Thomas Irnberger

Wider den Einheitsbrei

Thomas Albertus Irnberger Foto: Irene Zandel

Mit seinen 25 Jahren kann das österreichische Geigen-Talent Thomas Albertus Irnberger bereits auf eine beachtliche Diskografie blicken – im November erscheinen CD Nr. 14 und 15 mit Werken von Debussy, Franck und Bartok. Attila Csampai hat sich mit Thomas Albertus Irnberger über das Sammeln von Instrumenten, den "Originalklang", seine Musikauffassung und über die Wichtigkeit von Lyrik unterhalten.
Csampai: Sie leben in Salzburg, der Stadt Mozarts, und der Salzburger Festspiele. Ist das ein gutes Pflaster für ambitionierte Musiker?
Irnberger: Eine gefährliche Frage. Wenn ich zynisch wäre, würde ich sagen, eine Stadt für ambitionierte Sportler und Partygänger, weniger für ambitionierte Musiker. Dazu fällt mir auch noch der bekannte Brief Wolfgang Amadeus Mozarts vom August 1778 ein, in dem er seine persönliche Meinung über Salzburg kundtut. Ich möchte es aber so formulieren: Während der Festspielzeiten ist zwar Hochkultur angesagt, in die aber ortsansässige Künstler kaum oder gar nicht involviert werden, da die "Internationalität" offenbar durch "Nichtortsansässigkeit" des Künstlers definiert wird. Das Kulturangebot in der "festspielfreien Zeit" ist großteils sehr dürftig und provinziell. Hier ist Salzburg eher als günstiger topographischer Ausgangspunkt zu nutzen, um in die Konzertsäle und Opernhäuser nach Wien und München flüchten zu können. Auch das nahegelegene Linz mit seinem bald neuen Musiktheater ist wesentlich interessanter.
Csampai: Sie gelten als eine der größten Geiger-Begabungen Ihrer Generation. Zugleich sind sie ein musikalisches Multitalent – also Sänger, Pianist, Musikwissenschaftler und Experte für "Historische Tasteninstrumente": Wenn man Ihre eindrucksvolle Sammlung historischer Hammerflügel bestaunt, dann spürt man eine große heimliche Leidenschaft für die Klangwelten historischer Instrumente. Wären Sie gerne Pianist geworden, oder warum haben Sie sich künstlerisch dann doch für die Geige entscheiden ?
Irnberger: Ich habe tatsächlich eine große Sammelleidenschaft. Ich sehe mich als Retter und Bewahrer der alten Instrumente. Ich habe schon viele wunderbare alte Flügel aus Gärten und Vorhöfen, wo sie Wind und Wetter ausgesetzt waren, oder von heißen bzw. eiskalten Dachböden gerettet, und sie zum Klingen bringen lassen. Der Nachteil ist: Mein Hobby ist sehr platzintensiv. Meine Verwandten und Freunde können ein Lied davon singen, wenn ich wieder einen meiner Flügel die Frage stellen lasse: "Wer gewährt mir ein Plätzchen?" Ich habe mittlerweile Instrumente von einigen bekannten Klavierbaumeistern aus dem Wiener Raum. Aber meine Sammelleidenschaft beschränkt sich nicht nur auf Hammerklaviere, sondern auch auf historische Tondokumente von Geigern, Pianisten und Sängern auf alten Schallplatten und Schellacks.
Warum ich mich aber trotzdem für die Geige als Hauptinstrument entschieden habe, hat mehrere Gründe. Einerseits meine große Begeisterung für den Gesang. Ich bin schon während meiner Studienzeit mehr in Gesangsabenden gesessen als bei Streicherklassenabenden. Ich liebe Opern und Liederabende. Mit meiner Geige komme ich der menschlichen Stimme am nächsten. Ich wundere mich immer wieder, dass es im Lehrplan für die Streicher kein Pflichtfach "Gesang" gibt. Früher sind Geiger sehr oft zu Gesangspädagogen gegangen. Der große Geiger Riccardo Odnoposoff ist zum Beispiel regelmäßig zu Gesangslehrern gegangen, um seine Stimme auszubilden, was dann seine Phrasierung beeinflusst hat. Heute gibt es viele Geiger, die zu "atmen" vergessen und alle Phrasen aneinander kleben. Das richtige Atmen beeinflusst auch maßgeblich die Bogentechnik bzw. Bogeneinteilung. Jetzt bin ich etwas abgeschweift. Die Geige habe ich auch wegen der Möglichkeit der individuellen Tonproduktion gewählt und ihrer Klangfarben wegen. Trotzdem habe ich auch einen ausgezeichneten Klavierunterricht genossen, der mir das Erlernen von neuen Werken sowohl als Geiger als auch als Sänger jetzt sehr leicht macht.
