Tigran Mansurian

Im Auge der Saftpresse

Tigran Mansurian

Der armenische Reduktionist Tigran Mansurian bei der „Nachmusik der Moderne“
(München, 17. November 2007) Es kommt eher selten vor, dass sich Konzertbesucher für zeitgenössische Musik die Beine in den Bauch stehen. Bei der Veranstaltungsreihe „Nachtmusik der Moderne“ des Münchner Kammerorchesters in der Pinakothek der Moderne ist das eine durchaus übliche Erscheinung. Neben den Sitzplätzen im Erdgeschoss der zentralen Rotunde (auch Saftpresse genannt) gibt es einige Dutzend Stehplätze auf der Galerie. Von dort hat man einen prächtigen Blick über das gesamte Orchester. Die Reihe „Nachtmusik der Moderne“ beweist, dass das Interesse für aktuelle so genannte E-Musik beim Publikum keine Schimäre ist. Sie zeigt aber auch, dass man sich um die Hörer für Neue Musik mit besonderen Veranstaltungskonzepten bemühen muss. Das versucht beispielsweise auch die Musica Viva-Reihe des Bayerischen Rundfunks, wenn sie hin und wieder den gruftigen Herkulessaal zugunsten der Muffathalle verläßt. Neue Musik braucht eine zeitgemäßes Ambiente. Was für die bildende Kunst eine Selbstverständlichkeit ist, das erscheint vielen bei der Musik nicht unbedingt notwendig zu sein. Doch das ist ein Fehler. Das Ambiente ist ganz entscheidend für die Rezeption von Neuer Musik. Und die strenge, aber nicht unsinnliche Geometrie der Pinakothek der Moderne ist ein Idealfall für ein solches Ambiente, zumal sie auch genügend Platz für einige hundert Zuhörer bietet.
Zum großen Erfolg der „Nachtmusik“-Reihe trägt auch bei, dass die Konzerte jeweils einem Komponisten gewidmet sind und es vor jedem Konzert exzellente Einführungsgespräche gibt. Neue Musik wird hier nicht als Insider-Veranstaltung zelebriert, sondern als Kunstform, die potentiell jeden angeht und die jeder „verstehen“ kann.
Der armenische Reduktionist Tigran Mansurian (geboren 1939) stand im Blickpunkt der ersten „Nachtmusik“ dieser Saison. Mansurians Musik ist geprägt von Schlichtheit und Ausdruckstiefe, die mitunter ins Meditativ-Esoterische hinüber gleitet. Nach experimentell-avantgardistischen Anfängen wandte sich Mansurian in den 70er Jahren über die Integration volksmusikalischer Elemente seiner Heimat mehr und mehr einer „Neuen Einfachheit“ zu, wie sie sich bei verschiedenen Komponisten aus den ehemaligen Ostblockstaaten manifestierte.
Während seine „Serenade für singende Grillen und singende Wasser“ für Streichorchester aus dem Jahr 2000 mit ihren tiefen Streicherpulsationen eine nicht uninteressante naturhafte Schwermütigkeit ausdrückt – gleichsam wie ein See im Spätherbst – tendieren die „Vier Lieder nach Komitas“ für Cello und Streichorchester mit ihrem spätromantischen Gestus fast schon Richtung Kitsch. Ganz so anachronistisch muss man Schönheitssehnsucht heutzutage dann vielleicht doch nicht ausdrücken. Reduziert in Gestus und Faktur auch das Doppelkonzert für Violine, Cello und Streichorchester von 1978, wobei man sich des öfteren fragt, wofür eigentlich das Orchester gebraucht wird.
Auch im zweiten Konzert für Violine und Streichorchester von 2006 steht das Soloinstrument im Vordergrund, wobei sich hier mitunter derb Musikantisches mit gewissermaßen Feinstofflichem abwechselt.
Keine Frage, Tigran Mansurian ist ein Sonderfall der Neuen Musik: reduktionistisch bis zur Verweigerung, aber nicht aus dem Geist der Materialkritik, sondern eher aus dem der Schwermut. Das Kammerorchester unter seinem Leiter Alexander Liebreich und die Solisten Patricia Kopatchinskaja, Violine und Anja Lechner, Cello ließen sich mit bewundernswerter Hingabe auf die Trübseligkeiten der Musik ein, widmeten sich ihnen mit dennoch klarem Geist – was den Abend über weite Strecken dann doch zu einem interessanten Konzerterlebnis werden ließ.
Robert Jungwirth

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