Turandot Staatsoper

Turandot ist Big Brother

Foto: W. Hösl

Der ehemalige GMD der Bayerischen Staatsoper Zubin Mehta kehrt für eine "Turandot"-Neuinszenierung nach München zurück – Carlus Padrissa von "La Fura dels Baus" gibt in München sein Regie-Debüt

(München, 3. Dezember 2011) In den 80er und frühen 90er Jahren waren die katalanischen Theatermacher von "La Fura dels Baus" berühmt-berüchtigt. Mit zum Teil drastischen Mitteln und jeder Menge Körpereinsatz sorgten sie in ihren Performances für ein gerüttelt Maß an Verstörung unter ihren Zuschauern. Die ließen sich den Nervenkitzel gerne gefallen, auch wenn es schon mal vorkommen konnte, das etwas oder jemand gegen einen Besucher knallte – Kollateralschäden eines lebensprallen Theaters.

Seit gut zehn Jahren inszenieren "La Fura dels Baus" auch Opern. Angekommen in den Tempeln der Hochkultur, hat sich ihr Theaterstil vom Anarcho-Aktionstheater der frühen Jahre zum furiosen Bildertheater mit viel Bühnentechnik und spektakulären (Video-)Projektionen gewandelt. Dem Opernpublikum fliegt nichts mehr um die Ohren – und wenn, dann so, dass es nicht weh tut. In der neuen "Turandot" an der Bayerischen Staatsoper etwa schweben seltsame Kugeln und Blasen durch den Zuschauerraum. Dazu muss man aber seine 3D-Brille aufsetzen, die man am Eingang bekommt, sonst bleiben die Blasen auf der Bühne kleben.

Nicht immer gelingt die Verwandlung von Opernstoffen in das hypertrophe Bilder- und Maschinentheater der Fura gleichermaßen überzeugend – mitunter, wie etwa beim "Tannhäuser" in Mailand, ersetzt ambitioniertes Videogeflimmer schon mal einen weiterreichenden interpretatorischen Ansatz. Doch wird z.B. ihr Ring in Valencia zu den aufsehenerregendsten Theaterproduktionen der vergangenen Jahre gezählt.

Bislang hat sich Carlus Padrissa, der sich von den Fura-Leuten wohl am meisten für Oper interessiert, mit Vorliebe an Wagner und modernen Klassikern wie Ligeti oder Stockhausen abgearbeitet – auch Berlioz‘ "Faust" (in Salzburg) war darunter. Das kulinarische Operntheater eines Giacomo Puccini schien dagegen weniger geeignet und kam bislang auch nicht vor. Doch für die kulinarische Opernstadt München brachte Padrissa nun seinen ersten Puccini auf die Bühne.
Auch wenn Padrissa – inspiriert von eigenen Reisen ins Reich der Mitte – das China der Turandot als beängstigenden Science-Fiction-Alptraum aus Überwachung und Entindividualisierung inszeniert und damit geschickt einen Bogen von Puccini über Fritz Lang bis zu Ridley Scott ("Blade Runner") schlägt, die eigentliche Geschichte bzw. ihre Protagonisten wirken in dieser Szenerie wie Abziehbilder. Wie die Ölgötzen stehen Calaf, Liu, Timur und Turandot inmitten einer hochtechnisierten Bilderwelt aus Leuchtreklamen, gigantischen Eisbergen (Symbol für Turandot) und mit Menschen besetzten, in der Luft hängenden Waben – Einraumwohnungen für die (chinesischen) Menschen der Zukunft (die Bühne entwarf Roland Olbeter, die Kostüme Chu Uroza). Selbst die vielen, von Turandot ermordeten Männer, die sterben mussten, weil sie die Rätsel der Prinzessin nicht lösten konnten, werden zum schaurig-schönen Bühnenbildelement: Ihre skelettierten Köpfe hängen in einem Netz, das nach oben gezogen als Hintergrundfolie dient.

Padrissa sieht Turandot als Chefin eines pervertierten Überwachungs- und Repressionsstaats und damit ist er natürlich ziemlich nah dran am aktuellen chinesischen Regierungssystem. Ihre Ansprachen richtet die Prinzessin erhöht aus dem Zentrum einer Kameralinse ans Volk, ein künstliches Wesen, zum vielarmigen und -äugigen Monster mutiert: Turandot ist Big Brother. Drumherum gibt es Brot und Spiele für’s tumbe Volk: Holiday on Ice auf der Staatsopernbühne.
Doch wenn Jennifer Wilson alias Turandot aus ihrem Kameraauge heraustritt – nachdem Calaf ihre Rätsel gelöst hat – steht sie reichlich unspektakulär, um nicht zu sagen hilflos auf der glitzernden und glänzenden Riesenbühne herum. Mit den Sängern hat Padrissa offenbar nur sehr wenig gearbeitet, sie sind wie Statisten in seiner Alptraumkulisse. Gesanglich bleibt Jennifer Wilson deutlich hinter den Erwartungen an eine Interpretin dieser Rolle an einem solchen Haus zurück, ihre Stimme klingt oft scharf und spitz.

Marco Berti als Calaf ist glücklicherweise Arena-di-Verona-erprobt. Ein Tenor mit etwas weniger Stimmvolumen würde bei den Lautstärkeexzessen aus dem Orchestergraben heillos untergehen. Zubin Mehta muss die Bayerische Staatsoper mit anderen früheren Wirkungsstätten wie den Caracalla Thermen in Rom (Drei Tenöre) oder der Verbotenen Stadt in Peking ("Turandot", 1998) verwechselt haben, denn was er hier an Dezibel aus dem Graben und von der Bühne (Chor) dröhnen lässt, würde spielend für eine Arena wie die in Verona ausreichen…
Falls die Staatsoper diese "Turandot" im kommenden Sommer als Oper-für-alle auf den Max-Joseph-Platz übertragen sollte, braucht sie jedenfalls keine Lautsprecher aufzustellen – es reicht, wenn die Türen des Theaters zum Platz hin geöffnet sind…
Die Frage nach der musikalischen Interpretation ist angesichts dieser Lautstärkenorgie obsolet. Einzig Liu (Ekaterina Scherbachenko) kann mit eindringlicheren Tönen auf sich aufmerksam machen, hier hält sich Mehta sogar mal zurück. Insofern ist es auch eher ein Vorteil, dass sich Padrissa und er für das kurze "Finale" ohne den von Alfano ergänzten Schluss entschieden haben.

Robert Jungwirth

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