Kurzopern und Grenzüberschreitungen bei der Musikbiennale von Venedig

Über den Atlantik

Die 62. Musikbiennale Venedig 2018 präsentiert zeitgenössische Musik aus Nord- und Südamerika – im Fokus dabei Keith Jarrett, Elliott Carter und die Falklandinseln

Von Susanne Lettenbauer

(Venedig, Anfang Oktober 2018) Im Oktober, wenn es abends auf dem Markusplatz empfindlich frisch wird, das Wasser bedenklich steigt, die Stars und Sternchen der Filmbranche längst weggeflogen sind, alle Löwen vergeben, die Kunstausstellung in den Giardini ihrem Ende zugeht, dann startet die Musikbiennale. Lange Jahre ein Stiefkind neben dem Glamour der Kunstpavillons und Kinoleinwände am Lido, obwohl mit Gründung 1930 das zweitälteste Festival in der Lagune. Es ist keine einfache Aufgabe für die Musikbiennale am Ende des Jahres im Reigen der anderen Biennalen von Venedig Architektur, Theater, Tanz, Kunst und Film mitzuhalten.

Um das Publikum auch noch im Oktober zu begeistern, haben sich die Kuratoren in den 62 Jahren des Bestehens des Festivals einiges einfallen lassen: Da war der amerikanische Jazzer Uri Caine mit seinem einjährigen Intermezzo 2003, der die New Yorker Undergroundszene an die Lagune holte. Dann kam Giorgio Battistelli 2004-2007, der italienische Komponist mit seinen hohen Ansprüchen an das Budget des bis dahin notorisch unterfinanzierten Festivals. Nicht anders Komponist und Siemens-Musikpreisträger Luca Francesconi 2008-2011. Seit der Mailänder Pianist Ivan Fedele die Geschicke seit nunmehr sieben Jahren solide leitet, ist so etwas wie Kontinuität in das durchaus wichtigste italienische Festival für zeitgenössische moderne Musik eingezogen. Eigene Biennale-Kompositionsklassen wurden etabliert, auf moderne Klassik spezialisierte Orchester Italiens erhalten hier eine der wenigen Plattformen des Landes.

Der Goldene Löwe, erst 2006 für die Musiksparte ausgelobt, adelte in den vergangenen Jahren Komponisten wie Wolfgang Rihm, Sofia Gubaidulina, György Kurtag, Salvatore Sciarrino, Tan Dun, Steve Reich.
Ob aus Mangel an Nachfolgern oder weil Biennale-Chef Paolo Barrata einfach nur zufrieden ist mit dessen Performance, erhielt Fedele 2017 eine Vertragsverlängerung auf unbestimmte Zeit. Viel Glamour lässt sich von dem Dozenten an den Konservatorien von Mailand, Bologna, Turin und zuletzt Straßburg, nicht unbedingt erwarten, und das Festival würde von einer extrovertiert-extravaganten Künstlerpersönlichkeit wie Uri Caine sicher mehr profitieren.

In den 60er Jahren tummelten sich hier die Großen der zeitgenössischen Musik wie Luigi Nono, Luciano Berio in den wechselnden Locations. Mal im Teatro Goldoni am Rialto, im Teatro Malibran, sehr selten im Teatro La Fenice, vor allem aber in den alten Kasematten der Militäranlagen des Arsenale. Fussläufig gut eine Viertelstunde von der Vaporettostation, der Wasserbushaltestelle, entfernt.
Da Laufpublikum dort selten ist, versucht Festivalchef Fedele seit geraumer Zeit das Programm auch für andere Musikstile zu öffnen, um mehr jüngeres Publikum anzuziehen.

Foto: S. Lettenbauer

Unter dem Motto „Crossing the Atlantic“ gedenkt die Musikbiennale heuer mit der italienischen Erstaufführung des abendfüllenden Werk The Yellow Shark des 25. Todestages von Frank Zappa. Anfang der 90er Jahre für das Frankfurter Ensemble Modern komponiert, erschien das Album kurz vor seinem Tod 1993. Niemand geeigneterer als Sänger David Moss konnte dafür verpflichtet werden, seit Jahren einer der wichtigsten Akteure der Biennale. Man habe Frank Zappa bislang in Italien nur in Ausschnitten aufgeführt, erklärt Ivan Fedele die späte Erstaufführung und Verneigung vor dem Grenzgänger zwischen Rock, Pop und Orchesterkompositionen. Mit Berührungsängsten habe das nichts zu tun. Und tatsächlich: Venedig kann Frank Zappa und nicht nur Vivaldi oder Straußwalzer auf dem Markusplatz. Klanggewaltig bescherte das römische PMCE, Parco della Musica Contemporanea Ensemble unter Tonino Battista , dem Festival einen gebührenden Start in das diesjährige Amerika-Programm mit interkontinentaler Spurensuche:
„Wir untersuchen in diesem Jahr die musikalischen Einflüsse zwischen den Kontinenten Europa und Amerika. Nord- wie auch Südamerika“, heißt es im Programmheft. „Da gibt es natürliche viele Verbindungen aufgrund der ähnlichen Kultur, aber eben auch interessante Neuentwicklungen.“

So lässt sich nicht nur Frank Zappa entdecken. Der amerikanische Komponist Elliott Carter wäre in diesem Jahr 110 Jahre geworden, Zeit, seine Werke wie Luimen (1997) oder die späten Dialogues (2003) auch in Italien aufzuführen. Noch immer frische, durchsichtig humoreske Musik mit einem viel weitgefassteren Focus auf die Möglichkeiten der modernen Musik, was durch die Musiker des römische PMCE einen Nerv des begeisterten Publikums traf.
1924 hörte Carter zum ersten Mal in der Carnegie Hall Igor Strawinskys „Le sacre du printemps“. Später förderte ihn Charles Yves. 1997 schrieb Carter, bald 90-jährig, seine erste Oper What Next, die in Berlin an der Staatsoper Unter den Linden durch Daniel Barenboim uraufgeführt wurde.

