Tianwa Yang Köln

Konzertkritik: Tianwa Yang/WDR Sinfonieorchester

Geigenglühen

Tianwa Yang Foto: Friedrun Reinhold

Die chinesische Geigerin Tianwa Yang spielte spielte für den erkrankten Erik Schumann mit dem WDR Sinfonieorchester unter Christoph Eschenbach Saint-Saens‘ Violinkonzert – dazu gab es Bruckners Sechste in der Kölner Philharmonie
Von Christoph Zimmermann
(Köln, 18. Dezember 2015) Natürlich wäre es – schon vom Aspekt des Lokalstolzes her – schön gewesen, wenn der gebürtige Kölner Erik Schumann mit dem WDR Sinfonieorchester das dritte Violinkonzert von Camille Saint-Saens aufgeführt hätte. Eine Erkrankung machte diesen Plan aber zunichte. So ist auf einen anderen Auftritt baldmöglichst zu hoffen, vielleicht auch als Primarius des 2007 gegründeten Schumann-Quartetts, in dem – wie bei den Hagens – zwei Geschwister mitwirken.
Der Ausfall von Erik Schumann ermöglichte eine Begegnung der besonderen Art. Eigentlich stellt sich immer etwas Skepsis ein, wenn junge Künstler auf Fotos in unnatürlicher, u.U. sogar reißerischer Positur offeriert werden. Bei Tianwa Yang, einer grazilen Chinesin, kommt ein Asia-Bonus hinzu. Die Ablichtung im WDR-Programmheft zeigt die Geigerin auf einem Ledersofa hingegossen, mit leicht laszivem Blick in ihren geschrägten Augen. Das entspricht zu Teilen freilich der Realität. Und zugegeben: der 28jährigen Künstlerin hört man nicht nur gerne zu, man sieht sie auch gerne an.
In der Kölner Philharmonie verschwanden Vorbehalte äußerlicher Art freilich gleich beim ersten Ton. Von einem kernig intensiven Vibrato unterlegt glühte das Instrument von Tianwa Yang förmlich. Auch später fehlte es nicht an bohrender Vibration und raketenhaften Aufschwüngen, was sich in der schlangenhaften Körperbewegung, namentlich den gerne aufstampfenden Beinen nachdrücklich spiegelte. Andererseits leuchtete es ätherisch im Andantino-Mitterlsatz. Christoph Eschenbach, Dirigent des Abends, leitete das Orchester mit behutsamer Abstimmung auf die musikalische Gangart der Solistin, welche mit Rubati und anderen Temporückungen sowie filigranem Pianissimo-Spiel eine reiche Ausdruckspalette bot. Herrlich die Flageolett-Arpeggien zusammen mit der Klarinette, perforiert von sanften Oboen-Tönen.
Die Ballade aus Eugène Isayes dritter Violinsonate gehört zu den besonders beliebten Zugaben  von Geigern, wie in  Köln beispielsweise vor anderthalb Jahren bei Arabella Steinbacher oder im Februar bei Julian Rachlin erlebt. Die rund acht Minuten bedeuten grifftechnischen Irrwitz. Tianwa Yang rutsche nirgends ab, wirkte souverän wie ein Bergsteiger am Hochwandseil, wobei dieses Bild das Gefahrenpotential solch radikal virtuoser Musik andeuten mag. Die Identität des nach ausgiebigem Beifall gebotenen zweiten Encores, ruhiger im Duktus, aber gleichfalls gefährlich doppelgriffig, war nicht zu eruieren.
Den gravitätischen Schwerpunkt des Abends, was alleine schon die Werkausdehnung betrifft, bildete Anton Bruckners sechste Sinfonie. Christoph Eschenbach hat das Werk 2009 mit dem London Philharmonic Orchestra auf CD eingespielt. Insgesamt ist seine Bruckner-Diskografie jedoch schmaler als es der Liveeinsatz für diesen Komponisten erwarten lassen könnte. Der Kölner Auftritt dieses Fleißmusikers wurde bzw. wird umrahmt von Konzerten in Madrid (Wagner-Szenen mit Matthias Goerne, Strawinskys „Sacre“), an der Mailänder Scala sowie am Jahresende in Shanghai; hinzu kommen Meisterklassen in Kronberg/Taunus.
Bruckner hat seine „Sechste“, die übrigens ohne die sonst üblichen Bearbeitungen binnen Jahresfrist entstand, seine „keckste“ genannt. Dem möchte man doch nicht so ganz zustimmen, denn auch ihre Musik ist geprägt von tonlichem Schwergewicht und holzschnitthafter Dramatik. Christoph Eschenbach drückte sich an Pathos nicht vorbei, unterstrich es eher mit breiten Ritardandi und auflodernden Crescendi. Das alles geschah freilich mit natürlicher, ruhiger Atmung und delikater Tönung, speziell im Trio des Scherzo-Satzes, wo subtile Streicher-Pizzicati und romantischer Hörnerklang aufeinander treffen.
Das sehr disziplinierte und klangmächtige WDR Sinfonieorchester ist übrigens ein Bruckner-erfahrener Klangkörper. Dirigenten wie Karl Böhm, Eugen Jochum, Joseph Keilberth, Otto Klemperer, Hans Knappertsbusch oder auch Rafael Kubelik repräsentieren die historische Zeit der fünfziger und sechziger Jahre. In die spätere Stereo-Zeit fällt die Gesamteinspielung der Sinfonien unter Günter Wand (weiterhin im CD-Katalog), wobei die „Fünfte“ für den Dirigenten die erste Auseinandersetzung mit diesem Werk bedeutete.


0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.