Traumgörge Berlin

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Analyse gefordert!

Foto: André Rival

Alexander von Zemlinskys Oper „Der Traumgörge“ in Berlin

(Berlin 27. Mai 2007) Zum zweiten Mal in dieser Spielzeit zeigte die Deutsche Oper Unbekanntes. Das Haus, das in der Konkurrenz mit zwei weiteren Berliner Opernbühnen nicht seine besten Zeiten erlebt, hatte mit Alberto Franchettis „Germania“ wenig Glück; die Vorstellungen waren äußerst schlecht verkauft, die Kritiken mies. Nun stand Alexander von Zemlinskys „Traumgörge“ an, eine von der Zemlinsky-Renaissance bisher wenig beachtete frühe Oper des Wiener Komponisten.

Das Libretto, basierend auf Heine-Gedichten, dem Kunstmärchen eines schreibenden Chirurgen, sowie Hermann Sudermanns naturalistischem Roman „Der Katzensteg“, ist – sagen wir es ruhig – etwas wirr. Ein Problem, vor dem Joachim Schlömer als Regisseur nicht zurückschreckte. Seine Mozart-Trilogie „Irrfahrten“, ein Kompendium der Fragmente, zeigte letzten Sommer in Salzburg, dass Schlömer Bruchstellen wunderbar in ein poetisches Ganzes einzubetten weiß. 1901, drei Jahre bevor Zemlinsky mit seiner Arbeit am „Traumgörgen“ begann, schrieb Sigmund Freud, gerade die „inkohärenten“ Träume seien für die Analyse am interessantesten. Soll nun keine Poesie, sondern eine Aussage entstehen, müsste – gewissermassen in der Funktion des Analysanden – ein Regisseur seinen Opernstoff bis auf dessen innersten Kern untersuchen. Schlömer versucht das auch, ist vielschichtig assoziierend, dabei aber letztlich zu vorsichtig. Statt in ein klares Resultat zu münden, verläuft seine Inszenierung erst vage und gibt dann vorzeitig auf.

Wer ist Görge? Ein kleiner Angestellter oder ein reicher Erbe? Das bleibt unklar. Sein Leben jedenfalls steckt fest. In der Eingangshalle eines großen Geschäftshauses oder einer U-Bahn-Station (Ausstattung: Jens Kilian) ist es so unbeweglich wie die beiden kaputten Rolltreppen auf der Bühne. Kein Rauf, kein Runter. Görge entflieht in Tagträume. Drei kleinwüchsige Einbrecher seilen sich in das Gebäude ab. Sie rollen die Traumprinzessin, von der Görge fantasiert, auf ihrem Pferd herbei. Dann plötzlich wird die Bühne von zuhälterartigen Neonazis, ihren blondzopfigen Gespielinnen, Umweltaktivisten und einer seltsamen Horde langhaariger Skateboarder bevölkert. Das könnte die Vision einer Gesellschaft am Ende ihrer Zeit sein.

Wohin führen Görges Traumeswirren? Mit Getöse und viel Bühnennebel senkt sich im dritten Teil ein aus Ästen gebasteltes Ding hernieder. Görge und seine Frau Gertrud sitzen auf diesem wie in göttlicher Gnade heruntergeschwebten Thron. Um sie scharen sich klon-gleiche Kleinfamilien beim Picknick. Der Wunschtraum nach Veränderung ist ein Alptraum. Unklar bleibt, wie das alles entstanden ist. Gerade das wäre aber wichtig: Die Brüche dieser Traumoper müssten zusammengefügt werden. Schlömer lässt die Lücken offen und bietet als Lösungsvorschlag den kollektiven Selbstmord – das ist radikal, aber ratlos.

Ratlos blieben auch die Solisten, deshalb hielten sie sich an die Musik. Steve Davislim bewältigte die Titelpartie souverän und orientierungsstark auch im üppigsten Kontrapunkt, indem er sich auf seine klar fokussierende Stimme verließ. Manuela Uhl übernahm, zur Rolle der Gertraud, von der erkrankten Michaela Kaune diejenige der Prinzessin. Mit pauschaler Dramatik half sie sich über die Runden. Einen erfreulichen Beitrag leistete das von Jacques Lacombe dirigierte Orchester der Deutschen Oper. Zemlinskys originelle Harmonik, die wogende Rhythmik, den Überfluss an Klangfarben wusste es so umzusetzen, dass man durch den Abend getragen wurde.

Das ist eine große Leistung. Denn ein wahrnehmbares formales Gerüst besitzt diese Musik nicht, weder dem Orchester noch den Zuhörern gibt sie Anhaltspunkte. Tausend Ideen, ein Meer von Einfällen. Vielleicht zuviel der Schönheit: eine Musik, die sich selber überdeckt. Trotzdem konnte dabei ein Höhepunkt entstehen, als sich Bühne und Musik in an diesem Abend seltener Übereinstimmung befanden: Görges Traumszene im ersten Akt. Sie war ein Lichtblick in Schlömers Inszenierung, die sonst so gar nichts von der Musik wissen wollte. Es wirbelten die Blätter, geheimnisvoll blau schimmerte das Licht und Lacombe ließ dazu das Orchester in Wellen anbranden. Erst unerhört zart, allmählich erst entstehend wurde Zemlinskys Musik größer und größer. Lacombe materialisierte diesen Opern-Traum, ließ seine Kräfte spürbar werden, bis er einen schließlich völlig umfasste. Eintauchen, forttragen lassen! Das ging auch ohne Analyse.

Benjamin Herzog
Alexander von Zemlinsky. „Der Traumgörge“. Deutsche Oper Berlin, Premiere: 27. Mai 2007. Dirigent: Jacques Lacombe, Regie: Joachim Schlömer, mit Steve Davis-lim, Manuela Uhl u.a. Weitere Aufführungen am  4., 12. und 16. Juni 2007.