Csampai: Sind Sie ein überzeugter Verfechter des "Originalklangs" oder kann man Bach oder Mozart auch auf einem Steinway spielen?
Irnberger: Selbstverständlich kann man Mozart und Bach auf einem Steinway ganz wunderbar spielen. Wenn man aber zuerst auf einem Originalinstrument gespielt hat, ändert sich der Zugang zu einem Musikstück. Es ändern sich Parameter wie Dynamik, Balance und Klangfarben. Wenn ich es an einem Beispiel erläutern darf: Wenn ein Komponist bei einer Violinsonate ein "Pianissimo" für die Geige vorgeschrieben hat, kann ich das mit einem modernen Flügel als Begleitinstrument nicht umsetzen, da die Geige hoffnungslos untergehen würde. Ein Hammerflügel würde eine Geige nie zudecken, da die Balance zwischen beiden Instrumenten von Natur aus ausgeglichen und damit optimal ist. Hier ist auch die Gestaltung der Klangfarben leichter, da im Gegensatz zum modernen Flügel nicht nur drei Pedale, sondern im besten Fall sogar sieben bzw. acht Pedale zur Verfügung stehen. Das Fortepiano bekommt mehr Möglichkeiten der Tongestaltung und mischt sich mit der Geige klanglich viel besser. Ich möchte fast sagen, dass es zu einer Verschmelzung der beiden kommt. Die Tonerzeugung des Hammerflügels beeinflusst auch die Interpretation der Geigenstimme. Zum Beispiel ändert sich auch der Zugang zum Sforzato. Mit zwölf, dreizehn Jahren habe ich alle Beethoven’schen und Schumann’schen Sforzati wirklich sehr stark betont gespielt. Wenn ich nun auf einem Hammerflügel ein Sforzato in einer Melodielinie spiele, wird der Ton zuerst grell und reißt dann völlig ab, d.h., die Melodie wird zerstört. Für die Geigenstimme bedeutet das nun, dass so ein Sforzato eben anders interpretiert werden muss, nämlich als Betonung im Sinne von "diese Note ist wichtig" und nicht als Effekt.
Bach und Mozart haben die Instrumente, für die sie komponiert haben, genau gekannt. Bach hat den Beginn der Hammerflügel durch Johann Gottfried Silbermann kennen gelernt und war von der Möglichkeit, die Töne bezüglich ihrer Lautstärke zu nuancieren, fasziniert. Mozart besaß einen Anton Walter Flügel. Zu dieser Zeit klangen die Hammerflügel noch sehr cembaloartig und besonders durchsichtig, fast filigran. Wenn man nun einen Vergleich mit dem modernen Flügel zieht, muss man sagen, dass selbst ein sehr hell intonierter moderner Flügel niemals so schlank klingen wird, auch ist diese Detailgenauigkeit nicht zu realisieren.
Abschließend möchte ich sagen, dass ich ein Liebhaber des Originalklangs bin, aber natürlich dem modernen Flügel auch sehr viel abgewinnen kann.
Csampai: Wie würden Sie aus eigener Erfahrung die einzelnen Komponenten des Gesamtergebnisses bei einer CD-Aufnahme gewichtigen: Wie verteilen sich die 100% auf Interpretation, auf Notentext, auf Instrumente, auf Akustik, auf Aufnahmetechnik ?
Irnberger: Natürlich sind Interpretation, Notentext und die Auswahl der Instrumente die wichtigsten Komponenten für eine CD- Aufnahme, vielleicht machen sie 70 % des Ergebnisses aus. Man hört das auch bei alten Aufnahmen. Auch eine nicht so gute Akustik und eine nicht ausgereifte Aufnahmetechnik wird unsere Begeisterung für den Gesang eines Enrico Carusos oder eines Benjamino Giglis kaum trüben. Eine gute Aufnahmetechnik bzw. Akustik gibt einem Interpreten jedoch heute mehr Freiheit. Man kann in einem technisch ausgereiften Saal überall aufnehmen und muss sich nicht irgendwo, vielleicht entfernt vom Klavierpartner hinstellen, eventuell mit Trennwänden – ohne Augenkontakt, da an der gewünschten Stelle ein Flatterecho die Aufnahme stört.
Csampai: Und wie verteilen sich bei einem großen Interpreten Genie und Fleiß?
