Ultraschall 09

Musik der DDR in Geschichte und Gegenwart

Das Festival „Ultraschall“ in Berlin beging vom 23. Januar bis 1. Februar 2009 sein 10-jähriges Jubiläum mit einem Blick auf „Klänge aus einem verschwundenen Land“
(Berlin, 2. Februar 2009). Zum 20. Jahrestag des Mauerfalls hat sich die Hauptstadt ein ambitioniertes Kulturprogramm verordnet, das bereits im vorigen Sommer der Öffentlichkeit vorgestellt wurde – doch die ersten sichtbaren Anzeichen, in Gestalt einer eher putzigen Infobox am Potsdamer Platz und eines albernen roten Heliumpfeils in luftiger Höhe, der geschichts- und veranstaltungsträchtige Orte markieren soll, rufen eher gemischte Gefühle hervor; und an das Projekt, anlässlich des mehrtätigen „Festes der Freiheit“ rund um den 9. November von Schülern eine kilometerlange „Mauer“ aus bunten Bausteinen errichten und sie dann symbolträchtig umstürzen zu lassen, mag man lieber noch gar nicht denken.
Seriöser wandte sich zu Beginn des Jahres das Neue-Musik-Festival „Ultraschall“ dem Thema zu; es hatte in diesem Jahr ebenfalls ein Jubiläum zu begehen, sein 10-jähriges nämlich, und das ist wahrhaftig ein Grund zum Feiern: Denn nicht nur hat das von gleich zwei Öffentlich-rechtlichen Rundfunksendern – Deutschlandradio Kultur und dem Rundfunk Berlin-Brandenburg – veranstaltete Festival im Laufe des Jahrzehnts erheblich an Umfang gewonnen, es kann auch stolz darauf sein, einen festen Platz im Kalender einiger der führenden Neue-Musik-Ensembles ebenso wie des Publikums erobert zu haben.
Markenzeichen: Neue Chance für vorhandene Werke
Von Geburtstagsparty indessen keine Spur; vielmehr kam man dem eigenen Anspruch nach, ein vielfältiges, hochkarätiges und, ein Markenzeichen von „Ultraschall“, beziehungsreiches Programm zu präsentieren. Wie gewohnt standen nicht Uraufführungen im Mittelpunkt, sondern der zweite Blick auf bereits erfolgreich aufgeführte Werke, die damit dem Schicksal einer Einweg-Produktion entgehen und oftmals mithilfe von „Klassikern“ des Repertoires in einen ganz neuen Kontext gerückt werden. Und einen programmatischen Schwerpunkt bildeten, aus gegebenem Anlass, „Klänge aus einem verschwundenen Land“: Musik von DDR-Komponisten aus der Zeit vor, während und nach der Wende; Erträge der überaus lebendigen Neue-Musik-Szene Ostdeutschlands, der in den 90er Jahren der Boden unter den Füßen weggezogen wurde; Werke von seinerzeit wegweisenden Komponisten, die heute großenteils aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit verschwunden sind.
Explizit ging es den Veranstaltern darum, nicht ein klingendes Kompendium zu erstellen, sondern durchaus subjektiv motivierte Schlaglichter zu werfen, mit Mut zur Lücke und zu offenen Fragen. Aus den Aufführungen ausgewählter Werke von führenden Komponisten der DDR – wie Georg Katzer, Friedrich Goldmann, Rainer Bredemeyer oder Friedrich Schenker – und jüngeren Kollegen, deren Karriere sich hauptsächlich nach 1989/90 entwickelte – wie Steffen Schleiermacher oder Carsten Henning – ergaben sich für den Besucher eher bruchstückhafte, aber farbenreiche Erkenntnisse: wie die an sich banale Feststellung, dass in der DDR keineswegs nur Kompositionen im ästhetischen Sinne des sozialistischen Realismus entstanden und erfolgreich aufgeführt worden sind, sondern dass die verschiedensten Strömungen, vom Serialismus bis zur musique concrète mit ihrer Einbeziehung von Umweltgeräuschen, auch hier ihre Spuren hinterlassen haben; dass auf der anderen Seite aber offensichtlich der Bezug auf den Hörer, das Bedürfnis, sich mitzuteilen und verstanden zu werden, wesentlich breiteren Raum eingenommen hat – oder wie es Georg Katzer in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung formuliert: Die Komponisten „mochten avantgardistisch schreiben, sie ließen jedoch den traditionellen Werkbegriff unangetastet“.
Begegnung Berlin – Tel-Aviv und die unbekannte Posaune
Der traditionelle Werkbegriff war während des Festivals in zahlreichen Ausprägungen zu betrachten – auch beim Blick über den einheimischen Tellerrand: etwa in einem mehr als vierstündigen Mammut-Konzert unter dem Motto „Begegnung Tel Aviv – Berlin“, ein Projekt des Goethe-Instituts in Tel Aviv, mit Werken deutscher und israelischer Komponisten, gespielt von Musikern des Ensemble Nikel aus Tel Aviv und des ensemble mosaik aus Berlin: Kompositionen aus unterschiedlichen Kulturkreisen, die sich bei allem individuellen Ausdruck so unterschiedlicher Künstlerpersönlichkeiten wie etwa Helmut Oehring (der den Bogen zum DDR-Schwerpunkt personifiziert) und der großartigen Komponistin Chaya Czernowin (deren klangmagisches, auf physikalischen Phänomenen gründendes Stück „Sahaf“ für Saxofon, E-Gitarre, Schlagzeug und Klavier trotz seiner Kürze zu den Höhepunkten des Festivals zählte) großenteils doch frappierend ähneln.
Auch hier also keine tönende Enzyklopädie mit Beispielen für diese und jene Musikkultur, aber ein ereignisreicher Abend in einem sehr bunten Festival-Programm – welches auch vor dem scheinbar Populären nicht zurückschreckte: Das Posaunen-Ensemble „composers slide quartet“, erstmals bei „Ultraschall“ zu Gast“, bot ein ausgesprochen kurzweiliges Konzert mit Kompositionen von unter anderem von Friedrich Schenker und Rolf Riehm. Diese loteten auf allerhöchstem spieltechnischem Niveau das farbenreiche Spektrum der Posaune ausloteten und ließen wahrhaft unerhörte Klänge auftauchen.
Man darf gespannt sein auf die zehn kommenden Jahrgänge von „Ultraschall“…
Eva Blaskewitz

 

 



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