Toshiro Mayuzumis Oper Kinkakuji beeindruckt in Strassburg

Die nutzlose Schönheit

Toshiro Mayuzumis staunenswerte Oper „Kinkakuji“ von 1976 wird in Strassburg zum Ereignis – ein großartiger Erfolg für das Theater, dessen Mut zum Ungewöhnlichen mit einer sehr gelungenen Produktion belohnt wird

Von Bernd Feuchtner

(Straßburg, 24. März 2018) Das Ende steht von Anfang an fest. In antiker bzw. Brecht’scher Manier stellt uns der Chor das kleine, niedergedrückte Menschlein vor, das ein neuer Herostrat werden will – dieser hatte den Arthemistempel von Ephesus angezündet, eines der sieben Weltwunder, weil er berühmt werden wollte.
Seit 600 Jahren steht der goldene Tempel des Shoguns Yoshimitsu, der ihn bauen ließ, als er abdankte und Mönch wurde. Seitdem gilt der Pavillon als Inbegriff des schönen Bauwerks. Doch dem Novizen Mizoguchi will es nicht gelingen, diese Schönheit zu erkennen. Deshalb hat er beschlossen: Der Kinkakuji muss brennen!

Toshiro Mayuzumi gehörte zu den prominentesten japanischen Komponisten und war ein Freund von Toru Takemitsu. Zudem war er ein Freund des Schriftstellers Yukio Mishima, der 1970 öffentlich Harakiri begangen hatte, nachdem sein rechtsradikaler Putschversuch im Generalshauptquartier ins Leere gelaufen war. Mishima und Mayuzumi hatten sich im Nachkriegsjapan mehr und mehr radikalisiert, weil ihnen die traditionellen Werte des Kaiserreichs verloren zu gehen und durch die Kultur der Yankees ersetzt zu werden schienen. Die Folge waren desorientierte junge Männer wie Mizoguchi.

Die reale Tat hatte im Jahr 1950 ungeheures Aufsehen erregt und Mishima 1956 zu seinem Roman „Kinkakuji“ inspiriert. Die Deutsche Oper Berlin hatte bei einigen Japan-Gastspielen gute Kontakte zu japanischen Musikern geknüpft und so kam es zu dem Kompositionsauftrag an Toshiro Mayuzumi. Dramaturg Claus H. Henneberg verarbeitete Mishimas Roman zu einem Opernlibretto und 1976 kam das Werk unter dem Titel „Der Tempelbrand“ in Berlin mit großem Erfolg auf die Bühne. Jetzt wurde es an der Opéra National du Rhin in Straßburg unter dem Titel „Le Pavillon d’or“ aufgeführt, wiederum in deutscher Sprache.

Paul Daniel leitete die Straßburger Philharmoniker durch eine aufregende, vielschichtige Partitur. Es ist das Orchester, das den Erzählstrang entwickelt. Es kann stürmen und säuseln, Aufruhr anzetteln und Zärtlichkeit anbieten. Es kann sogar lachen. Und dabei zwischen Auslachen und Auflachen unterscheiden! Die Farbpalette ist überwältigend und die rhythmischen Modelle sind raffiniert. Mayuzumi hatte in Tokio und Paris studiert und sich vor allem mit elektronischer Musik beschäftigt. Doch dann kam die Bekehrung: „Im Jahr 1959 wurde ich plötzlich konservativ. Am Vorabend des Neujahrsfestes hörte ich die Tempelglocken. Sie berührten mich so stark, dass ich die Avantgardemusik vergaß und mich in das Studium der traditionellen Musik und Ästhetik zu vertiefen begann. Ich studierte den Shintoismus und den Buddhismus, nicht nur Zen, sondern alle Formen des Buddhismus.“ Nun wandte Mayuzumi die avantgardistischen Techniken auch auf alte japanische Instrumente an und schrieb Musiken für das Nationaltheater. Mit seinem Essay für Streichquartett komponierte Mayuzumi 1963 eine Hommage an Mishima und dessen ultranationalistische Bestrebungen, bei dem die westlichen Instrumente gewissermaßen lernten, japanisch zu sprechen.

Für den Berliner Kompositionsauftrag entstand eine jener hybriden Partituren, die asiatische Klangvorstellungen mit europäischen mischen und auf dem rein westlichen Instrumentarium eines Opernhauses realisieren. Tempelgongs, ein Glockenspielklavier und eine besonders aparte Episode mit einer Shakuhachi-Flöte sind die weitestgehenden Zugeständnisse. Die Flöte erklingt vergeblich, Mizoguchi ist auch für diese Schönheit unzugänglich: „Die nutzlose Schönheit. Nachdem die Melodie verklungen ist, bleiben wir zurück, du mit deinen Klumpfüßen, ich mit meinem verkrüppelten Arm.“

Mizoguchi hat sich wegen seiner Behinderung nie getraut, mit einem Mädchen zärtlich zu werden, er hat die heimlich Angebetete (Fanny Lustaud) mit seiner rüden Art verstört. Dabei zeigt ihm sein falscher Freund Kashiwagi (Paul Kaufmann), wie man aus einer Behinderung auch erotisches Kapital schlagen kann bei den Frauen. Der verachtet die Frauen und überlässt seine Freundin gerne Mizoguchi – der aber versagt und wird wiederum ausgelacht. Er hatte seine Mutter (Michaela Schneider) einmal zusammen mit einem Liebhaber überrascht, da der Vater (Yves Saelens) seit langem krank und schwach war. Deshalb hält er alle Frauen für treulos.

