Triumph für Offenbach und die Oper Lyon – Premiere von Barbe Bleu

Der Mensch an sich ist lächerlich

Zum Offenbach-Jahr: Die Opéra de Lyon zeigt einen hinreißend komischen und schonungslos zeitlosen „Barbe Bleu“ in der Regie von Laurent Pelly

Von Laszlo Molnar

(Lyon, 14. Juni 2019) Frankreich, Du hast es besser. Der Umgang mit dem Komponisten-Jubilar des Jahres, Jaques Offenbach, fällt unseren westlichen Nachbarn um so vieles leichter. Sie pflegen einen geistreich-leichten Umgang mit dem Werk des einer jüdischen Familie entstammenden, 1819 in Köln geborenen Jakob Offenbach, der durch den Umzug seiner Eltern nach Paris zum leidenschaftlichen Wahlfranzosen wurde und sich Jaques Offenbach nannte. Während das deutsche Publikum meint, Offenbach seien „Hoffmanns Erzählungen“, ergötzen sich Theaterbesucher in Frankreich an seinen Werken, die man in Deutschland immer noch mit einer gewissen Herablassung „Operette“ nennt und deshalb für nicht ganz ernst nimmt.

Aber die Lage ist komplett anders. Der Offenbach, der seine Zuhörer aus den Sesseln hebt und sie schon mal am eigenen Verstand zweifeln lässt, das ist der der „Belle Hélène“, des „Orphée aux Enfers“, der „Pèrichole“ oder der „Grande Duchesse de Gerolstein“. Das ist der satirisch-bissige Zeuge seiner Zeit, der in Paris seinen Lebensraum und deshalb umso mehr die Schwächen seiner Gesellschaft kannte. Der unbändigen Spaß daran hatte, Musik zu machen, auch, weil er vollendeter Cellovirtuose war. Der den schonungslosen Witz seiner Librettisten teilte und deren Dichtungen in stets zündende Klänge übersetzte. Gewiss, „Hoffmanns Erzählungen“ ist eine der erfolgreichsten Opern überhaupt, auf der Beliebtheitsskala weltweit gleichauf mit „Carmen“ und „Die Zauberflöte“. Aber der Offenbach von ganzem Schrot und Korn, das ist der seiner „Operas Bouffes“, in deren Eleganz und Treffsicherheit der Umsetzungskunst er gleichzieht mit Genies wie Mozart und Rossini.

Das weiß man an einem der prominentesten Opernhäuser Frankreichs, der Opéra de Lyon, schon seit langem. 1997 hatte dort ein junger Regisseur namens Laurent Pelly sein Offenbach-Debüt mit einer Inszenierung von „Orphée aux Enfers“, die schnell den Rang des Legendären erhielt. Pelly machte weiter, viel in Lyon, und inszenierte elf Werke Offenbachs, verfeinerte und vertiefte dabei seine Handschrift. Pellys Offenbach-Regie wurde gleichsam zu einem Markenzeichen Offenbachs selbst. Offenbach, wie er sich selbst auf der Bühne auslebt. Auf YouTube ist diese zeitlose Energie der Pelly-Inszenierungen bei „Orphée“, „Belle Hélène“ und „Grande Duchesse de Gerolstein“ festgehalten.

Natürlich wollte der Intendant der Oper in Lyon, Münchens zukünftiger Opernchef Serge Dorny, zum Offenbach-Jahr der Tradition verpflichtet bleiben. Zwei der komischen Opern des Meisters kommen aufs Programm „Barbe Bleu“, der soeben Premiere hatte, und „Le Roi Carotte“ ab dem 13. Dezember 2019. Und natürlich, könnte man sagen, führt in beiden Fällen Laurent Pelly Regie. Weil er diese Handschrift hat, sagt Serge Dorny. Weil er das gesamte Ensemble und das ganze Haus derart mitreißt in die Welt Offenbachs.