Irnberger: Ich glaube, dass geniale Begabungen, was das Üben am Instrument anbelangt, gar nicht so fleißig sind, sie lernen einfach sehr schnell. Ein Befassen mit der Musik findet in anderer Form statt – durch Nachdenken über Interpretation und die Problembewältigung schwieriger Stellen. Ich bin auch der Meinung, dass was Übezeiten anbelangt, vielfach nicht die Wahrheit gesagt wird. Wenn ein genialer Geiger im Alter unterrichtet, sagt er gerne, dass er in seiner Jugend den ganzen Tag geübt hätte, um seine Schüler nicht zu entmutigen. Genialen Begabungen ist es auch manchmal peinlich, zuzugeben, dass ihnen vieles leicht fällt, auch fürchten sie Neid, da erfinden sie dann gleich ein paar Übestunden dazu. Von Ivry Gitlis weiß ich, dass bei ihm drei Stunden am Tag das Maximum waren. Von Martha Argerich heißt es, dass sie nur sporadisch üben würde.
Csampai: Wie wichtig ist bei einem großen Musiker der intellektuelle Anspruch? Also sein musikologischer Wissensstand? Muss man Mozarts Biographie in allen Details kennen, um seine Musik richtig zu spielen?
Irnberger: Ich weiß, dass viele Musiker ein Werk allein aus dem Notentext interpretieren und die Auffassung vertreten, dass ein Komponist alles im Notenbild niedergeschrieben hat. Natürlich gibt es Musiker die ein Werk richtig intuitiv erfassen, aber es gibt auch Bereiche, die durch ein Nichtwissen verschlossen bleiben. Ich kann da gleich drei Beispiele anführen, die meine jüngsten Aufnahmen betreffen. Mit Paul Badura-Skoda habe ich Mozart-Violinsonaten aufgenommen, darunter die in Wien 1784 entstandene B-Dur Sonate KV 454, die zusammen mit zwei Klaviersonaten im Erstdruck erschien, wovon eine aus seiner frühen Münchner Zeit stammt. Es ist verwunderlich, dass Mozart eine Violinsonate mit zwei Klaviersonaten koppelt, noch dazu mit Werken, deren zeitlicher Bezug deutlich auseinander klafft. Ich habe mir dann eine Kopie des Erstdrucks beschafft und auf der Titelseite zwei allegorische Gestalten mit eindeutigen Freimaurersymbolen gesehen, bei der anderen Klaviersonate ist auch noch die wichtigste Zahl der Freimaurer gleich dreifach die Drei vertreten, nämlich KV 333. Folglich habe ich nach einer geistigen Verbindung der Werke gesucht, nach ihrem gemeinsamen roten Faden.
Oder meine Aufnahme der Franck-Violinsonate mit Jörg Demus, ein unglaublich leidenschaftliches Werk, das oft sehr missinterpretiert, weil nur möglichst schnell gespielt wird. Zu Cesar Franck muss man sagen, dass der Komponist ein sehr religiöser Mann war, und auch als Organist und Orgellehrer tätig war. Ein großer Teil seiner Werke sind Kirchenkompositionen. Er führte ein Leben als Musiker, Ehemann, Lehrer und Familienvater. Und plötzlich, im Alter von Mitte 60, schreibt er zwei Werke, die vollkommen aus dem bisherigen Rahmen seiner Kompositionen fallen, zuerst die leidenschaftliche Violinsonate und dann noch das berühmte Klavierquintett. Ich bin dann auch den Dingen auf den Grund gegangen, habe viel in Paris geforscht und bin, so glaube ich, zu einer sehr schlüssigen Interpretation gekommen.
Als letztes Beispiel möchte ich noch meine Neueinspielung der Debussy-Violinsonate anführen, deren rhythmisch ostinate Teile von Geigern gerne fast wie eine Etüde exerziert werden. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Debussy als "musicien francais" hier das Wahrzeichen Frankreichs "den gallischen Hahn" inmitten des "europäischen Hühnerhaufens" musikalisch dargestellt hat. Zu solchen Erkenntnissen kommt man aber nur durch musikologische Forschungen. Einer meiner früheren Lehrer hat einmal zu mir gesagt, dass Musiker die gebildetsten Menschen sein sollten und weiters gemeint, dass jemand, der keine Gedichte von Eichendorf, Heine, Chamisso und Rückert lesen würde, niemals eine Schumann-Violinsonate interpretieren könne. Damit sind wir bei der Lyrik angelangt. Genauso verhält es sich mit Schubert. Für die Interpretation seiner Instrumentalwerke muss man seine Lieder und die Texte kennen. Wer die "Variationen über die "Trocknen Blumen" ohne Kenntnis der "Schönen Müllerin" spielt, dessen Interpretation fehlt es garantiert an Entscheidendem.
Csampai: Worauf kommt es entscheidend an bei einer Interpretation? Auf die Technik? Auf die Leidenschaft, die innere Beziehung zu dem Stück? Oder auf den Blick hinter die Noten? Helfen Schallplatten bei der Annäherung an große Werke? 
