Thielemann und Brahms

CDs kaufen

Gehämmerte Fugen in Reih‘ und Glied

Christian Thielemann Foto: Münchner Philharmoniker

Christian Thielemann mit dem Deutschen Requiem von Johannes Brahms in München
(München, 28. April 2007) Was war das doch für eine seltsame Veranstaltung am Freitag abend in der Philharmonie im Gasteig. Man fragte sich, ob das Publikum überhaupt erwünscht war. Jedenfalls war es aufgefordert, sich auf viele Dinge selbst einen Reim zu machen. Als erstes fiel die unübliche Beleuchtung auf: Ein bläulicher Schein wie in einem Harry Potter-Film breitete sich über das Podium, die Musiker der Münchner Philharmoniker und die Damen und Herren des Chores Bayerischen Rundfunks. Dann kam die Stimme von oben: Ein kräftiges männlich-tenorales Organ, wohl das von Christian Thielemann, bat aus dem Off das Publikum darum, auf Applaus zu verzichten. Des religiösen Charakters des Stückes wegen, wie die Stimme verkündete. Darauf trat noch der zukünftige Ex-Intendant des Orchesters, Wouter Hoekstra, auf und gab bekannt, dass das Konzert dem Gedenken des genau an diesem Tag verstorbenen Mstislav Rostropowitsch gewidmet sei.
Stück für Stück rundete sich das Bild, und dabei leisteten die im Raum verteilten Kameras Hilfestellung: die Aufführung wurde aufgezeichnet. Daher vermutlich auch die erlesene Besetzung, unter den Solisten für ihre etwa zehnminütigen Beiträge mit Christine Schäfer und Christian Gerharer: Man wohnte also einem auch der Ewigkeit gewidmeten Akt bei, in Ton und Bild auch für spätere Generationen bestimmt. Wären da nicht einige klare, gezielte Worte, vielleicht von Thielemann persönlich, angebrachter, dem Publikum gegenüber freundlicher gewesen? So mischte sich ein seltsam kühler Ton aus der Musikindustrie herein wie in einer jener Shows, wo die Studiogäste per Leuchtzeichen erfahren, wann sie was zu tun haben.
Und dann die Aufführung: Wer weiß, was Christian Thielemann da vorne von Chor und Orchester hörte. Weiter hinten, im keinesfalls geringwertigen Block I, kam jedenfalls ein seltsam kompaktes, undifferenziertes Klangbild an. Der Chor schien von ganz weit weg zu kommen, dazu noch wie von einem Kasten umgeben. Thielemann gab breite Tempi vor, welche die seltsame Monotonie des Klanges noch förderten. Der Chor hingegen, auffallend groß besetzt, schien zu forcieren. Die Handschrift des sonst so sensiblen Chorleiters Peter Dijkstra wollte gar nicht zum Tragen kommen. Statt dessen ein unerwartet scharfer Klangeindruck, der mit den tröstlichen Bibelworten des Deutschen Requiems nicht harmonieren wollte. Sehr gut – natürlich – die Beiträge der Star-Solisten, auch in aller Kürze Momente des Vokalgenusses. Aber wie Thielemann Chor- und Orchesterpart so breit schwellend vorbeiziehen ließ, da blieben kaum Unterschiede in Erinnerung, prägten sich keine Farben ein. Einzig die Fugen hämmerte Thielemann dem Publikum regelrecht ein, brachte die Musiker dafür zackig in Reih und Glied. Vielleicht wollte er es wirklich so, das Brahms-Requiem, finster-grundelnd, wie ein großes Murmeln oder Mantra, das man nur unbewusst wahrnimmt. Aber das war Brahms, nicht Wagner; die Philharmonie, nicht Bayreuth: Stil und Ort schienen in dieser Aufführung etwas verrutscht.
Wenigstens dem Licht durfte man trauen: das Eises-Blau der düsteren Einleitungsworte wich einem Gelb und einem Orange bei Trost und Erlösung. Vielleicht wird man diesen Farbzauber auf CD und DVD auch zu hören bekommen.
Laszlo Molnar
 

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.