Trojahn Orest

Rasen im Pulk

Unschöne Flecken im Wohnzimmer Foto: Oper Amsterdam

Manfred Trojahns Oper "Orest" wurde an der Nederlands Opera Amsterdam uraufgeführt

(Amsterdam, 8. Dezember 2011) Ein gellender Frauenschrei aus dem off. Der schwarze Bühnenverschlag zieht sich nach oben und gibt den Ausschnitt der unteren Bühnen frei. In einem spießigen Wohnzimmer mit bunt leuchtendem Weihnachtsbaum wälzt sich Orest in verbeulter beigefarbener Hose und grauem Shetlandpulli auf dem braunen Ledersofa. Die Geigen flirren. Dann bricht aus dem Orchestergraben gellendes Instrumentalgeschrei hervor. Angstschreie wandern in Dolby surround durch das Parkett. "Orest, Orest" schreit oder flüstert es. Die Stimmen könnten von der Frau kommen, die im blutverschmierten Kamelhaarmantel auf ihn zu geht. "Mutter, Mutter! Warum blickst du mich an, mit zerbrochenem Blick, die Augen voller Blut…?" Orest (Dietrich Henschel) halluziniert.
Er hat seine Mutter ermordet, und jetzt verfolgt sie ihn im Traum. In späteren Szenen, nachdem der "Tatort" im oberen Geschoss mit blutverschmierten Tapeten und Bett freigegeben ist und von den Leuten der Spurensicherung in weißen Schutzanzügen, Mundschutz und Handschuhen abgesucht wird, bedrängen sogar fünffache Klytämnestra-Erscheinungen den Verzweifelten.

Orest ist ein Stoff, aus dem Alpträume gemacht werden. Bereits in dem altgriechischen Atriden-Stoff, den Euripides und Aischylos im 5. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung zu großen Tragödien geformt haben, ist Orest ein Serienmörder, ein Familienmörder, von Gott Apoll angestiftet und von Elektra angestachelt. Diesen Stoff hat Richard Strauss in seiner "Elektra" – aus der Sicht von Orests Schwester – angepackt und ihn mit größtmöglichem Klangaufgebot, mit verstörenden herben und dissonanten Klängen ausgelotet. Wer als Opernkomponist auf den Orest-Mythos zurückgreift, kommt an der Strauss-Hofmannsthalschen "Elektra" eigentlich nicht vorbei. Der in Düsseldorf lebende und lehrende Musikdramatiker Manfred Trojahn wagt in seinem "Orest" eine Fortführung, für die er auch das Libretto in sechs Szenen selbst entworfen hat. Es setzt da an, wo Strauss aufhört. Nach dem Mord an Klytämnestra und Aigisth. Trojahn verlagert aber den Fokus mehr auf den Vollstrecker der göttlichen und schwesterlichen Rachsucht.

Manfred Trojahn hat Anfang der 1990er mit musikalisch eher leicht zugänglichen Komödien ("Was ihr wollt", "Enrico") – wenn auch mit bitterernstem Hintergrund, wie er selbst sagt -Musiktheatergeschichte geschrieben. Mit dem Orest-Stoff erobert er jetzt andere kompositorische Räume, weniger nahe an der Tonalität. Zum ersten Mal arbeitet er mit Musik aus dem off – mit sechs Frauenstimmen, die vom Band als Wahnvorstellungen Orests den Hörer erreichen. Aber nicht nur Orest ist krank und getrieben. Alle Personen auf der Bühne sind verletzt und psychisch instabil. Wie in einem Psychothriller geht die Angst um. Die Angst vor Verhaftung, Verurteilung oder die Angst vor einem weiteren Mord. Wer ist der Täter, wer das Opfer? Mord ist ständig präsent in der oberen Etage, wo mit rotweißem Flatterband die Tatorte Bad – dort starb Agamemnon – und das Schlafzimmer abgesperrt sind und die Spurensicherung bis fast bis zum Ende der Oper arbeitet. Die Musik liefert ein akustisches Psychogramm. Ständig changierend, solistisch, kammermusikalisch, bohrend, durchaus lärmend und verschreckend mit heftigen Klangmassierungen. Trojahn versteht es, die unterschiedlichen Ausdrucksmomente bruchlos und wie aus einem Guss ineinander übergehen zu lassen. Die enormen Kontraste in der Partitur bringt das Nederlands Philharmonisch Orkest unter der Leitung von Marc Albrecht auch perfekt auf den Punkt.

Mit dem Bewegungsrhythmus der Musik arbeitet auch die Regie (Katie Mitchell). Die Akteure rasen im Pulk mal getrieben, mal stockend in slow motion. Wenn es um feinere zwischenmenschliche Regungen geht, wie in der 2. Szene bei der Begegnung von Elektra und der zurück gekehrten Helena – das Stück spielt ja unmittelbar nach dem trojanischen Krieg -, ist die Personenregie auch schon mal ratlos. Den Sängern hat Trojahn anspruchsvolle Partien geliefert. Der Bass-Bariton Dietrich Henschel ist stimmlich und darstellerisch ein wirklich verzweifelter Orest. Die Elektra-Partie bekommt mit Sarah Castle ein enormes Wutpotential. Rosemary Joshua liefert eine Helena mit warmem Timbre und Spitzentönen zwischen Unsicherheit und Verzweiflung. Romy Petrick als naive Hermione, ergänzt die Damen, die in der 3. Szene im Terzett zu hören sind. Berührend ist auch die 4. Szene Orest – Elektra "War nicht Hoffnung einst in dieser Welt?", die Trojahn mit einer ungemein zarten Streichertextur einleitet.
Aber wie dem Gewaltkreislauf entrinnen? Die Schuld loswerden geht nicht. Auf die Frage, ob ein selbstbestimmtes freies Leben mit einer Schuldlast möglich sei, findet diese Oper auch keine Antwort. Mit Hermione lieferte Trojahn aber doch einen kleinen Hoffnungsschimmer, der Schuld nämlich durch Liebe entkommen zu können. Das Tonmotiv der kleinen Terz der Elektra bei Strauss geht bei Trojahn hörbar auf Hermione über. Auf diese kleine Subtilität geht die Inszenierung aber nicht ein. Die traumatisierten Überlebenden der Familie mitsamt Apoll bleiben am Ende versteinert an einer gedeckten Tafel vor dem Weihnachtsbaum zurück. Orest verlässt die Runde mit den Worten "Ich bin nicht der, der ich sein soll, ich bin nicht der, der ich bin, ich werde der sein, den ich finden werde…"
Angesichts der bunten Weihnachtskugeln, hätte die Regie Hermione ruhig mit ihm ziehen lassen können.

Sabine Weber

weitere Vorstellungen: 11. 13. 16. 19.  22. 26. 28. Dezember. Detaillierte Informationen unter: www.dno.nl/home.php

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.