Tosca bei den Bregenzer Festspielen

Toscas Auge

Foto: Bregenzer Festspiele / Benno Hagleitner


Puccinis Oper als Großspektakel auf der Bregenzer Seebühne
(Bregenz, 19. Juli 2007) Am Ende, nach einer fast turandothaften räumlichen Separation von Tosca und Cavaradossi in luftigen Höhen stürzt der erschossene Maler in die Tiefe; Tosca aber entschwebt ins eigene Auge. So weit, so Bregenz, so ungewohnt und zumindest von der finalen Wahl her unerwartet. Das war das bis zum Schluß gehütete Geheimnis der diesjährigen Seebühnenproduktion.
Das Riesenauge ist der dominante Fixstern des imposanten, 50 Meter breiten und 25 Meter hohen Bühnenbilds (Johannes Leiacker). In und um seine Pupille ereignen sich im Lauf des Abends viele wundersame Dinge: Es dient der Projektion, läßt sich ausklappen, gibt den Blick auf ein fellineskes „Te deum“ frei und wird zur tödlichen Spielfläche für den 2. Akt. Der zweite große Akteur des Spektakels ist die Tonanlage, ein Riesenspielzeug, das an dem „Tosca“-Abend weidlich genützt wird und den Gedanken nährt, die eigene Heimeinlage zu entsorgen. Wie jedes neue Spielzeug wird es eifrig genützt. Bis zur technischen Perfektion werden aber wohl noch Jahre vergehen. Übersteuerungen und ähnliche Kinderkrankheiten werden verschwinden, und auch der exzessive Gebrauch von Klangeffekten -der Kanonenschuß, den Cavaradossi mißdeutet, rummst gewaltig durch den Zuschauerraum. Roms Glocken tönen mehr als einmal von allen Seiten auf die Besucher ein – sie werden sich irgendwann aufs normale Maß einpendeln.
„Räumliches Orchesterhören“ nennt das der Dirigent der Oper, Ulf Schirmer. Für ihn ist die Verstärkung ein „eigenes Instrument“, das die Wahrnehmung erweitert, gleichrangig mit dem Licht.
In welcher Zeit spielt diese „Tosca“? Natürlich irgendwo und irgendwie im Heute, auch wenn der Name Bonapartes nicht aus dem Text getilgt ist. Was gab das früher doch noch für Diskussionen: Als Jonathan Millers vor dreißig Jahren beim „Maggio Musicale Fiorentino“ die „Tosca“ inszenierte, deren Handlung in das von den Nazitruppen besetzte Rom verlegt war, weigerte sich der Sänger des Sciarrone, die sinnvolle Umdeutung des Wortes „Parmigian“ (einer aus Parma) in „partigian“ (Partisan) mitzutragen. Heute sind solch kleine Umgereimtheiten bei „Tosca“ wie bei Mozart kein Problem mehr. Irgendwie zu Recht. Denn wichtig sind letzten Endes doch nur Toscas Unbeugsamkeit, Cavaradossis „Vittoria!“ und Scarpias mieser Machtcharakter.
Und doch ist diese „Tosca“ in der Inszenierung von Philipp Himmelmann anders als manches Seespektakel in den vergangenen Jahren. Denn diesmal geht es mehr um Effekt als um Dramaturgie, von A wie Agentengroßeinsatz über blutige Großaugen, gräßliche Folterschreie, gefilmte Sänger im Großformat bis Z wie Zellen aus Guantanamo. Gleichwohl gibt es auch Momente von suggestiver Bildkraft, in denen sich die Szene völlig von der Vorlage emanzipiert, wie am Beginn des 3. Aktes: Statt der römischen Morgenstimmung fährt im blendenden Gegenlicht eine neue Bühnenkonstellation auf.
Dass dem eine erstaunlich lange Leerstelle vorangeht, in welcher der ermordete Polizeichef Scarpia umständlich im Halbdunkel vom spielfokusierenden Plateau gekippt wird, steht auf einem anderen Blatt. Auch andere Ungereimtheiten, wie das ständige Auf- und Ab einer Malerplattform, die auch Scarpia zu einem ersten Auftritt verhilft, das überraschnde Auftauchen eines Messers zum Erdolchen des geilen Bösewichts, die durchwegs konventionelle, bloß in die Breite gezogene und mit längeren Auftrittswegen beschwerte Organisation des 1. Aktes und die traditionell geratene Mesnerszene zeugen davon, dass nicht alles konzeptiv bis ins Letzte durchdacht wurde. Selbst der von der Personenführung her spannend gestaltete 2. Akt wurde durch Projektionsschnickschnack teilweise um seine Wirkung gebracht. Präzis und fokusierend war hingegen – wie immer -Davy Cunninghams Licht.
Ulf Schirmer brachte die effektvolle und im guten Sinn reisserische Partitur gehörig zum Glühen. Sängerisch waren die Glanzlichter weniger strahlend: Nadja Michaels Tosca hat eine gut fundierte Mittellage; in den Höhen wird´s manchmal eng. Zoran Todorovich führt seine schwere und etwas müde wirkende Tenorstimme nicht immer intonationssicher durch die Cavaradossi-Klippen und rettet sich im „E lucevan´ le stelle“ in die Kopfstimme; Gidon Saks mangelt es an Scarpia-Farben.
Anton Sailer

Foto: Bregenzer Festspiele / Karl Forster

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