Unbekannte Opern beim Festival in Martina Franca

Schwindelerregende Höhen

Eindrücke vom Opernfestival Martina Franca mit Opern von Porpora, Manfroce, Cimarosa, Vinci und Sellitti

Von Thomas Migge

(Martina Franca, im August 2019) Seit 10 Jahren ist Alberto Triola Direktor eines der wichtigsten italienischen Opernfestivals. Dem Kulturmacher ist es in diesem Jahr, dem 45. des Festivals della Valle d’Itria im ungemein malerischen Städtchen Martina Franca, gelungen, an die Ursprungsidee dieser ehrgeizigen Veranstaltungsreihe anzuknüpfen.

Im Zentrum stand vor allem ein Thema: die Oper Neapels zwischen dem 18. und frühen 19. Jh. und die Wiederentdeckung musikalischer Werke, die man seit ihrer Zeit nie mehr oder nur noch sporadisch zu hören bekam. Bis auf Domenico Cimarosas bekannter Oper „Il matrimonio segreto“ wurden nur Wiederentdeckungen geboten. Zwei davon im Freien, im Innenhof eines alten Bauernhofs etwas außerhalb der Stadt, der Masseria San Michele.
Zwei komische Kurzopern des 18. Jhdts. „L’ammlato immaginario“ von Leonardo Vinci und „La vedova ingegnosa“ von dem weniger bekannten Giuseppe Sellitti. Ungemein agile und spielwitzige, wenn auch stimmlich nicht überragende Sänger boten zwei spritzige Inszenierungen unter der musikalischen Leitung von Sabino Manzo. Allesamt Nachwuchssänger und -Musiker, die auf jeden Fall bewiesen, dass diese komischen Werke ungemein kurzweilig sein können.

Das Orchester Armonia Atenea unter der Leitung des barockerfahrenen Dirigenten George Petrou bot eine mitreißende Interpretation von Nicola Porporas Pastiche-Oper „Orfeo“. Eine Komposition aus Arien von Porpora, aber auch, wie es damals üblich war, von bekannten Arien aus Opern von Hasse, Vinci, Veracini u.a. Sicherlich eine an schwierigen und komplexen Arien reiche Oper, die von Sängern schwindelerregende stimmliche Höhen abverlangt, denn schließlich handelt es sich bei diesem „Orfeo“ um ein Werk, mit dem Porpora 1736 in London beim anspruchsvollen Publikum brillieren wollte. Damals verfügte der Komponist über einige der berühmtesten Kastraten als Sänger. In Martina Franca sangen neben Anna Maria Sarra als Euridice und Davide Giangregorio als Plutone Sänger, die allerdings nicht so sehr vermitteln konnten, welches musikalische Potential in den einzelnen Arien steckt. Countertenor Raffaele Pe als Orfeo war unbestritten eine gute Besetzung, doch wenn es steil in die Höhe geht, lässt er nicht nur stimmliches Potential vermissen, sondern auch jene Geschmeidigkeit der Stimme, die solche hochkomplexen Arien erfordern.

Die Regie übernahm Massimo Gasparon. Eine Nicht-Regie, denn die Sänger bewegten sich nur langsam in neobarocken Kostümen aus anscheinend kiloschweren Stoffbahnen. Auch die aufwendig gestalteten Kopfdekorationen ließen nicht viel Bewegungsfreiraum. Interessant war bei dieser Oper vor allem der Umstand, dass man sie überhaupt wieder zu hören bekam.

Das gilt auch und vor allem für die mit großer Spannung erwartete Neuinszenierung der Oper „Ecuba“ von Nicola Antonio Manfroce. Der 1791 im kalabresischen Palmi geborene und mit nur 22 Jahren im Jahr 1813 in Neapel verstorbene Jung-Komponist ist eher in Expertenkreisen ein Begriff. Seine 1812 in Neapel uraufgeführte dramatische Oper „Ecuba“ (mit dem eher belanglosen Libretto von Giovanni Schmidt) erzählt die Geschichte der zweiten Ehefrau des trojanischen Königs Priamus. Nach dem Tod ihres Sohnes Hektor versucht sie die Ehe zwischen ihrer Tochter Polissena mit dem Mörder ihres Sohnes, des Griechen Achilles, zu verhindern. Die Geschichte endet dramatisch, mit der Zerstörung Trojas und einer langen Schlussarie der Ecuba, die von einer solchen dramatischen Tiefe ist, dass sie allein schon das Werk hörenswert macht.

Meisterhaft interpretierte Carmela Remigio die Titelrolle. Norman Reinhardt als Achilles, Mert Süngü als Primos und Roberta Mantegna als Polissena waren ebenso ausgezeichnet wie die musikalische Interpretation des Orchesters des Teatro Petruzzelli in Bari und des Nachwuchsdirigenten Sesto Quatrini, der für den kranken Fabio Luisi im letzten Moment eingesprungen war. Quatrini gelang es den Kern der Komposition herauszuarbeiten: eine Musik zwischen dem späten Gluck und dem frühen Rossini. Eine CD-Einspielung dieser wirklich beachtenswerten Inszenierung wären wünschenswert. Die Regie stammte von Italiens Opernaltmeister Pieri Luigi Pizzi.

Und noch ein Wort zu Pizzi in Bezug auf Cimarosas „Matrimonio Segreto“. Dem fast 90jährigen gelang es überzeugend, diese komische Oper in einem modernen Ambiente anzusiedeln, denn sämtliche Charaktere dieses Werkes lassen sich problemlos „modernisieren“. Pizzis Regie war spritzig und intelligent. Die stimmlichen und schauspielerischen Qualitäten von Marco Filippo Romano als Signor Geronimo, Maria Laura Iacobellis als Elisetta, Benedetta Torre als Carolina, Ana Victoria Pitts als Fidalma, Vittorio Prato als Conte Robinson und Alasdair Kent als Paolino begeisterten und überzeugten auch das kritische Publikum. Ohne Abstriche war diese Inszenierung die mitreißendste der diesjährigen Ausgabe des Festival della Valle d’Itria.

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