Irnberger: Die Geigentechnik ist natürlich eine Voraussetzung, nur muss man sich diese schon mit zwölf, dreizehn Jahren erworben haben. Später geht es nur noch um eine gewisse Verfeinerung. Die eigentliche Arbeit beginnt erst nach dem Studium der technischen Abläufe , wenn man an eigenständigen Interpretation arbeitet, wo dann Leidenschaft, die Beziehung zum Werk und der Blick "behind the visible" zum Tragen kommen. Schallplatten helfen bei Werken, die man nicht gleich spielt, wenn man diese nur für spätere Zeiten kennen lernen möchte. Wenn man ein Stück erarbeitet und sich gleichzeitig andere Interpretationen anhört, ist die Gefahr der Imitation gegeben. Dies bringt mich zu Fragen, die neulich aufgeworfen wurden: Warum klingen heutzutage so viele Geiger und Geigerinnen gleich? Warum erkennt man bei heutigen Rundfunkmitschnitten nicht mehr, wer spielt? Das Problem ist die Imitation. Wenn von Lehrern den Schülern die gleichen Fingersätze vorgeschrieben werden, eine identische Bogeneinteilung,… bekommt man einen musikalischen Einheitsbrei. Heifetz hat nie wie Gitlis geklungen, Isaac Stern nie wie Oistrach, Kremer klingt nicht wie Hirschhorn, Mutter hat einen ganz anderen Ton als Neveu. Jeder oder jede hatte bzw. hat seinen eigenen individuellen Stil, was auch Interpretationen einzigartig machte. Das fehlt heute vielfach. Einen Aspekt möchte ich noch erwähnen. Ich finde es sehr wichtig, dass man sich während des Studium eines Werks auf CD oder Schallplatte andere Kompositionen des Komponisten anhört. Bevor ich das Violinkonzert von Sibelius spielte, habe ich mich zuerst mit dem Symphoniker Sibelius befasst.
Csampai: Was ist ihr innerster Antrieb, Musik zu machen?
Irnberger: Mit Hilfe der klassischen Musik meinen Mitmenschen und mir Freude zu bereiten und auch zu helfen. Musik hilft schwierige Lebenssituationen viel leichter zu meistern. Wenn ich nur an meine Schulzeit denke, in der ich viel Unrecht erleiden musste. Es war aber immer so, dass ich wenn ich zornig aus der Schule kam, beim Geigenüben von einer inneren Ruhe erfasst wurde. Besonders Bach hat mir da sehr geholfen.
Csampai: Ihr musikalischer Horizont, ihre musikalischen Interessen sind ungewöhnlich weit gefächert und vielfältig. Sie beschäftigen sich professionell auch mit den technischen Aspekten der Wiedergabe von Musik und besitzen ein eigenes Tonstudio: Trauen Sie den Tonmeistern nicht oder sind Sie der Überzeugung, dass ein erfolgreicher Musiker von der Aufnahmetechnik eine Ahnung haben muss, weil der Anteil der Technik an einer gelungen Aufnahme immer wichtiger wird?
Irnberger: Der Vorteil eines eigenen Tonstudios ist, dass die zeitliche Limitierung wegfällt. In großen Sälen, soweit sie zur Verfügung stehen, kommt dann um 10 Uhr am Abend der Hausportier und verjagt die Künstler, auch wenn diese künstlerisch in einer Hochstimmung sind und gerne noch einige Zeit aufnehmen würden. Dann ist es auch oft nicht leicht, einen Saal durchgehend für vier Tage zu buchen, die man im Schnitt für Technikaufbau, Balance, tatsächliche Aufnahme und Abbau der Technik benötigt. Dann müssen gerade an diesen Tagen auch alle an einer Aufnahme Beteiligten frei verfügbar sein. Die Belastung der Saalsuche fällt dadurch für mich weg. Der Vorteil des Besitzes einer eigenen Technik ist der, dass viele Tonmeister ihre Technik nicht mehr selbst besitzen und sich einen Aufnahmewagen ausleihen, wobei die Gerätewartung manchmal nicht ganz gewährleistet ist. Bei meinen ersten CD- Aufnahmen ist es vorgekommen, dass ein Mikrofon "gezinselt" hat und kein Ersatz da war, was die Verwendung eines andersartigen Mikrofons mit neu einzustellender Balance zur Folge hat. Wenn dann auch der Zeitdruck eines nur kurze Zeit zur Verfügung stehenden Saals dazukommt, wird die Angelegenheit problematisch. Ich erinnere mich bei einer meiner ersten Aufnahmen in La Chaux-de-Fonds gab es beim dortigen Flügel ein nur schwer behebbares Pedalproblem. Eine ganze Aufnahmesitzung am Abend fiel ins Wasser. Man ist uns dann soweit entegegengekommen, dass wir die letzte Nacht unbegrenzt spielen durften. Die Paganini-Variationen über "I Palpiti" habe ich um drei Uhr früh eingespielt, was für alle Beteiligten wirklich eine große Belastung war.