Und, wie nach der Premiere des „Barbe Bleu“ erneut klar wurde, auch das Publikum. Hier schlagen alle Herzen im gleichen Offenbach-Takt. Denn Pelly ist einer dieser großartigen Regisseure, die ein Stück nicht lediglich in Szene setzen. Er ist einer von denen, die dem Pulsschlag und dem Seelenleben der Figuren ihre Gesten geben. Aus Figuren werden Menschen, die von sich selbst berichten. Das Pelly-Theater reicht bis auf den letzten Platz im Zuschauerraum. Man sieht nicht mehr, man hört nicht mehr, man ist nur noch dabei. Und das bei Offenbach!

„Barbe Bleu“ – auf Deutsch jener notorische „Blaubart“, der einen unersättlichen Appetit auf Frauen hat und deshalb diejenigen beseitigt, derer er überdrüssig ist, um sogleich eine neue für sich zu gewinnen – war die zweite Operette Offenbachs, die er zusammen mit dem Librettisten-Duo Henri Meilhac und Ludovic Halévy schuf. „La Belle Hélène“ ging ihm voraus, „La Vie Parisienne“ folgte nach. Nicht nur die funkelnde Symbiose von Wort und Musik machten diese Werke zu damaligen Publikumshits. Es lag auch an der Gestalterin der weiblichen Hauptrolle der „Belle Hélène“, der damals 31-jährigem Hortense Schneider. Für sie schrieb Offenbach nach dem Riesenerfolg der „Hélène“ die Partie der Boulotte im „Barbe Bleu“. Auch sie wieder eine starke, unwiderstehliche Frau, aber diesmal mit ganz anderen Mittel. Boulotte ist eigentlich ein Trampel vom Land. Raumgreifend („das ist Rubens“, ruft Blaubart bei ihrem Anblick) und mit einer Sprache so, wie ihr der Schnabel gewachsen ist. Aber genau dieses Trampel wird Blaubart bezwingen und seinen Triebüberschuss in die Schranken weisen.

Laurent Pelly lässt keinen Zweifel daran, dass Offenbachs Blaubart zunächst einmal urkomisch ist. Um dem nichts in den Weg zu stellen, ist die von Chantal Thomas und Pelly gestaltete Szenerie realistisch: ein etwas trostloses Dorf im ersten Bild auf dem Land; ein prunkvoller Raum eines (Pariser?) Palais‘ für den Hof des Königs Bobeche im zweiten Bild; ein Gewölbe mit Gefrierschränken für den Raum, wo Blaubart seine (vermeintlich) toten Ex-Frauen aufbewahrt. Gerade diese Realität ist es, in der sich der Wahnsinn und die Hysterie der Offenbach-Figuren umso kraftvoller darstellen lässt, in der sich die Wellen der menschlichen Hybris in funkelnden Schaumkronen brechen.

Verrückt sind sie alle. Natürlich Blaubart, der unverblümt seine Gier nach Frauen herausposaunt und nichts Geheimnisvollen um sich hat wie etwa in Bartóks Oper. Abgelegte Frauen müssen von seinem Assistenten und Giftmischer Popolani beseitigt werden.

Zu dumm, das Blaubart kurz, nach dem er die robuste Boulotte erwählt hat, bemerken muss, dass ihm die junge und zarte und vermeintliche Schäferin Fleurette doch besser gefällt. Natürlich, und da ließen Offenbach und seine Librettisten kein Klischee aus, ist Fleurette eine Prinzessin, nämlich die Tochter des Königs Bobeche, und natürlich ist sie ein renitentes kleines Biest, das auf jeden Fall ihren vermeintlichen Schäfer-Geliebten, der – natürlich – der Prinz Saphir ist, heiraten will. Damit sind die Zutaten für den konventionellen Opernkonflikt ausgebreitet.

Nur gibt es bei Offenbach kein Leiden und Schmachten. Hier reklamieren alle lautstark ihre Rechte, jeder denkt nur an sich und wie nebenbei unterdrückt der König seine Höflinge und lässt sie katzbuckeln und ihm die Hand küssen. Pelly lässt die Gestalten rennen, hecheln und zappeln, sie wunderbar zu Kreuze kriechen oder die Backen blähen. Das erinnert immer wieder an das großartige Gesten-Theater des Christoph Marthaler. Während die Menschen Marthalers aber immer kurz vor dem Kollaps in die Melancholie agierten, sind die Pellys am Hyperventilieren. Das Ergebnis ist ähnlich: Der Mensch mit seinen Wahnvorstellungen ist lächerlich und erbärmlich. Er hat sich nicht unter Kontrolle, wird Opfer seiner eigenen Überheblichkeit.

