Titus Berlin

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Im Keller lauert die giftige Spinne

Ein Krönchen für das Prinzesschen Foto: Monika Rittershaus

„La clemenza di Tito“ an der Staatsoper unter den Linden
(Berlin, 3. Juni 2007) In dunklen Kellern liegen die Ängste unserer Kindheit verborgen. Hier steckt der Stoff für viele Märchen. Und auch wenn wir unsere Kellerfantasien später belächeln, disneyfizieren oder als Laientheater nachspielen, so bewahren sie doch für immer ihren Schrecken. Man muss nur ein bisschen darin bohren. Einer, der das gut kann, ist Nigel Lowery. Symptomatisch war seine Basler Inszenierung von Humperdincks „Hänsel und Gretel“: Statt Lebkuchengeknusper zeigte er eine grauenhafte Missbrauchs-Geschichte. Auch in Mozarts später Opera seria „La clemenza di Tito“, ist bei ihm alles auf psychologische Entschlüsselung aus dem Geiste kindlicher Fantasie angelegt.
Nicht Tito, der grundgute Kaiser stand im Zentrum von Lowerys Interesse, sondern die intrigante Vitellia. Eine interessante Figur. Lowery, Regisseur und Ausstatter zugleich, stellt seine Protagonistin vor eine Wand aus schwarzer Plastikfolie. Dann wird daran gekurbelt, und wir sehen ein düsteres Kellerloch. Das Neonlicht flackert grell und kalt, eine grausige Spinne hockt sprungbereit an der Wand. Das ist Vitellias Reich. Wer könnte sie aus diesem Alptraum erlösen? Richtig: Tito. Dieser jedoch hat sein Eheversprechen einer anderen gegeben. Vitellia ist enttäuscht, und so gärt die neurotische Fantasie in diesem verdorbenen Kind, bis Vitellia schließlich die böse Märchenkönigin ist. Krönchen, Samtumhang und die spitzen Finger in die Luft gereckt – blind, wer da nicht an Walt Disney denkt… Unter flackernden Lichtern verhext Vitellia den naiven Sesto, stiftet ihn zum Mord an Tito an. Im Lauf des Abends wächst Melanie Diener stimmmächtig in die Figur hinein, auch wenn ihr die erste Arie „Wenn du mir also gefallen möchtest“ noch harmlos gerät: Die Comic-Königin gewinnt „menschlich“ boshafte Züge.
Den Sesto gibt Elina Garanca. Die Lettin hat eine breite Ausdruckspalette, eine schlanke und klar geführte Stimme, Natürlichkeit im Auftritt. Die Identifikation mit der Rolle schafft sie aber nicht. Ihr Sesto in samtener Knappentracht bleibt so blass wie er blond ist. Fühlt sich Garanca unwohl in der Hosenrolle? Ist sie mit Lowerys Verfremdungskonzept überfordert?
Hinter der schwarzen Kellerkulisse kommt schließlich eine Laientheaterbühne zum Vorschein. Mit Kinderhand sind die Kulissen gemalt, links blendet die Sonne durch die Fenster. Ihre warmen Strahlen erleuchten gelb den Raum, so wie Titos Milde über seine Untertanen strahlt. Der gütige Herrscher und seine böse Widersacherin – kann man das als Märchen erzählen? Roberto Saccà will uns wissen lassen „Die einzige Freude des Throns ist die Wohltat“ und wirkt dabei wie eine süßliche Karikatur – das Konzept scheint aufzugehen. Sein italienisches Timbre, so schön Saccà es entwickelt hat, ist „passend“ unpassend, wirkt schwülstig in der ernsten Oper. Tito singt von einer Güte, der man nicht glauben kann. Der auch Lowery nicht glaubt. Darum ist der Stoff in der Märchenkiste gelandet.
Das Kapitol wird in Flammen gesetzt. Lustig züngeln rote Fähnchen aus dem Bühnenboden. Daran verbrennt sich keiner. Jetzt muss noch ein wenig Realität her. Das römische Volk darf diese Aufgabe übernehmen, stapft in grobem Tweed über die Bühne. Nehmen wir an, es stellt das Publikum dar, das diesem Laien-Märchentheater zuschaut. Der Jubel, mit dem es zum Schluss den gnädigen Herrscher bedenkt, ist zurückhaltend. Und das ist auch schon alles. Im Märchen, wo Verharmlosung und Grauen dicht nebeneinander liegen, fand Lowery zu manchen überzeugenden Inszenierungsideen. Mozarts moralsatte Oper aber sperrt sich dagegen.
Auch Philippe Jordan wollte von dem Märchenton nichts wissen. Er ließ die Staatskapelle dann aufblitzen, wenn es kaiserlich wurde, wenn die Trompeten majestätisch Titos Auftritt herbeizublasen hatten. Dabei hätte eher Vitellia seine Unterstützung gebraucht, mit musikalischer Schwarzmalerei, böser Exzentrik. Aber dazu fehlte dem jungen Dirigenten der Mut; er verpflichtete das Orchester lieber zu einer etwas faden Klassizität. Schön, aber nicht packend. So war es ein Abend mit Längen – eigentlich genau das, was man von einer Opera seria befürchtet.
Benjamin Herzog
Wolfgang Amadeus Mozart: „La clemenza di Tito“. Staatsoper unter den Linden, Berlin, Premiere 3. Juni 2007. Regie und Ausstattung: Nigel Lowery. ML: Philippe Jordan. Mit Melanie Diener (Vitellia), Roberto Saccà (Tito), Elina Garanca (Sesto) u.a.

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