Nun zu Ihrer Tonmeister-Frage: Ich bin mit meinen Tonmeistern außerordentlich glücklich, da sie über großes fachliches Können verfügen. Trotzdem muss ein Musiker meiner Ansicht nach auch von Aufnahmetechnik etwas verstehen, da der künstlerische Anspruch der Tonmeister oft von ihrer Ausbildungsstätte her geprägt ist. Die französischen Tonmeister lieben zum Beispiel bei Originalinstrumenten einen eher direkten, trockenen Klang, während Italiener mehr Hall möchten, was von französischer Seite eher als "Klangsoße" bezeichnet wird. Was mir auch aufgefallen ist, dass Tonmeister, die in einer Industriestadt leben z.B. im Ruhrgebiet, eine besondere Fixierung auf Geräusche entwickeln. Wenn bei einer Beethoven-Violinsonate zum Beispiel bei kurzen Strichen ein scharrendes, schabendes Geräusch entsteht- so gar nicht im Sinne Beethovens-, sind sie von der "Emotionalität" begeistert, weil sie selbst die Ruhe und den Schönklang nicht mehr erleben. So ist es eben für mich wichtig, dass ich mit Tonmeistern zusammenarbeite, die ähnliche ästhetische Grundhaltungen wie ich haben bzw. bei der Aufnahme realisieren.
Auch ist die gemeinsame Takeauswahl für mich entscheidend. Manche Tonmeister gehen allein auf Nummer sicher- die richtigen Töne und der richtige Rhythmus sind die wichtigsten Parameter. Ich selbst entscheide aber nach meinen eigenen künstlerischen Kriterien. So ergänzen wir einander – im Idealfall eine Symbiose.
Csampai: Haben Sie nicht Angst, sich bei Ihren vielfältigen musikalischen Interessen zu verzetteln? Man hört doch immer, dass die ganz großen Karrieren durch unmenschliche Disziplin, durch monomanische Fixierung auf das Instrument, durch exzessives Üben gekennzeichnet sind: Bei Ihnen spürt man aber stets eine unglaubliche intellektuelle Begeisterung für alle Facetten der Musik – sie sind ein interdisziplinär denkender musikalischer Universalgelehrter: Aber das scheint ein Profil des 19. Jahrhunderts zu sein, und vielleicht nicht ganz zeitgemäß in einer Welt von Fachidioten und Wikipedia-Nutzern. Fühlen Sie sich manchmal als Romantiker, als ganzheitlich denkender Mensch in einer Welt der Halbgebildeten und der Spezialisten?
Irnberger: Eine gewisse Disziplin ist sicherlich ein wichtiges Kriterium, wobei für mich diese Disziplin nur einen Verzicht auf das Rauchen von Zigaretten und das Trinken von Alkohol bedeutet. Natürlich achte ich auf einen ausreichenden Schlaf und auf eine möglichst gesunde Ernäherung mit viel Salat und Obst, trotzdem lasse ich mir den Genuss an einem Schweinsbraten, einem Wiener Schnitzel oder an einer Nusstorte nicht verderben. Aber eine solche Form der Disziplin sollte auch für "Nichtkünstler" erstrebenswert sein und kein Problem darstellen.
Ich glaube, dass ein wirklich exzessives Üben, mehr Schaden als Nutzen bringt, da es eine zu einseitige Ausrichtung bedeutet. Wie viele Wettbewerbsgewinner sind nach kurzer Zeit von der Bildfläche verschwunden. Wenn ich das an einem Beispiel erläutern darf: Ein Geiger übt für einige Wettbewerbe immer das gleiche Werk von Bach, von Paganini, von Sarasate, von Mozart… und spult dann alles bei jedem Auftritt ab, in der Hoffnung seine Leistung von Mal zu Mal steigern zu können. Dann gewinnt er vielleicht einen Bewerb und muss aber nach diesem Erfolg einsehen, dass er für ein Konzertleben nicht geeignet ist, da ihm das Repertoire fehlt. Mit seinem Programm kann er vielleicht eine Tournee bestreiten, aber mehr auch nicht, und im Jahr darauf gibt es einen neuen exzessiv übenden Gewinner. Eine gute Technik erreicht man auch niemals durch Fixierung auf wenige Werke, sondern nur durch Flexibilität. Ivry Gitlis hat zum Beispiel das Alban Berg Konzert innerhalb von zwei Wochen lernen müssen. Für diese Aufnahme, die bei ihm einen großen Karriereschub bewirkt hat, bekam er den Grand Prix de Disque. Von Paul Badura-Skoda weiß ich auch, dass er Konzerte mit David Oistrach spielte. Beide fixierten Probentermine. Kurz nach Beginn der ersten Probe erkannten sie, dass sie sich künstlerisch auf einer Wellenlänge befanden, und ersetzten das "exzessive Üben" durch Schachspielen. Die abendlichen Konzerte sollen aber hinreißend gewesen sein.
