Turban Pagaganini

Belcanto-Stückchen auf der Geige

Ingolf Turban spielte mit seinem Orchester „I Virtuosi di Paganini“ im Prinzregententheater Virtuosenstücke von Tartini, Paganini und Nachfolgern.
(München, 11. Oktober 2007) Das macht er doch sehr sympathisch, der Münchner Geiger Ingolf Turban. In seinem Konzertprogramm mit virtuoser Geigenmusik überlässt er sein Publikum nicht seinem eigenen Hörschicksal, sondern leistet tätige Hilfe. In freundlichen, gleichwohl nicht beiläufigem Ton berichtet er aus der Geschichte des virtuosen Geigenspiels, erzählt von der Vorreiterrolle des Italieners Giuseppe Tartini, ohne den Niccoló Paganinis Kunst nicht möglich gewesen wäre. Weist hin auf dessen Unfähigkeit als Lehrer, der zum Trotz sein Schüler Camillo Sivori zu Erfolg gekommen ist, der wiederum sein Können und Wissen an einen Hubert Leonard und, in weiterer Folge, an Henri Marteau weitergeben konnte.

Das war doch recht wertvoll zu erfahren im Münchner Prinzregententheater am Mittwoch, wo Turban (der Bruder der Schauspielerin, Konzertagentin und Lorin Maazel-Gattin Dietlinde Turban) mit seinem Orchester „I Virtuosi di Paganini“ Musik der erwähnten Komponisten spielte. Denn es schärfte doch den Sinn für Musik, die weniger Substanz zu bieten hat als vielmehr, Stück für Stück, eine Reihe von „Special effects“, von denen sich die Menschen in Zeiten vor Stephen Spielberg und Konsorten gerne und tief beeindrucken ließen. Im Interview mit Klassikinfo [Interview lesen] gibt Turban auch klar zu verstehen, warum eine Sonate von Tartini die mit dem „Teufelstriller“ genannt und warum Paganini quasi als der Leibhaftige selbst bezeichnet wurde: das gab es, mangels medialer Verbreitung, nur zu erleben, wenn man den Künstler selbst zu sehen und zu hören bekam. Und das geschah selten genug. Der Raum für Gerüchte war schier grenzelnlos.
Heute, im Bewußtsein der Konzerte von Bach, Mozart, Beethoven, Brahms oder Sibelius, erscheinen einem die ganze Trillerei und all die anderen netten Geigenmätzchen als Salonkunststücke für Damen, die bereit sind, sofort in Ohnmacht zu fallen. Aber Stoff für zwei recht unterhaltsame Stunden liefern sie allemal, zumal, wenn sie so charmant moderiert werden wie von Turban und auch mit soviel Geschmack und Dezenz gespielt wie von ihm und seiner Musikerschar. Denn Turban beherrscht das alles und packt es an mit der heute richtigen Mischung aus Sportsgeist plus wissenschaftlichem Ernst. Er gibt nicht den Teufel, sondern den Kenner und Könner. Er will nicht Ohnmacht, sondern möglichst lustvolle Erkenntnis. Die vermittelt er mit einem kontrollierten, nie vorlauten Ton, der sich auszeichnet durch Glanz und Körper – Turban gibt selbst zu hören, was er mit „Belcanto auf der Geige“ meint.

Trotzdem verlief in diesem Konzert die Grenze zwischen Kunst und Kitsch nicht gerade trennungsscharf. Absolut unerträglich war das Arrangement der Teufelstriller-Sonate für Streichorchester; das ist eine Sonate für Solo und Basso-Continuo und entfaltet gerade in den irrwitzigen Trillerketten so ihre Wirkung; für Orchester-Besetzung gibt es von Tartini jede Menge ebenfalls anspruchsvoller Violinkonzerte. Die einmal kennen zu lernen, lohnte sich gerade in so einem Zusammenhang. Nach dieser Revue gefälliger Kabinettstückchen würde man gerne einmal erfahren, wie Turban mit seinem feinen Ton die Schlachtrösser der Geigenliteratur aufzäumt. Das dürfte gerne mit Mozart beginnen.
Laszlo Molnar

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