Thielemann Mattila

Hymne an die Liebe

Karita Mattila sang drei Hymnen von Richard Strauss Foto: Lauri Eriksson

Christian Thielemann setzt sein Münchner Strauss-Festival fort, ohne dass es ein wirkliches Festival gibt…
(München, 8. März 2007) Seit Wolfgang Sawallischs Zeit an der Bayerischen Staatsoper hat München keinen solch glühenden Strauss-Apologeten mehr erlebt wie Christian Thielemann. Sukzessive dirigiert sich der Chef der Münchner Philharmoniker durch das OEuvre des bedeutendsten Münchner Komponisten. Und die Münchner Philharmoniker – eigentlich ja nicht Münchens erstes Strauss-Orchester, das war immer das Staatsorchester – entwickelten sich unter Thielemanns Feuereifer zweifellos zu einem der besten Orchester weltweit in Sachen Strauss.
Nach dem "Rosenkavalier", den Thielemann und die Philharmoniker jüngst sogar szenisch in Baden-Baden dargeboten haben, gab es jetzt ein Programm mit weniger bekannten Opernmusiken und den ebenfalls selten zu hörenden "Hölderlin-Hymnen".
Den Beginn machten sechs Streicher der Philharmoniker, die sich im Halbkreis formierten und ohne Dirigent, die einleitende konzertante Musik zur Oper "Capriccio" spielten – mit sanglicher Empfindung und warmem Ton. Auch wenn es sich bei Strauss‘ letzter Oper bekanntermaßen um eine Komödie handelt, gibt es in ihr doch auch viel Tiefes zu hören. Dazu gehört auch dieser ca. 15minütige Streichersatz, dessen polyphones Gewebe schon etwas von den erst nach dem Zweiten Weltkrieg komponierten "Metamorphosen" vorweg nimmt.
Volles Orchester erfordern die drei Hymnen nach Hölderlin aus den Jahren 1920/21. Und sie erfordern eine Sängerin, die sich mit souveräner Klangfülle dagegen behaupten kann und dabei trotzdem die liedhafte Feinarbeit nicht vernachläßigt. Die fantastische finnische Sopranistin Karita Mattila ist eine solche Sängerin. Scheinbar ohne Anstrengung gelingt es ihr den riesigen Saal der Philharmonie mit ihrer Stimme bis in die letzten Reihen zu füllen. Welch ein ausdrucksvoller Stimmglanz, der auch im Mezzoforte besticht. Strauss, der oft wenig bedeutsame Dichter vertonte, widmete sich in seinen reifen Jahren diesen drei Hölderlin-Texten, die in ihm, dem humanistisch höchst Gebildeten, eine ganz neue Klangsprache zur Entfaltung brachten. Hymnisch-rauschhaft die "Hymne an die Liebe", die in ihrer fließenden, aufschäumenden Bewegung, im Nachempfinden der Rhythmik und Betonung geradezu verschmilzt mit der Textvorlage. Südlich heiter dagegen die "Rückkehr in die Heimat" und vielgestaltig brodelnd mit exzessiven Ausbrüchen "Die Liebe". Ein Herz und eine Seele waren Thielemann und Karita Mattila. Die geradezu stürmische Umarmung der beiden nach dem letzten Lied schien da nur der folgerichtige körperliche Ausdruck der zuvor kreierten Nähe und Innigkeit zwischen der Sängerin und dem Orchester. Eine großartige Darbietung, die – so sah es der Mikrophonierung nach aus – demnächst wohl auch auf CD erscheinen wird.
Nach der Pause gab der Solohornist des Orchesters, Ivo Gass, das zweite Hornkonzert aus dem Jahr 1942 zum besten – ein Werk, das dezidiert Strauss‘ ‚Vater gewidmet ist – und das, obwohl oder gerade weil es ein Alterswerk von Strauss ist, den Blick weit ins 19. Jahrhunderts zurück wagt. In ihm nähert sich der greise Komponist gewissermaßen noch einmal dem romantischen Tonfall des mittleren 19. Jahrhunderts an, der für Strauss senior immer der maßgebliche geblieben ist, soviel Wagner er auch im königlich-bayerischen Hofopernorchester als Solohornist spielen mußte (Wagner verabscheute er zeitlebens).
Gass blieb nichts an klangvollen Legatotönen und im Schlußsatz an Virtuosität schuldig – an den "Hymnen"-Eindruck kam seine Darbietung dennoch nicht heran. Die drei Lieder waren der Höhepunkt dieses Abends – und an ihn sollte nichts mehr heranreichen. Auch nicht die vier Zwischenspiele aus der Oper "Intermezzo" – Strauss "Opera domestica", in der er eine selbst leidvoll erfahrene Eifersuchtsgeschichte mit viel Witz und Sentimentalität aufarbeitete. Regelrecht modern wirkt hier Strauss‘ Tonsprache, wenn sie so nah an der Realität und so weit weg vom Griechentum sich äußert.
Mit ausgelassener Heiterkeit schließen die Stücke, und Thielemann hüpfte danach geradezu überdreht über die Bühne – so ansteckend kann Musik sein.
Robert Jungwirth

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