Als Universalgelehrten möchte ich mich nicht bezeichnen, ich versuche mir nur eine große Bildung in mehreren Bereichen anzueignen. Für mich sind alle künstlerischen Disziplinen verbunden. Mein Ideal ist sicher die künstlerische Welt der Romantik bzw. des Fin de Siecle. Mir fehlen echte Gemeinschaften, wie sie früher Maler, Dichter und Komponisten gebildet haben- zum gegenseitigen künstlerischen Austausch. Ein großes Vakuum hat auch der zweite Weltkrieg gebracht. So viele jüdische Künstler sind in den Konzentrationslagern ums Leben gekommen oder mussten in eine Welt emigrieren, in der sie sich künstlerisch nicht mehr entsprechend entfalten konnten. Es ist so viel verloren gegangen oder in Vergessenheit geraten. Ich versuche nun, wie auch andere Kollegen, verborgene Schätze der "verfemten Komponisten" wieder in den Blickpunkt der Öffentlichkeit durch Aufnahmen zu stellen. Ivry Gitlis hat kürzlich zu mir gesagt, ich hätte ein Sendungs-bewußtsein. Vielleicht hat er recht.
Nun dazu, wie ich mich in der Welt fühle. Es ist sicher oft nicht ganz leicht. Mit einseitigen Spezialisten gibt es zwar sehr interessante Gespräche, doch sind sie oft zu fixiert, um andere Meinungen zuzulassen. Problematisch ist die Welt der Halbgebildeten, die sich in Wikipedia bewegen. Die falschen Informationen breiten sich dort wie "die stille Post" aus. Aber auch Bücher sind oft nicht frei von falschen Darstellungen. Ich habe erst kürzlich das relativ neu erschienene Lexikon der Violine gekauft und bereits beim ersten Aufschlagen Fehlinformationen entdeckt. Ein Beispiel: der Herausgeber, der selbst Geige unterrichtet haben soll, schreibt eine längere Abhandlung zum Begriff "Saitenwechsel", einem Wort, dessen Bedeutung jeder Geiger von der ersten Stunde an geläufig ist. Dann aber beschreibt er in Anlehnung an Carl Flesch die Technik des Saitenwechsels, vergisst dabei aber wesentliche Details der Biomechanik der beteiligten Gelenke. Eine erfolgreiche Rollbewegung des Ellbogengelenks setzt auch immer eine Rollbewegung im Handgelenk voraus. Wenn das Handgelenk an der Rollbewegung nicht teilhaben würde, somit steif bliebe, wäre im Ellbogengelenk nur eine Beuge- und Streckbewegung über das Scharniergelenk möglich. Rückschlüsse auf die Geigentechnik des Herausgebers möchte ich aber jetzt nicht ziehen und wieder auf ein Miteinander hinweisen, dem erstrebenswerten gemeinsamen Zusammenwirken verschiedener Disziplinen.
Csampai: Gibt es in Ihrem Leben etwas anderes außer Musik? Könnten Sie sich vorstellen, etwas ganz anderes zu machen in Ihrem Leben, und dabei glücklich zu sein? Wenn ja, was ?
Irnberger: Mein Leben ist sicher von der Musik dominiert oder hat einen ständigen musikalischen Bezug, wie auch meine Reisetätigkeit fast immer ein musikalisches Ziel hat. Entweder spiele ich selbst ein Konzert, fahre zu Proben, oder besuche Archive und Bibliotheken, um Erstausgaben und Autographe einzusehen. Ich glaube kaum, dass mich ein anderes Leben glücklich machen würde. Nur zwei Alternativen könnte ich mir eventuell vorstellen: Schriftsteller und Schauspieler – Kabarettist.
Neben meinen Booklettexten schreibe ich sehr oft meine Gedanken über Musik und Interpretation nieder, auch Erlebnisse, die ich mit Musikerkolleginnen und -kollegen hatte, oder Ereignisse, die mich geprägt haben.
Nun zur Schauspielerei. Neulich hat Jörg Demus zu mir gesagt, dass ihm zu Ohren gekommen sei, dass ich ihn stimmlich so gut nachahmen könne. Ich möge ihm nun eine Kostprobe davon geben. Natürlich weigerte ich mich, bot ihm aber an, unseren Freund Paul Badura- Skoda stimmlich zu imitieren. Jörg Demus muss sehr beeindruckt gewesen sein, da er jetzt sehr vorsichtig geworden ist, wenn Paul Badura-Skoda anruft. Es könnte ja auch jemand anderer sein.
Csampai: Ich bedanke mich ganz herzlich für das Gespräch.
Diskographie Thomas Albertus Irnberger

Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791)
Sonaten für Violine & Klavier auf Originalinstrumenten  (Part 2)
Sonate für Klavier und Violine KV 526 in A- Dur,
Sonate für Klavier und Violine KV 379 in G-Dur,   
Sonate für Klavier und Violine KV 377 in F-Dur,

Thomas Albertus Irnberger, Violine (Jacobus Stainer 1656);
Paul Badura-Skoda, Hammerflügel (Original Anton Walter ca. 1785)
  
Erscheinungsjahr: 2009 VÖ Deutschland: 17. September 2010, Codaex
Label: GRAMOLA Vienna, Bestellnummer: 98852, Format: CD

Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791)
Violinsonaten, Vol. 3 Sonate für Klavier und Violine KV 376 (374d) inFA- Dur,
Sonate für Klavier und Violine KV 454 in B-Dur,   
Sonate für Klavier und Violine KV 380 (374f) in Es-Dur
Thomas Albertus Irnberger, Violine (Jacobus Stainer 1656);
Paul Badura-Skoda, Hammerflügel (Original Anton Walter ca. 1785)

VÖ Deutschland: 17. September 2010, Codaex
Label: GRAMOLA Vienna, Bestellnummer: 98904, Format: SACD

César Franck, Claude Debussy, Jörg Demus – Violinsonaten
Demus, Sonate Sylvestre für Violine und Klavier op. 48,
Debussy, Sonate g-Moll für Violine und Klavier (1917),
Franck, Sonate A-Dur für Violine und Klavier
Thomas Albertus Irnberger,Violine;
Jörg Demus, Klavier
VÖ Deutschland: 19.11.2010, Codaex, Label: GRAMOLA Vienna
Bestellnummer: 98895, Format: SACD

"Salon de Vienne"
  Béla Bartók, Rumänische Volkstänze (Transkription Zoltán Székely),
Johannes Brahms, Ungarischer Tanz Nr. 17 (Transkription von Fritz Kreisler),
Antonín Dvořák, Romantische Stücke op. 75, Johann Strauß II, Ischler Walzer in A-Dur, op. Posthum
Fritz Kreisler, Marche miniature viennoise, Schön Rosmarin (Alt-Wiener Tanzweisen Nr.3), Liebesleid (Alt-Wiener Tanzweisen Nr. 2), Liebesfreud (Alt-Wiener Tanzweisen Nr. 1), Franz Lehár, Frasquita-Serenade (Transkription von Fritz Kreisler), Richard Strauss, Der Rosenkavalier (Walzer) (Bearbeitung von Váša Příhoda), Gustav Mahler, Wer hat dies Liedlein erdacht (aus "Des Knaben Wunderhorn", Bearbeitung für Violine und Klavier), Carl Goldmark, Romanze für Violine und Klavier op. 51, Leos Janáček, Gute Nacht! (Dobrou noc! aus «Auf verwachsenem Pfade», Bearbeitung für Violine und Klavier),

Thomas Albertus Irnberger, Violine;
Jörg Demus, Klavier (Steinway D op. 474450 – Ex Wiener Musikverein).

VÖ Deutschland: 19.11.2010, Codaex, Label: GRAMOLA Vienna, Bestellnummer: 98903, Format: SACD

Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791)
Konzerte für Violine und Orchester Nr. 3 (KV 216),
Nr. 4 (KV 218) und Nr. 5 (KV 219)
                     
Thomas Albertus Irnberger, Solovioline (Jacobus Stainer)

Spirit of Europe – Orchester
Dirigent: Martin Sieghart
Continuo: Edoardo Torbianelli (Pianoforte um 1800)
Erscheinungsjahr: 2010 (VÖ Deutschland: 19. März 2010, Codaex), Label: GRAMOLA Vienna
Bestellnummer: 98890, Format: SACD

Niels Wilhelm Gade (1817-1890)
Violinsonaten 1-3

Thomas Albertus Irnberger, Violine
Edoardo Torbianelli, Hammerflügel (Schweighofer 1846)
Erscheinungsjahr: 2009 (VÖ Deutschland: November 2009, Codaex)
Label: GRAMOLA Vienna, Bestellnummer: 98867, Format: SACD

