Tschaikowskys "Eugen Onegin" bei den Salzburger Festspielen

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Aggression und Agonie

Ryland Davies (Triquet), Peter Mattei (Eugen Onegin) Foto: Bernd Uhlig


Tschaikowskys „Eugen Onegin“ als düsteres Psychodrama bei den Salzburger Festspielen
(Salzburg, 29. Juli) Was für ein surreal verfremdetes, einstmals prächtiges Landgut hat Martin Zehetgruber für Tschaikowskys „Eugen Onegin“ auf die Drehbühne des Großen Festspielhauses in Salzburg gebaut: stetig und virtuos sich wandelnde Räume als Labyrinth aus anthrazitfarbenen Flügeltüren und Wänden, in denen reifes Getreide wuchert oder ein unheimlicher Märchenwald. Mal dominieren fahlblaue Sessel (zum Fest von Tatjanas Geburtstag) oder eine riesige verspiegelte Bankett-Tafel (beim Fürsten Gremin). Mal stehen – wie zum Duell – nur noch die Seitenwände, oder an der Rampe bildet sich ein langer Gang.
Erwartet man in diesen kargen, furchteinflößenden und kaum bewohnbaren Räumen, in die es hineinregnet, Tschechowsche Melancholie oder heitere Tänze? Jeder Akt beginnt mit dem gealterten Onegin im Trenchcoat und Schlapphut vor einem Fernsehbild aus ins Unendliche laufenden Eisenbahnschienen. Geradezu lustvoll inszeniert Andrea Breth die Agonie. Nur am Anfang dürfen Kinder mit ihrer Mutter ausgelassen tanzen, bald aber verweigert es die Regisseurin zu zeigen, wie Menschen feiern, sondern beharrt darauf, dass ein Fest in dumpfem Besäufnis und Begrabschen endet; also wankt und schwankt man bei Larins oder liegt eh schon halb schlafend in den Sesseln. Also „tanzt“ die große Polonaise nur ein wild zuckender, dürrer Kellner. Also preist Fürst Gremin in seiner Arie (beeindruckend aggressiv noch im Schöngesang: Ferruccio Furlanetto) nicht nur die Reinheit Tatjanas, sondern attackiert er auch – und seine Abscheu steht dezidiert im Text – die Hofschranzen, die sich auf Kosten des einarmig aus dem Krieg zurückgekehrten Generals amüsieren.  

Ekaterina Gubanova (Olga), Anna Samuil (Tatjana) Foto: Bernd Uhlig

Andrea Breth kann Personen im Dialog durch ein paar Gesten und Haltungen genau charakterisieren. Das gelingt fulminant bei Tatjana und Onegin. Wann je hat man die Zurückweisung des jungen Mädchens durch den seiner Gefühle so unsicheren und darum so überheblichen jungen Mann so intensiv und schmerzlich gesehen, wann aber auch im Finale das verzweifelte Begehren des auf Knien Rutschenden vor der Geliebten, die nunmehr aber Fürstin Gremina ist. Anna Samuil und Peter Mattei singen und spielen das eindrucksvoll. Vor allem der Schwede ist eine Idealbesetzung, ein Prachtkerl von sensiblem Macho mit betörend schönem, flexibel eingesetzten Bariton. Nicht minder intensiv mit ebenso edlem und charaktervoll leuchtendem Tenor: Joseph Kaiser, der nicht nur differenziert vokal gestaltet, sondern zudem ein exzellenter Schauspieler ist. Wie der junge Kanadier die Verzweiflung in Lenskis Abschiedsarie vor dem Duell mit Onegin aus sich heraus singt, während er die Fotos von Olga einzeln verbrennt, hat nichts von Larmoyanz, sondern ist das erschreckende Psychogramm existentieller Todessehnsucht.
Leider gelingt der jungen Russin Anna Samuil als Tatjana keine solche Charakterstudie. Das liegt nicht daran, dass ihre Stimme zwar schön aufblühen kann, aber wohl nervositätsbedingt immer ein bisschen zittert, sondern daran, dass ihr die Präsenz im stummen Spiel fehlt und sie der zentralen Briefszene in einem grell-weißen Glashaus vor Schreibmaschine nicht wirklich gewachsen ist. Da haben Regisseurin, Dirigent und Hauptdarstellerin weder die notwendige Intensität noch die Darstellung des fatalen Wechelbads aus widerstrebenden Gefühlen erreicht. Wie überhaupt Daniel Barenboim versuchte, Aggression oder Agonie auf der Bühne direkt auf die nicht besonders animierten Wiener Philharmoniker zu übertragen und es entweder richtig laut und diffus krachen oder sanft säuseln ließ, statt scharfkantig und lebendig zu artikulieren oder leise, intime, zarte Passagen auch zu beseelen.
So hat man – nicht zuletzt dank guter Besetzungen der Nebenrollen: Renée Morloc als Larina, Ekaterina Gubanova als Olga und Emma Sarkissjan als Filipjewna – den Eindruck eines zwar sperrigen, aber schlüssigen Theaterabends mit Gesang zu obligater Musik, aber nicht den eines großen Musik-Theater-Ereignisses.
Klaus Kalchschmid
Weitere Vorstellungen: 8., 11., 14., 19., 25., 29. August, jeweils 19 Uhr

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