Thielemann dirigiert in Wien Frau ohne Schatten

Von Schatten und Gatten

Die Wiener Staatsoper feiert ihren 150. Geburtstag mit Richard Strauss’ „Frau ohne Schatten“

Von Christian Gohlke

(Wien, 6. Juni 2019) Da steht sie nun seit 150 Jahren, die Wiener Oper, ein Monument der Größe und Beharrlichkeit, eine feste Burg, die den Zeitläuften trotzt, der weder der Untergang der Monarchie noch die Kriege, noch das Regietheater ernstlich etwas anhaben konnten. Letzteres zeigt die jüngste Inszenierung zur Geburtstagsfeier des Hauses am 25. Mai 2019 deutlich. Vincent Huguet erzählt die Geschichte der „Die Frau ohne Schatten“ von Richard Strauss solide, aber allzu betulich. Dabei war es ein stimmiger Einfall, gerade diese Oper zum Jubiläum auf den Spielplan zu setzen, behauptet sie doch selbst in unruhigen Zeiten – das Werk entstand während des Ersten Weltkriegs und wurde vor einhundert Jahren, im Oktober 1919, in Wien uraufgeführt – ein tief ins 19. Jahrhundert zurückweisendes Modell der Stabilität und Beständigkeit. Denn worum geht es in diesem oft rätselhaften Werk eigentlich?

„Der unfruchtbare Feigenbaum wird ausgerottet und in’s Feuer geworfen.“ Denn „die Geschlechter steigen an ihrer langen Kette nieder bis zu den jüngsten: aber wahrhaft ausgetilgt, verloren gegangen für jede Zeit ist nur er allein; denn sein Dasein hat kein Bild geprägt, und seine Spuren gehen nicht mit hinunter in dem Strome der Zeit.“ Dieses Wort stammt nicht aus Hofmannsthals Libretto zur „Frau ohne Schatten“, sondern aus dem biedermeierlichen „Hagestolz“ von Adalbert Stifter, den der Autor übrigens sehr schätzte, aber es könnte dem Operntext doch als Motto vorangestellt werden. Man soll sich einreihen in den Reigen der Geschlechter, Teil der „Brücke“ sein, „die sich über den Abgrund spannt, auf der die Toten wiederum ins Leben gehen“, so die „Stimmen der Wächter“ am Ende des 1. Aufzugs. Wem dies nicht gelingt, der muss „versteinen“ (dem Kaiser droht dieses Schicksal), oder er ist eben nicht Teil der Menschenwelt, wie die Kaiserin es nicht ist, bevor sie des Mitleids fähig wird und schließlich selbst einen Schatten wirft.

Weil der Regisseur für die überreiche Metaphorik des Textes keine Bilder findet, kommt dieser Kerngedanke der Oper in der neuen Inszenierung kaum zur Geltung – geschweige denn, dass er auf seine Relevanz für unsere Gegenwart befragt würde. So bleibt der Abend allzu sehr dem wörtlichen Hergang der Handlung verhaftet, indem er sich auf die zwei im Zentrum stehenden Paare, den Kaiser und die Kaiserin, Barak und die Färberin konzentriert. Die Sphären, in denen sie sich bewegen, werden von der Bühnenbildnerin Aurélie Maestre klar voneinander abgegrenzt. Eine zierliche Pagode, die wie ein Pfahlbau im Raum steht und nur mit einer schwanken Brücke den Übergang zur Welt ermöglicht, ist das Reich des hohen Paares, Barak hingegen haust mit seinem verdrossenen Weib in einer Felsenlandschaft, auf deren Wände je nach Situation rohe Ziegelsteine, Naturmotive oder Lichteffekte projiziert werden. Auch die Kostüme Clémence Pernoud sind durchaus märchenhaft-phantasievoll und markieren gut die soziale Unterschiede der Figuren. Inwiefern Vincent Huguet in diesem durchaus ansprechenden Ambiente nun aber stimmig, psychologisch glaubwürdig und genau erzählt, lässt sich anhand der dritten Vorstellung nach der Premiere dieser Inszenierung schlechterdings nicht sagen. Denn die Wiener Oper mag gegen alle möglichen Fährnisse gefeit sein, gegen Viren ist auch sie machtlos. So kam es, dass nicht nur Nina Stemme, die Färberin, ersetzt werden musste, sondern auch Evelyn Herlitzius in der Rolle der Amme und Sebastian Holecek als Geisterbote. Und weil keiner der ganz kurzfristig eingesprungenen Sänger (Linda Watson als abgründige Amme, Rebecca Nash als Färberin und Wolfgang Bankl als starker Geisterbote) mit der ungekürzten Fassung, die jetzt in Wien gespielt wurde, vertraut war, musste zudem über Nacht eine neue Variante erarbeitet werden, mit der alle Beteiligten zurechtkommen konnten.

Man kann unter solchen Umständen alle Beteiligten nur für ihre Professionalität und Ruhe bewundern! Allen voran Christian Thielemann, der dieses Ad-hoc-Ensemble mit großer Sicherheit durch den Abend führte, der so trotz turbulenter Umstände zum musikalischen Ereignis wurde. Vor allem das Kaiserpaar war mit Stephen Gould und Camilla Nylund sehr gut besetzt. Gould verfügt über enorme stimmliche Reserven und sichere, kraftvolle Höhen, die für diese Rolle unerlässlich sind, und Nylund beeindruckte vor allem in den zarten, leisen Partien ihrer Figur im 2. Aufzug. Auch der gutmütige, unbeholfen liebenswürdige Barak des Wolfgang Koch überzeugte durch eine geschmeidige Stimmführung und lyrischen Schmelz. Vor allem aber war es das Staatsopernorchester, das am Ende vom Publikum gefeiert wurde. Die Klangpracht, die Thielemann diesem Riesenapparat entlockte, ohne dabei je die Sänger zu übertönen, die feinen dynamischen Nuancen, die vom kaum noch hörbaren Pianissimo bis zu ekstatischen Ausbrüchen gerade in den orchestralen Zwischenspielen reichte, die Erlesenheit der solistischen Passagen, die sprechenden Holzbläser, das strahlende Blech, der Schmelz der Celli, die Homogenität der Streicher, all das sucht seinesgleichen. Und so setzte diese Jubiläums-Aufführung gleichsam eine wienerische Operntradition am Ring fort: Glanzvolle Musik und mäßig interessante Regie.

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