Franz Schubert (1797-1828)
Werke für Violine & Klavier Vol. 2
auf Originalinstrumenten

Sonate A-Dur D 574,
Arpeggione-Sonate D 821
Trockene Blumen D 802

Thomas Albertus Irnberger, Violine (Martin Stoss)
Jörg Demus, Hammerflügel (Conrad Graf)

Erscheinungsjahr: 2009 (VÖ Deutschland: November 2009, Codaex), Label: GRAMOLA Vienna

Robert Schumann (1810-1856)
Die Violinkonzerte 
Konzert für Violine und Orchester  a-Moll  Opus 129
(Violinfassung des Cellokonzertes)
Konzert für Violine und Orchester  d -Moll Opus posth. (Originalfassung)
Thomas Albertus Irnberger, Solovioline
Spirit of Europe – Orchester
Dirigent: Martin Sieghart

Erscheinungsjahr: 2009, Label: GRAMOLA Vienna  , Bestellnummer: 98834, Format: CD

Robert Schumann (1810-1856)
Werke für Violine und Klavier
auf Originalinstrumenten
Fantasiestücke für Klavier und Violine  op. 73
Sonate für Pianoforte und Violine a-Moll  op. 105
Zweite große Sonate für Violine und Klavier d-Moll op. 121
Intermezzo F-Dur aus der FAE-Sonate

Johannes Brahms (1833-1897)
Scherzo c – Moll aus der FAE- Sonate

Thomas Albertus Irnberger, Violine
Jörg Demus, Hammerflügel
Erscheinungsjahr: 2009, Label: GRAMOLA Vienna, Bestellnummer: 98832, Format: CD

Franz Schubert (1797-1828)
Werke für Violine & Klavier Vol. 1
auf Originalinstrumenten
Sonaten für Violine und Klavier
Nr.1 D-Dur, D 384
Nr.2 a-Moll, D 385
Nr.3. g-Moll, D 408
Thomas Albertus Irnberger, Violine
Jörg Demus,  Hammerflügel

Erscheinungsjahr: 2009, Label: GRAMOLA Vienna, Bestellnummer: 98828, Format: CD

Wien im Fin de siècle
K. Goldmark:
Suite E-Dur für Violine und Klavier op. 11
Ballade G-Dur für Violine und Klavier op.54
" Air " aus dem Violinkonzert op. 28
E.W. Korngold:
Caprice fantastique ( " Wichtelmännchen " )
A. Zemlinsky:
Suite A-Dur für Violine und Klavier
A. Schönberg:
Stück für Violine und Klavier in d-Moll
Thomas Albertus Irnberger, Violine
Evgueni Sinaiski, Klavier

Erscheinungsjahr: 2008, Label: GRAMOLA Vienna, Bestellnummer: 98833, Format: CD

Johannes Brahms (1833-1897)
Sonaten für Violine und Klavier
auf Originalinstrumenten
Sonaten für Violine und Klavier
Nr.1 G-Dur, Opus 78
Nr.2 A-Dur, Opus 100,
Nr.3. D-Moll, Opus 108
Thomas Albertus Irnberger, Violine
Evgueni Sinaiski, Hammerklavier
 
Erscheinungsjahr: 2007, Label: GRAMOLA Vienna , Bestellnummer: 98811, Format: CD

Niccolò Paganini (1782-1840)
Konzert für Violine und Orchester Nr.4 d-Moll
Suonata Varsavia
Ernst Ludwig Leitner Konzertstück nach Niccolò Paganinis
" Moto perpetuo op.11"
Thomas Albertus Irnberger, Violine
Philharmonices mundi
Dirigent: Josef Sabaini

Erscheinungsjahr: 2007, Label: GRAMOLA Vienna , Bestellnummer: 98805, Format: CD

Nominiert für den Amadeus Classic Award 2006

Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791)
Sonaten für Violine & Klavier auf Originalinstrumenten  (Part 1)

Sonaten für Klavier und Violine  KV 301, 304, 360, 378
Fantasie für Klavier und Violine  KV 396
Fantasie für Klavier KV 397

Thomas Albertus Irnberger, Violine
Jörg Demus, Hammerklavier

Erscheinungsjahr: 2006, Label: GRAMOLA Vienna , Bestellnummer: 98789, Format: CD

Le Violon Vivant (CD 1)
Les Soirées intimes ( CD 2 )

Thomas Albertus Irnberger, Violon
Lisa Smirnova, Piano
Erscheinungsjahr: 2004
Label: PAN CLASSICS
Bestellnummer: pc 10177
Format: CD

(derzeit nicht im Handel erhältlich)



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