Voyeure bei der Teezeremonie: Simon Bailey und Dominic Große beobachten Makiko Yoshime (Das junge Mädchen) Foto: Klara Beck

Mayuzumis Orchester kann auch Swing. Wenn ein amerikanischer Soldat mit einer japanischen Hure auftritt und Mizoguchi auffordert, sie in den Bauch zu treten. Sie verliert dabei ihr Kind und verklagt das Kloster. Tsurukawa (Dominic Große), den einzigen Menschen, der ihm freundschaftlich gegenübertritt, belügt er darüber – als die Wahrheit ans Tageslicht kommt, bringt Tsurukawa sich um. Reue empfindet Mizoguchi nicht, er möchte auch noch seine Mutter umbringen. Und Buddha töten. Dann wäre er frei.

Diese Sicht auf die japanische Jugend war eine Reaktion auf die für soldatische Männer schwer zu verkraftende Niederlage Japans im 2. Weltkrieg und auf die „Amerikanisierung“ Japans. Mayuzumi schloss sich in den 1970er Jahren immer stärker nationalistischen und militaristischen Bewegungen an; er sah sich wohl als der moralische Erbe Mishimas. In der Musikszene isolierte er sich durch seinen Extremismus allerdings zunehmend.

Wie aber charakterisiert man einen so unterentwickelten Charakter wie Mizoguchi, der keine echten Gefühle kennt? Auch dafür hat Mayuzumi eine überzeugende Lösung gefunden. Der Gesang des Protagonisten (Simon Bailey ist großartig in dieser undankbaren Funktion) verbindet sich nicht mit dem Orchester, sondern ist strikt dagegen gesetzt. Das weckt den Eindruck von Sprechgesang, was aber auch nicht zutrifft. Es ist der regredierte Ausdruck eines Ausdruckslosen.

Der Regisseur Amon Miyamoto hat noch ein Element hinzuerfunden. Da wir die Handlung ja als Rückblende erzählt bekommen in dem Moment, als Mizoguchi sich entscheidet, den Tempel anzuzünden, gesellt er dem Sänger ein Tänzer-Double (Pavel Danko) bei, das die früheren Stadien durchlebt, während der Sänger ihn dabei beobachtet – oder, wenn nötig, auch selbst eingreift. Nur zweimal bricht dieser Schatten wirklich in Tanz aus: zu Beginn des dritten Aktes bei dem Taifun, von dem Mizoguchi hofft, er werde die Schönheit des Tempels zerstören und ihm die Tat ersparen, und am Schluss, wenn der martialische Strudel der bösen Tat entfesselt und Mizoguchi zum Brandstifter wird.

Miyamoto bedient sich beim Brecht-Theater ebenso wie bei Nô und Kabuki und sorgt damit für ein durchstilisiertes szenisches Hybrid, das der Partitur genau entspricht. Boris Kudlicka hat eine graue Box bauen lassen, in der alle Vorgänge sich anschaulich darstellen lassen. Die Kostüme von Kaspar Glarner mischen Japanisches mit charakteristischen Fantasien. Aus den Seiten fahren einzelne Szenenbilder wie Regale heraus und im Hintergrund sieht man Projektionen des Tempels oder eine goldene Wand, auf die Projektionen geworfen werden (Video: Bartak Macias). Eine ausgefeilte Lichtregie (Felice Ross) sorgt dafür, dass jeder Vorgang ins richtige Licht gesetzt wird. Der Chor tritt als graue Schicksals-Masse ebenso prägnant auf wie als Mönche, die ihre Sutren chanten. Sandrine Abello hat den Chor vorzüglich auf diese nicht einfachen Klänge vorbereitet.

Insgesamt entfaltet Mayuzumis Musik einen intensiven Sog und eine prachtvolle Farbpalette, die sich aus der Erfahrung der Avantgarde und der Pariser Spektralistenschule speist. Man möchte diese Musik gerne noch einmal hören, denn beim ersten Mal kann das Ohr sie bei weitem nicht ausschöpfen. Wie intensiv Paul Daniel mit allen Beteiligten gearbeitet hat, zeigte sich in der zweiten Vorstellung, die in keiner Weise eine typische Zweite war, in der die Spannung etwas durchhängt. Im Gegenteil: Die scheinbar zeitlich und räumlich so ferne Psychostory rückte uns ganz schön auf den Leib, denn die Beschwörung der reinen heimatlichen Kultur und das Beklagen einer jungen Generation, die nicht mehr in der Lage ist, diese Schönheit zu erkennen, das erleben wir als Politstory ja jeden Tag.

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