Turn of the srew

Opernkritik: The Turn of the Screw

Grauen à la Hopper

Thomas Deazley als Miles und Pavol Breslik als Quint Foto: Monika Rittershaus

Jan Eßinger inszeniert in Zürich bestechend Brittens „Turn of the Screw“; Layla Claire und Pavol Breslik faszinieren in Rollendebüts
Von Klaus Kalchschmid
(Zürich, 23. November 2014) Am Ende liegt der Geist von Peter Quint hinter dem zusammengekauerten Miles, wie schon mehrfach, wenn der Junge schlief, und man darf sich vorstellen, dass beide – der große und der kleine Junge, Vatergestalt und Sohn, der „Böse“ und der vom Bösen infizierte – sich gegenseitig erlöst haben. Die Gouvernante aber, die das alles vielleicht nur imaginiert hat, sackt am anderen Ende der Bühne in sich zusammen und singt das rätselhafte „Malo“-Lied des pubertierenden Jungen, das um das lateinische Wort für das Böse und den Apfel des Sündenfalls kreist und sich durch die ganze Kammer-Oper für nur dreizehn Instrumentalisten (solistische Streicher und Holzbläser plus Horn, Harfe, Klavier/Celesta und Schlagwerk) zieht.
In Zürich wird das Geschehen um die Geister zweier verstorbener Diener, die sich aus dem Totenreich heraus wieder der ihnen seinerzeit anvertrauten Kinder bemächtigen, und die Geschichte der Gouvernante, die das Mädchen und den Jungen davor bewahren will, dabei aber möglicherweise immer mehr in Wahnvorstellungen verstrickt wird, auf hell beleuchteter Dreh-Bühne immer nur angedeutet. Zwei große, über Eck gestellte durchbrochene Wände dominieren. Zu ihnen gesellen sich immer wieder andere weiße Möbel – Flügel, Puppenhaus, Liegestuhl, Sofa, Schreibtisch (Bühne: Wolfgang Gussmann). Dazu kontrastieren die dezent farbigen, biederen Kostüme (Wolfgang Gussmann, Susana Mendoza) der Entstehungszeit, Mitte der 1950er Jahre. Und nicht nur einmal sieht das so kühl sezierend aus wie auf einem Bild von Edward Hopper.
Nach einem Konzept des erkrankten Willy Decker inszenierte der junge Jan Eßinger ein Kammerspiel, das es in sich hat: Schon wie Peter Quint sich aus der Badewanne erhebt, der gerade Miles entstiegen ist, hat einen schönen Grusel. So setzt sich das mit jeder Szene fort, nach der der Vorhang fällt, um den 15 Variationen auf das (zwölftönige!) Thema des Beginns ungeteilte Aufmerksamkeit zu verschaffen. Immer wieder tauchen Peter Quint und Miss Jessel, die er sich gefügig gemacht und in den Tod getrieben hat, bevor er selbst auf vereister Straße sich den Kopf einschlägt, hinter einer Ecke auf. Plötzlich sitzen sie neben der Gouvernante, oder Peter Quint genießt unvermutet den Blow Job der Miss Jessel.
Schon mit dem Prolog, von Pavol Breslik mit seinem so unverwechselbar timbierten Tenor, dessen lyrischer Kern männlich-jungenhaft leuchtet, nicht minder fein gesungen wie später die verführerischen Melismen des Peter Quint, werden wir in das Geschehen hineingesaugt, erleben wir das „Drehen der Schraube“, wie der Titel der zugrundeliegenden Erzählung von Henry James wörtlich lautet, auf der Dreh-(!)Bühne als ein unerbittlich in die Katastrophe führendes. Die Kanadierin Layla Claire – auch sie Rollendebütantin – brannte mit ebenso loderndem wie gut focussiertem Sopran in Spiel und Singen wunderbar für die ihr anvertrauten Kinder und erlebte zugleich eine Initiation, die sie sie am Ende im Innersten gebrochen zurückließ. Das war in jeder Phrase zu spüren und machte den Zuhörer glücklich. Hedwig Fassbender war als alte Haushälterin Mrs Groose nicht minder exzellent besetzt.
Auch Miles – der 14-jährige Thomas Deazley – und Flora (die 12-jährige Tabitha Tucker) boten eine reife Leistung und trugen zum Gelingen dieses bemerkenswerten Abends nicht wenig bei. Die dreizehn Musiker der Philharmonia Zürich waren unter Leitung von Constantin Trinks ein famoses Kammerorchester, das allen Facetten von Brittens wunderbar luzider Partitur in jeder Phrase gerecht wurde.      

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