Thielemann mit Bruckners Achter in Wien

Kraft und Schönheit

Christian Thielemann und die Wiener Philharmoniker begeistern mit Bruckners Achter – Auftakt einer geplanten Serie zu Bruckners 200. Geburtstag

Von Christian Gohlke

(Wien, 5. Oktober 2019) Mit einem unterwürfigen Brief sandte Anton Bruckner im Jahr 1887 die Partitur seiner 8. Symphony in c-Moll an Hermann Levi. Doch sein Wunsch, das neue Werk, an dem der Komponist drei Jahre lang gearbeitet hatte, möge „Gnade finden“ vor dem Auge des Chefdirigenten der Münchner Oper, der bereits die Siebte mit großem Erfolg zur Aufführung gebracht hatte, sollte sich nicht erfüllen. Im Gegenteil: Levi lehnte ab. Der Bau der Symphonie sei dem der vorangegangenen Siebten zu ähnlich, die Instrumentation unzulänglich, der Misserfolg programmiert. Eine fatale Nachricht für den labilen und stets um Anerkennung ringenden Komponisten, der denn auch sofort mit der gründlichen Überarbeitung seines Werkes begann, die ihn Jahr um Jahr beschäftigte und letztlich daran hinderte, die 9. Symphonie abzuschließen. Dennoch: Die Überarbeitung der Achten lohnte sich für Bruckner, denn die Uraufführung mit den Wiener Philharmonikern unter der Leitung von Hans Richter im Goldenen Saal des Musikvereins im Dezember 1892 wurde zu seinem größten Triumph.

Seither stellt sich bei jeder neuen Aufführung dieses Werkes die Frage, welche Fassung gespielt werden soll. Denn außer der Erst- und der Zweitfassung gibt es noch eine dritte Variante, die der österreichische Musikwissenschaftler Robert Haas (1886–1969) gewissermaßen als „best of“ beider Fassungen angefertigt hat. Für diese Mischfassung hat sich nun Christian Thielemann bei seinem Konzert mit den Wiener Philharmonikern im Wiener Konzerthaus entschieden. Das ist natürlich legitim. Nur wäre es interessant zu wissen, worin seine Entscheidung begründet ist. Leider gibt es dazu im Programmheft keine Auskunft. Die Konzerte, die Thielemann zunächst in Wien, dann im Rahmen einer Tournee auch in Asien dirigiert, sind Teil eines größeren Projektes, das 2024 zum 200. Geburtstag Anton Bruckners abgeschlossen sein soll. Alle seine Symphonien werden in verschiedenen europäischen Kathedralen zu hören sein.

Man darf sich freuen auf diesen Zyklus. Die Wiener Philharmoniker, die vier der neun Bruckner-Symphonien uraufgeführt haben, sind mit dieser Musik so vertraut wie kaum ein anderes Orchester. Christian Thielemann wiederum, der die monumentale Achte auswendig mit sparsamer Zeichengebung dirigiert, ist einer der nicht allzu zahlreichen Bruckner-Interpreten von Rang in unserer Zeit. Und beide, Orchester und Dirigent, schätzen und kennen einander bestens. So ergibt sich ein zugleich hochkonzentriertes und entspanntes gemeinsames Musizieren.

Die Philharmoniker entfalten bei Thielemann einen dunklen und satten spätromantischen Klang, ohne dabei die Struktur des Werkes zu übermalen. Klarheit und Klangfülle schließen sich bei dieser glücklichen Zusammenarbeit keinesfalls aus. Der typische Bruckner-Rhythmus wird nach dem kurzen Streicher-Tremolo, mit dem der Kopfsatz geheimnisvoll anhebt, prägnant akzentuiert. Die Durchführung entlädt sich in einer gewaltigen Steigerungswelle, die zeigt, wie organisch Thielemann große Bögen zu gestalten vermag. Das folgende Scherzo – zum ersten Mal stellt Bruckner es, dem Vorbild von Beethovens Neunter folgend, an die zweite Stelle – kommt bei ihm nicht derb oder gar stampfend daher, sondern eher rhythmisch federnd und geschmeidig. Zart und klangschön, fast impressionistisch getönt erklingt das As-Dur-Trio mit den entrückten und für Bruckner ganz untypischen Harfenklängen, bevor das Scherzo nach Wanderungen durch entlegene Tonarten im strahlenden C-Dur glanzvoll endet.

Das folgende Adagio gestaltet Thielemann ausdrucksvoll mit weichen Streicherklängen elegisch, vielleicht ein wenig zu langsam – „feierlich langsam, doch nicht schleppend“ lautet die Tempoangabe in der Partitur. Auch hier gelingt eine großangelegte Steigerung, mündend in den Beckenschlag vor der Coda, die mit Tuba und tiefen Streichern dunkel ausklingt. Im letzten Satz entfalten Thielemann und die Wiener scharf den Kontrast zwischen dem markanten, monumental anmutenden Thema der Blechbläser und dem kantablen Seitensatz, der sich lyrisch verströmen darf. Kraft und Schönheit, Detailarbeit, die sinnig in die große Architektur dieser faszinierenden symphonischen Gebilde eingebunden ist, und große Ausdrucksstärke charakterisieren Christian Thielemanns Bruckner-Interpretation. Das Wiener Publikum weiß es ihm nach einer ergriffenen Schweigeminute mit Ovationen zu danken.

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