Tilson Thomas

Heroischer Gipfelsturm und parfümierter Salon

Michael Tilson Thomas Foto: McCarthy

Michael Tilson Thomas mit Liszt, Ligeti und Dvorak bei den Münchner Philharmonikern
(23. März 2007) Während auf der einen Seite die historische Aufführungspraxis mittlerweile zum festen Bestandteil des hiesigen Konzertlebens gehört, und niemand mehr, der sich für authentischen Klang und originale Instrumente interessiert, in die Gefahr gerät, als Sektierer belächelt zu werden, entwickelte sich parallel dazu auf der anderen Seite in den vergangenen Jahren eine wachsende Bereitschaft des Publikums und der Musiker, sich mit der Musik des 20. Jahrhunderts auseinander zu setzen. Daß man in einem Programm mit Liszt und Dvorak wie selbstverständlich auch auf ein Werk von Ligeti stößt, das wäre noch vor 10 oder 15 Jahren eine seltene Ausnahme gewesen. Heute gehört es fast schon zum guten Stil.
Auch für Dirigenten ist es mittlerweile Standard, die Musik des 20. Jahrhunderts im Repertoire zu haben und auch aufzuführen. Der aus Los Angeles stammende Michael Tilson Thomas, der als Assistent bei den Bayreuther Festspielen anfging, dirigierte in Amerika schon früh auch Boulez oder Stockhausen. Seit 1995 steht der smarte „Dressman“ erfolgreich dem San Francisco Symphony Orchestra vor. Und so war bei seinem Gastspiel bei den Münchner Philharmonikern eingerahmt von Liszts „Mephisto-Walzer“ und von dessen erstem Klavierkonzert auch „Lontano“ von Liszts Landsmann György Ligeti zu hören.
Erstaunlicherweise machte gerade dieses aus dem Jahr 1967 stammende spektralistisch aufgefächerte Stück mit seinen sich vielfach überlagernden und verästelnden Strukturen an diesem Abend den stärksten Eindruck, nicht Liszts Klavier-Reisser und auch nicht Dvoraks Achte. Was allerdings nicht unbedingt an Liszt und Dvorak lag, sondern vor allem an Tilson Thomas. Während der Dirigent in „Lontano“ bei aller strukturellen Klarheit dem Orchester eine gerdezu betörende Klangsinnlichkeit Orchester entströmen ließ, blieb Liszts Konzert und auch die lebenspralle und lebensfrohe Achte von Dvorak weitgehend auf Oberflächenreize begrenzt. Hatte Liszts „Mephisto-Walzer“ durchaus noch Charme und Atmosphäre, wirkte der permanente Wechsel zwischen heroischem Gipfelsturm und parfümiertem Salon im Klavierkonzert in dieser glatten, uninspirierten Lesart hingegen schon fast peinlich. Jean-Yves Thibaudet als Solist ohne Fehl und Tadel vermochte dem nicht wirklich etwas entgegen zu setzen, verließ sich auf die Wirkung seines brillant-stupenden Virtuosentums.

Tilson-Thomas‘ Sichtweise auf die Dvorak-Symphonie war in ihrer Vordergründigkeit im Grunde eine Fehlinterpretation. Nicht das Erzählerische, Poetische, Inhaltliche kam hier zum Vorschein, sondern der vordergründige Effekt. So showhaft wie der Amerikaner das Stück dirigierte, mit keckem Florettgefuchtel und elegantem Hüftschwung, so showhaft klang auch die Musik. Das reicht aber nicht, dieses grandiose Werk mit Leben zu erfüllen, seinen Ausdrucksgehalt zu erfühlen. So war es wie der Soundtrack zu einem Film, den man nicht sah.
Robert Jungwirth

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