Das war das eigentliche Thema Offenbachs zu seiner Zeit. Und deshalb funktionieren seine Operetten auch heute, jedenfalls, wenn sie so intelligent, pointiert und voller Esprit angerichtet werden wie von Laurent Pelly. Man sieht genau: Pelly berherrscht sein Metier und er betreibt es mit größtem Ernst. Deshalb gibt es in seinem Offenbach keine Sentimentalität und keine trügerische Idylle. Pellys Bühnen-Wahnsinn ist kristallklar. Das aber so zu komponieren und in Gang zu halten, das ist Genie, das dem des Komponisten beinahe ebenbürtig ist.

Was Intendant Dorny im Gespräch vor der Premiere sagte, fand sich in der Aufführung ohne Wenn und Aber bestätigt: Das ganze Haus zieht mit. Nur selten gibt es Aufführungen zu sehen, die so stimmig und frei von jeder Schwachstelle sind wie dieser „Barbe Bleu“. Die Musik vom Orchestre de l‘Opéra de Lyon unter der Leitung des italienischen Dirigenten Michele Spöttisch: kristallklar wie die Szenerie, leichtfüßig doch nie seicht, energisch ohne je aufzutragen. Manchmal hätte man sich etwas mehr Kante gewünscht, etwas mehr hörbare „Arbeit“ wie bei Marc Minkowskis Offenbach – aber letztlich überzeugt das Konzept rundum und lässt einen die Szene und die Musik zwingend als Einheit erleben.

Und die Sänger? Bewundern muss man bei den Könnern des französischen Repertoires zunächst die Virtuosität, mit der sie die Wortsalven abfeuern, die die Librettisten ihnen zugedacht haben. Diese halsbrecherische Deklamation des Französischen, dieses Staccato der Silben, das der Komponist immer mehr anfeuert und zur Raserei bringt, ist eines der Prinzipien der französischen Oper des 19. Jahrhunderts. Offenbach hat auch das übersteigert – um sich darüber lustig zu machen und um es für seine Zwecke zu nutzen. Auch hier, übrigens auch bei den Sängerinnen und Sängern des fulminant wie ein Schwarm agierenden Chors, lustvolle Leichtigkeit verbunden mit profundem Vergnügen.

Deshalb kann man auch keiner Sängerin, keinem Sänger die Krone reichen. Alle bereiten pure Freude, alle füllen ihre Rollen aus, alle geben mehr als man erwarten würde: der Tenor Yann Beuron als selbstverliebter Barbe-Bleu; die Mezzo-Sopranistin Héloise Mas als burschikose und doch sanftmütige Boulotte; die Sopranistin Jennifer Courcier als kecke Prinzessin; der Tenor Carl Carl Ghazarossian als Prince Saphir, der sich der Begierde seiner Prinzessin fügen und den Nachstellungen Boulottes erwehren muss; der Tenor Christophe Mortagne als kleinmütig-eitler Despot Bobeche; der Bariton Christophe Gay als Barbe-Bleus Faktotum Popolani, der allen angelegten Frauen das Leben rettete; der Bariton Thibault de Damas als Bobeches immer willfähriger Haushofmeister Graf Oscar und die anderen in kleineren Rollen.

In ihrer Klarheit, ihrem schnörkellosen Zur-Sache-Kommen und ihrer aktuellen Vitalität passt die Produktion perfekt zum modernen, heutigen Image der Opéra de Lyon, das sich im Stadtbild so kompromisslos in der Architektur Jean Nouvels präsentiert und das inhaltlich von Serge Dorny so konsequent geprägt wird. Was nicht heißen soll, dass sie an den koproduzierenden Häusern, dem Royal Opera House in Mascat, Oman, und der Opéra de Marseille, nicht weniger Erfolg haben dürfte.

Weitere Aufführungen in Lyon am 21., 22., 24., 25.und 29. Juni sowie am 1. und 5. Juli.

Werbung

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.