Opern stehen, je nach finanziellen Möglichkeiten, fast jährlich auch auf dem Programm der Musikbiennale. Oft nur Einakter, wie die vom Biennale College Musica entwickelten vier Kurzopern junger italienischer KomponistInnen zum Schluss des Festivals, aufgeführt vom außerhalb Italiens eher wenig bekannten Ensemble Novecento dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia.

Als ein Schwerpunkt im diesjährigen Programm muss die Aufführung der Polit-Oper „Aliados“ gelten. Komponist Sebastian Rivas, argentinischer Abstammung und Absolvent des Pariser IRCAM, verarbeitet in seinem Erstlingswerk den Falklandkrieg zwischen Großbritannien und Argentinien im Frühsommer 1982. Zwei tattrige alte Politiker, Margarethe Thatcher und Augusto Pinochet treffen sich 1999 zur Wiedergutmachung des längst beigelegten Konfliktes. Er in quietschgelbem Anzug im Rollstuhl, sie, ganz die eiserne Lady, in dunkelgrünem Tweet und Mitleidspose gegenüber dem geistig umnachteten Diktator. Mittels harter Elektroklänge gräbt Rivas, diesjähriger Träger des Silbernen Löwen, tief in der argentinischen Geschichte. Auf dem Bühnenboden liegt ein Teppich aus Kriegsfotos. Ein nur mit T-Shirt auf der Bühne stehender überlebender Regime-Gegner, mit Tarnflecken beschmiert, beschreibt in kreischenden Tönen die monatelangen Kämpfe um – nichts. Rivas gilt seit der Verleihung des Prix Italia 2012 als große Nachwuchshoffnung in Frankreich. Wie er leben viele südamerikanische Komponisten in Europa: Daniel Alvarado Bonilla, Leonardo Idrobo, Daniel Zea Gomez, Luis Fernando Rizo-Salom und
Juan Camilo Hernández Sánchez. In Venedig gab das unter anderem auf Spektralmusik spezialisierte Pariser Ensemble l’Itinéraire einen kleinen Einblick in deren einerseits von zeitgenössischer Moderne, aber auch von südamerikanischer Folklore inspirierten Werke. Oftmals eher Kompositionsstudien als ausgereifte Stücke, aber auch dafür will die Musikbiennale als Experimentierort zur Verfügung stehen.

Grenzüberschreitungen – der diesjährige Goldene Löwe, die höchste Auszeichnung der Biennale – geht auch deshalb in diesem Jahr an den Jazzpianisten Keith Jarrett. Sein Kölnkonzert von 1975, ein Meilenstein für die Jazzszene. 2006 trat Jarrett im Teatro La Fenice auf, das Live-Album dazu The Sun Whose Rays erscheint in diesen Tagen.
Dass Jarrett durchaus auf einem Musikfestival für zeitgenössische Musik bestehen kann, zeigen die Aufnahmen, in diesem Fall eine Suite aus acht spontan erstellten Stücken, die alles vom Blues bis zur Atonalität referenzieren. Er wechselt sogar überraschend, aber anrührend zu „The Sun Whose Rays (Are All Ablaze)“, aus Gilbert und Sullivans satirischer Operette „The Mikado“.

Die Festival-Jury begründete ihre Entscheidung mit den folgenden Worten:
„Keith Jarrett, der einhellig als einer der bedeutendsten Pianisten im Bereich der Improvisation und Jazzmusik gefeiert wird, ist ein Künstler, der mit außerordentlichem Talent und ebensolcher Kreativität in verschiedenen musikalischen Genres, einschließlich der klassischen Musik, experimentiert hat und dabei Kompositionen schuf, die raffiniert und gleichzeitig intensiv sind. Seine schier endlose Diskographie zeugt von einer grenzenlosen Kunst und einer einzigartigen Persönlichkeit im Bereich des Jazz. Seine Herangehensweise und sein unverwechselbarer Stil sind so persönlich, dass sie ihn zu einem universellen Meister in der Geschichte der Musik machen.“

Krankheitsbedingt konnte der 73-Jährige den Preis nicht persönlich in Venedig entgegennehmen. Da die Übergabe aber persönlich geschehen soll, wartet man ab, bis er wieder reisen kann. (Keith Jarrett, ECM-Neuheit 19. Oktober 2018 – Keith Jarrett solo live in Venedig © Henry Leutwyler/ECM Records Keith Jarrett)

Und um den Bogen ins 21. Jahrhundert zu schließen: Krachend beendete die Biennale ihr Programm in diesem Jahr mit elektronischen Klängen anderer Art: Dancefloor-Musik von Alexander Robotnick auf dem Arsenale-Gelände – nach Theater, Architektur und Kino das letzte Biennale-Festival des Jahres muss sich eben Grenzüberschreitungen überlegen, um gebührend wahrgenommen zu werden.

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