Ulisse Köln

Make Ithaka great again

René Jacobs Foto: harmonia mundi

René Jacobs dirigiert Monteverdis „Ulisse“ mit dem Ensemble B’Rock in Köln
Von Christoph Zimmermann
(Köln, 19. März 2017) Mit schöner Regelmäßigkeit führt René Jacobs (auch) in der Kölner Philharmonie komplette Opern auf. Die aktuelle Wahl galt Claudio Monteverdis „Il ritorno d’Ulisse in patria“. Wie immer ist die Präsentationsform eine halbszenische, ohne Kulissen, aber mit Kostümen, welche einen Charakter andeuten; dazu sparsame Gesten und Gänge. Besonderheiten des Aufführungsortes können in solch einem Falle wirkungsvoll mitspielen (Treppen, Emporen etc.). In Brüssel, Amsterdam und im Theater an der Wien (Gastspielorte für diese Produktion neben Köln) dürften sie im Detail unterschiedlich sein.
Die Kölner Oper hatte den „Ulisse“ 1985 mit Thomas Hampson im Repertoire, wobei man (in Koproduktion mit Salzburg) die großorchestrale Bearbeitung von Hans Werner Henze wählte, welche zum ausladenden Regiestil Michael Hampes passte. Dass sich ein Mann wie René Jacobs zur historischen Aufführungspraxis hin ausrichtet, muss nicht eigens betont werden. Aber auch hier gibt es keineswegs die „einzig“ richtige Lösung. Man darf Jacobs indes glauben, dass er dank seiner einschlägigen Erfahrungen (auch als Sänger) die Aufführungspraxis des Barock (hier liegt ein Repertoireschwerpunkt von ihm) und der Klassik bis in kleineste Details hinein kennt. So verweist er immer wieder auf eine interpretatorische Besonderheit im 17, Jahrhundert, nämlich die Improvisation, welche heute mitunter wieder revitalisiert wird.
In der Epoche des Vorbarock war es für Komponisten möglich und auch üblich, sich bei der Notenniederschrift auf melodieführende Stimmen und den Generalbass zu beschränken, für den zudem keine Angaben hinsichtlich gewünschter Instrumente gemacht wurden. Dies war umso weniger notwendig, als es noch nicht die Trennung zwischen Rezitativ und Arie gab. Der deklamatorische Still bei „Ulisse“ erfordert einen durchgehenden Orchesterteppich, mit freilich dramaturgisch motivierten Farbwechseln. In dem von René Jacobs für die „Ulisse“-Aufführungen herangezogenen B’Rock Orchestra fallen im von Saiteninstrumenten bestimmten Ensemble Blockflöten, Zinken, ein Dulzian, drei Posaunen sowie ein apart genutztes Schlagzeugarsenal auf. Das agile Dirigat von Jacobs und sein genuines  theatralisches Gespür sorgen für zusätzliche Lebendigkeit.
René Jacobs hat live und bei Aufnahmen immer wieder mit unterschiedlichen Klangkörpern zusammengearbeitet. Mozarts „Cosi fan tutte“, die er im April mit dem Freiburger Barockorchester präsentiert, erarbeitete er 1998 mit Concerto Köln. Mit dem Orchester von Concerto Vocale nahm er Monteverdis „Ulisse“ 1992 auf. Nach nunmehr einem Vierteljahrhundert hört man wie schon erwähnt das belgische  B’Rock Orchestra, ein Instrumentalkreis erster Güte, federnd, animierend und farbenreich aufspielend. Das prägnante Musizieren dürfte in den Proben verlässlich erarbeitet worden sein. Bei der eigentlichen Aufführung sind wirklich prägnante Impulse von René Jacobs nämlich nur bedingt erlebbar. Er schlägt den Takt (nicht einmal immer ganz musiksynchron) mit dem Kopf ständig in der Partitur, den Mitwirkenden gönnt er kaum je einen Blick. Auch wenn schon oft erlebt, wirkt diese Prozedur immer noch etwas irritierend. Aber das Endergebnis spricht positiv für sich.
Mit vielen Sängern arbeitet René Jacobs regelmäßig zusammen. Möglicherweise ist Marcos Fink an diesem Abend der „dienstälteste“ unter ihnen. Sein Name sei aber auch deswegen vorrangig erwähnt, weil seine Schwester, die Mezzosopranistin Bernarda Fink, lange Zeit zum Stammensemble bei Jacobs-Aufführungen gehörte und nota bene die Penelope in seiner „Ulisse“-Einspielung von 1992 war. Auch nicht zum ersten Mal erlebt die Kölner Philharmonie den Tenor Jörg Schneider, welcher mit übrigens ausnehmend schöner Tenorstimme den Vielfraß Iro verkörpert und dabei ironisch die eigene Leibesfülle ins Spiel bringt. Sonderapplaus für die Szene, wo er den ermordeten Freiern nachtrauert, welche bisher für sein leibliches Wohl sorgten.
Auch Johannes Chum (Freier Anfinomo) besitzt trotz seines (nicht offiziell bestätigten Alters) um die fünfzig eine Stimme von nach wie jugendlicher Leuchtkraft, welche sich mittlerweile auch im Wagner’schen Heldenfach bewährt (trotzdem singt er aktuell noch Mozarts Pedrillo!). Unter den Jungtenören besticht der 28jährige Pierre Derhet (Eurimaco) mit sanft flutendem Gesang und leicht baritonaler Färbung seines Organs. Etwas „schmaler“, gleichwohl attraktiv und jugendfrisch, wirkt Anicio Zorzi Giustiniani als Telemaco. Sein Debüt 2001 lässt gleichwohl von einem schon etwas vorgerücktem Alter des Sängers ausgehen. Dazu findet sich unter den insgesamt sechs Tenören dieser Oper Thomas Walker als treuer Hirt Eumete (ausgesprochen charaktervoll) und Mark Milhofer als hellstimmiger Freier Pisandro. Über einen machtvollen basso profondo (mit sicherem tiefen D) verfügt Jérome Varnier (Nettuno).
Bei den Damen ist vor Mirella Hagen (Amore/Giunone), Marie-Claude Chappuis (Minerva/(L’umana fragilità) und Mary-Ellen Nesi (Fortuna/Melanto/Ericlea) die serbische Mezzosopranistin Katarina Bradic zu nennen, als Penelope von Kopf bis Fuß und bis in die Kehle hinein eine damenhaft elegante Attraktion. Dennoch: das Ereignis des Abends ist Stéphane Degout mit seinem höhengestählten Bariton, welcher der Titelfigur markantes Profil gibt. Seine Darstellung vermittelt packend das Schicksal des von Nettuno über die Meere gejagten Herrschers von Ithaka. 41 Jahre alt ist dieser Ausnahmesänger. Man wird ihn also hoffentlich noch häufig erleben können.
Die Freier Penelopes tragen übrigens T-Shirts mit der Aufschrift „Make Ithaka great again“. Kommt einem das nicht irgendwie bekannt vor?


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