Verdis "Un ballo in maschera" unter Philippe Jordan in der Inszenierung von Wieler/Morabito an der Berliner Lindenoper
(Berlin, 20. Januar 2008) Diese Bühne (Barbara Ehnes) mit einer häßlichen Kassettendecke, großer Bar unter breiter Balkonbrüstung, links hinten einer kleinen Showbühne, kann alles sein: Frühstücksraum, Hotelhalle, Ballsaal, nächtliche Alptraumszenerie. Dann werden die gläsernen Säulen mit einem Mal durchsichtig und zu riesigen Reagenzgläsern voller toter Flora und Fauna, bilden die auf Augenhöhe abgesenkten Glitzerlampen futuristische Sträucher. Hier - auf Verdis Hinrichtungsstätte im zweiten Akt seines "Ballo" -verdichtet sich die Inszenierung von Jossi Wieler und Sergio Morabito immer mehr, hier begegnet sich das heimliche, platonische Liebespaar, findet es erst- und letztmals zu einem leidenschaftlichen Kuss zusammen. Während das Publikum nach diesem Duett tobt, spielen Catherine Naglestad als Amelia und Piotr Beczala als Riccardo, Gouverneur eines imaginären amerikanischen Staats, subtil weiter, zärtlich sich liebkosend. So muss Oper sein, durchdacht, präzise und doch spontan - mit Sängern als singende Schauspieler.
Dass die Szenerie hier in einem Hotel spielt, alle irgendwie Schlafanzüge tragen, verkleinert das Geschehen nicht, sondern gibt ihm eine zutiefst menschliche Dimension, eine komische Note, die das Tragische umso mehr leuchten lässt. Am ergreifendsten ist das, wenn sich im dritten Akt Renato, der Ehemann Amelias den Attentätern Riccardos nähert und nicht nur verbal seinen Sohn als Pfand für die Ernsthaftigkeit seiner Komplizenschaft anbietet. Wieler/Morabito lassen diesen kleinen Jungen auftreten: Er gibt den potentiellen Mördern (in Nebenrollen denkbar präsent: Andreas Bauer und Oliver Zwarg) artig die Hand, zieht die Schlinge, mit der der Vater vorher schon seine Frau töten wollte, den Männern aus der Jacket-Tasche, und erlebt die Losziehung, wer denn den tödlichen Schuss abgeben muss, als Spiel. Er klatscht zum Takt von Verdis Musik heiter mit - und im Zuschauer verkrampft sich alles ob dieser Koinzidenz von kindlicher Arglosigkeit und perfidem Mordplan.