Tristan in Rom

Eine Symbiose

Daniele Gatti probt „Tristan“ in Rom Foto: Yasuko Kageyama/Opera Roma

Daniele Gatti begeistert mit "Tristan und Isolde" an der Oper Rom – und gibt damit sein spätes Debüt an dem Haus
Von Thomas Migge
(Rom, Ende November 2016) Es gibt ausgezeichnete, schlechte und  mittelmäßige Orchester und es gibt Orchester, die Zuhörern und Resenzenten ein Geheimnis bleiben. Das Orchester des römischen Opernhauses ist so ein Geheimnis. Mal spielt es einfach nur gut und ein anderes Mal so hervorragend, dass man seinen Ohren nicht traut.
Daniele Gatti eröffnete jetzt die neue Saison. Zum ersten Mal dirigierte der Italiener, der vor allem im Ausland arbeitet, an der römischen Staatsoper! Ein mit großer Spannung erwartetes Debüt, auch deshalb, weil gemunkelt wird, dass Gatti neuer Generalmusikdirektor am Opernhaus werden könnte.
Die neue Saison begann nicht mit einer Oper von Verdi, Donizetti oder Bellini. Die Werke dieser Komponisten beherrscht das Orchester so gut, dass es für dieses Reportoire als eines der besten Italiens gilt. Geboten wurde hingegen Richard Wagners Oper „Tristan und Isolde" in einer Neuinszenierung von Pierre Audi mit dem stimmgewaltigen und ausgezeichneten Andreas Schager als Tristan und der stimmlich alles andere als schwachen aber vielleicht zu jugendlich klingenden Rachel Nicholls als Isolde. Michelle Breedt war eine ergreifend-überzeugende Brangäne.
Zuletzt wurde diese Oper in Rom 1981 aufgeführt. Wagner-Opern gehören in ganz Italien nicht zu den beliebtesten Werken. Sie haben eher Seltenheitswert. Und deshalb ist es nicht leicht für Wagner-erfahrene Dirigenten wie Gatti mit einem italienischen Orchester jenen Klang hervorzuzaubern, der für den Bayreuther Meister unerlässlich ist.
Gatti vollbrachte in Rom ein Wunder. In den nur wenigen Wochen Probenzeit gelang es ihm, eine musikalische Interpretation zu erarbeiten, die es verdienen würde eingespielt zu werden. Selten klang das Orchester so kraftvoll und sensibel gleichermaßen. Nie verfiel es in einen wie auch immer gearteten italienisch anmutenden Klang. Nie klang Gattis Dirigat wie der Versuch, Wagnermusik einem auf italienische Belcanto-Opern spezialisierten Orchester aufzupropfen.
Als Riccardo Muti noch Generalmusikdirektor an der Staatsoper in Rom war, dirigierte er einmal ein Symphoniekonzert u.a. mit einem Werk von Dmitri Schostakowitsch. Seine Interpretation des Russen war ein Reinfall. Man hatte den Eindruck, Schostakowitsch all’italiana zu hören.
Umso größer die Spannung und die Erwartungen an Daniele Gatti. Sicherlich: Gatti hat während seiner Zeit in Bayreuth, in Zürich und Wien wichtige Erfahrungen mit der Musikkultur des deutschsprachigen Kulturraums gewonnen. Aber das garantiert nicht, dass die Musiker des römischen Opernhausorchesters ihm auch folgen. Doch genau das tun sie. Es scheint, dass zwischen ihnen und Gatti eine Symbiose besteht. Anders ist es nicht zu erklären, dass die Perfektion in der Ausführung der alles andere als einfachen Partitur so überzeugend und ergreifend gelingt. Roms Opernorchester beweist mit dieser „Tristan und Isolde"-Interpretation, dass es eines der besten Opernhausorchester Europas ist – oder genauer: sein kann.
Audis Regie bot einen szenisch sehr minimalistischen Ansatz. Mit Bühnenbildern, die eine Szenerie, ein Schiff, eine Hütte, einen Wald, nur andeuteten. Die beiden Protagonisten Tristan und Isolde berührten sich nie auf der Bühne. Regisseur Audi wollte damit seine Vorstellung von der Beziehung der beiden Geliebten zum Ausdruck bringen. Eine Beziehung, erklärte Audi bwährend der Pressekonferenz, in der es seiner Meinung nach nicht um das Körperliche, sondern um eine spirituelle Verbundenheit geht.
Bleibt zu wünschen, dass die Verhandlungen zwischen der Staatsoper und Gatti zu einem positiven Resultat führen. Unter Gattis musikalischer Leitung könnte Roms Staatsoper dem Theater La Scala in Mailand gefährlich werden…



Münchner Philharmoniker


0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.