Thielemann debütiert erfolgreich beim Wiener Neujahrskonzert

Von zarter Schwermut

Christian Thielemann brilliert bei seinem Debüt beim Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker und geht dabei auch in die Tiefe…

Von Christian Gohlke

(Wien, 1. Januar 2019) Schon seit 1941 gibt es das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker, das längst zum bekanntesten Konzertereignis der Welt geworden ist. Wer im Goldenen Saal des Musikvereins dabei sein möchte, braucht ein wenig Glück, denn wegen der enormen Nachfrage werden die Eintrittskarten (sie kosten derzeit zwischen 35 und 1090 Euro) unter den Bewerbern verlost. Doch dank Fernseh- und Rundfunkübertragung erleben viele Millionen Menschen den Neujahrsmorgen Jahr für Jahr mit Walzerklängen aus Wien. Die Welt in einen Konzertsaal zu verwandeln, sie mit Frieden zu begrüßen und mit schönen Melodien Liebe in sie hineinzutragen, das sei das Anliegen des Orchesters, sagt Daniel Froschauer, der Vorstand der Wiener Philharmoniker.

Siebzehn Musikstücke erklangen am 1. Januar 2019, sieben davon wurden zum ersten Mal beim Neujahrskonzert gespielt. Christian Thielemann, der dem Orchester seit vielen Jahren eng verbunden ist und nun sein überfälliges Debüt beim Neujahrskonzert gab, hat das Programm mit einer Hügellandschaft verglichen. Märsche, Walzer und Polkas von Josef Hellmesberger, Carl Michael Ziehrer, vor allem aber von der Strauß-Familie wechseln sich dabei ab, und Höhepunkte wie das „Künstlerleben“ oder die „Sphärenklänge“ werden von weniger prominenten und weniger genialen Kompositionen gerahmt und hervorgehoben.

So leicht diese wienerische Musik klingt, so schwer ist es, sie aufzuführen. Feine Übergänge zwischen den Motiven wollen organisch gestaltet sein, kaum merkliche Verzögerungen verleihen den Melodien erst ihren spezifischen Charme. Augenblicksgeboren will diese Musik klingen, muss aber doch akribisch vorbereitet sein. Eine Oper von Richard Wagner zu dirigieren, sei das reinste Kinderspiel verglichen mit den Schwierigkeiten, die jede dieser scheinbar simplen Strauß-Melodien für den Interpreten bereithalte, versichern Philharmoniker immer wieder. Das Neujahrskonzert zu leiten, stellt an einen Dirigent darum höchste Ansprüche.

Christian Thielemann hat bei seinem Debüt bewiesen, dass er für gerade diese Musik ein Gespür hat wie nur wenige andere Dirigenten unserer Tage. Gleich der „Freiherr von Schönfeld-Marsch“ von Carl Michael Ziehrer erklang zur Eröffnung des Konzertes so präzise wie leicht und kam ohne jede martialische Kraftmeierei fast tänzerisch elegant daher. Nobel und akkurat im heiklen Zusammenspiel der Instrumente gerieten die dynamischen, doch niemals gehetzt wirkenden Polkas, bei denen die Wiener Philharmoniker ihr im besten Sinne musikantisches Temperament entfalten konnten, am schönsten vielleicht in der „Bayadere“ von Johann Strauß (Sohn) und in „Mit Extrapost“ von Eduard Strauß. Klangliche Finesse mit beinahe schon impressionistischem Einschlag überraschte bei Josef Hellmesbergers „Elfenreigen“, dessen zartes Kolorit wunderbar mit den Pastellfarben des diesjährigen Blumenschmuckes (etwa 30.000 Blüten zierten den Goldenen Saal) harmonierte. Und die drei großen Walzer dieses Konzertes („Künstlerleben“, „Sphärenklänge“ und „An der schönen blauen Donau“) bezauberten nicht nur durch erlesene Klangschönheit und eine perfekte Balance der Instrumentengruppen, mit gekonnten Temporückungen und spannungsvollen Vorhalten, die Thielemann auskostete, ohne sie zu überdehnen, sondern auch mit jener Beimischung von Melancholie, von zarter Schwermut, die große Walzer wohl fast immer untergründet.

Wenn zum Beispiel das erste Walzerthema in den „Sphärenklängen“ zum letzten Mal von den Streichern emporgetragen wird und dann mit süßen Verzögerungen abwärtsfällt, so verleiht Thielemann dieser finalen Wiederholung eine fast schon schmerzliche Innigkeit, die von Abschied erzählt und von Glück. Die glanzvoll musizierenden Wiener Philharmoniker folgen dabei Thielemanns kleinsten Gesten und reagieren mit größter Flexibilität auf jeden seiner Winke. Das Publikum im Goldenen Saal tat sich indes noch ein wenig schwer, den differenzierten Klatsch-Anweisungen des Dirigenten beim abschließenden Radetzkymarsch zu folgen. Dass es schon bald wieder am Neujahrsmorgen mit ihm üben kann, darf man nach diesem Debüt wohl hoffen.

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