Gefühl von Unsicherheit und Sprachlosigkeit erzeugen.

Mit dem Geburtsschrei des Kindes brechen die Holzbläser in einer später als Todesakkord mehrfach abgewandelt wiederkehrenden Schichtung in das Geschehen ein und bringen die Streicher im zweiten Teil zum Verstummen. Wie von Geisterhand bewegt sich da zu Beginn eine Wiege, bevor sie umstürzt und ein Junge herausfällt, der kein Baby mehr ist und am Weihnachtstisch diesen zweiten Teil verschläft. Trotz solistischer Passagen wirkt das innerhalb der Holzbläser weit aufgefächerte Klangbild – ebenfalls eigentümlich statisch, als wollte es das Zögern des Alten und das bleierne Warten beschreiben. Als Marthe und Marie auftreten, greifen sie die Melismen der Dienerinnen im Interlude I auf, denn sie werden durch ihre Kenntnis des Ablebens ihrer Schwester ja ebenfalls zu indirekten Übermittlerinnen einer Todesbotschaft.

Mit dem dritten Teil beginnt sich die Orchesterfaktur nach allen Seiten hin aufzufächern und fällt doch immer wieder in feinste Kammermusik zurück. Sie bestimmt auch die vermittelnden Zwischenspiele der pausenlosen, anderthalbstündigen Oper. Bereits aus dem Off zu hören, sind da drei Countertenöre. Sie werden später, aufgeplustert durch Roben aus mit Luft gefüllten schwarzen Müllsäcken, auch scherenschnitthaft über die Hauswand geistern und auf der Bühne die drei Dienerinnen der Königin spielen. Tim Severloh, Matthew Shaw und Martin Wölfel singen dieses „Trio infernal“, diese geschlechtslosen Todesbotinnen großartig auf dem Grat zwischen Lockung und Bedrohung.

Aber auch die übrige Besetzung ist vom Feinsten: Allen voran die großartige Rachel Harnisch gibt mit facettenreich leuchtendem, sicher und immer ausdrucksstark geführtem Sopran ihren drei Partien (Ursule, Marie, Ygraine) faszinierend unterschiedliches, aber immer bestechend plastisches Profil; auch Mezzosopranistin Annika Schlicht füllt die Partien von Marthe und Bellangère gut aus. Scharf charakterisiert Bassbariton Stephen Bronk seinen drei Partien als dominanter Großvater/Alter/Aglovale wie auch sein junger Fachkollege den Vater im ersten Teil ein faszinierend aufbrausendes Temperament gibt. Tenoral über den beiden schillert Thomas Blondelle als Der Onkel/Der Fremde.

Donald Runnicles hat ein feines Gespür für die innerhalb des gesteckten Rahmens so unterschiedliche Faktur der meist zart schraffierten Musik und realisiert sie mit dem Orchester der Deutschen Oper exzellent. Der sichtbar glückliche 81-jährige Aribert Reimann aber wird vom Publikum als das gefeiert, was er immer noch ist: Der bedeutendste lebende Opernkomponist, der mit „Lear“ 1978 ein bis heute vielfach nachgespieltes Meisterwerk geschaffen hat. An dessen Theaterwirksamkeit und musikalische Wucht kann „L’Invisible“ in seiner subtilen Altersweisheit freilich nicht heranreichen, auch wenn die Uraufführungsproduktion mit Erfolg alles getan hat, auf raffinierte Weise dem manchmal wenig konkreten Text und der daraus folgenden Musik des Understatements und der Andeutung Klarheit und Schärfe der Deutung entgegenzusetzen – ohne das Rätselhafte von Handlung und Musik damit zu verraten.

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