Thielemann Bruckner 9.

Abgründiger Totentanz

Foto: Mü. Philharmoniker

Nach den Vertragsstreitereien steht Christian Thielemann jetzt erstmals wieder am Pult der Münchner Philharmoniker – mit Bruckners Neunter
(München, 16. Oktober 2009) Zwar trägt keine der neun Symphonien Anton Bruckners den Beinamen "Die Tragische". Für die Münchner Philharmoniker wurde aber die Neunte jetzt in gewisser Weise zu einer tragischen. So wie Bruckner in dieser letzten, nicht vollendeten Symphonie sich vom Leben verabschiedet, so ist dieses tiefschürfende und zutiefst verzweiflungsvolle Werk nach der unsäglichen Vertragsgeschichte und den daraus resultierenden, von vielen nicht beabsichtigen Verwerfungen und Folgen für die Münchner Philharmoniker und Christian Thielemann zu einer Art vorgezogener Abschiedssymphonie geworden – mit tragischen Anteilen, weil die große Mehrheit des Orchesters ja nichts lieber getan hätte, als mit Thielemann auch nach 2011 weiter zusammen zu musizieren.
So dürften die meisten Musiker des Orchesters über die Ereignisse ebenso betroffen sein wie das Münchner Publikum, das seinen Unmut über das Verhalten des Orchesters (bzw. des Orchestervorstands) in den Vertragsverhandlungen in einem spontanen Buhkonzert vor Beginn des ersten Abends mit Bruckners Neunter am Donnerstag, 15. Oktober, spontan kundtat (siehe Meldung auf KlassikInfo.de).
Am Freitag waren zu Beginn erneut ein paar versprengte Buhs zu hören, ein Buhkonzert war es aber nicht. Stattdessen, wie schon am Donnerstag, demonstrative Begrüßungs-Bravi für Thielemann.
Bruckners symphonisches Vermächtnis, das der 72jährige Komponist nicht mehr vollenden konnte, ist nicht so sehr eine Verklärung als vielmehr ein Auflehnen, ein Ankämpfen gegen den Tod. So jedenfalls deutet Christian Thielemann weite Teile dieser Partitur, nimmt ihr alles Pastose. Geradezu schroff klingt das wuchtige Hauptthema des ersten Satzes, das Scherzo mit seinem markanten Paukenmotiv wird bei Thielemann zu einem abgründigen Totentanz. Thielemann lässt in straffen Tempi musizieren, wodurch das Werk etwas ungemein Drängendes bekommt. Die Kontemplation, die sonst oft Bruckners Musik kennzeichnet, hier weicht sie einer getriebenen Unrast.
Umso herrlicher treten die transzendenten Momente des abschließenden Adagios hervor mit seiner Verbindung aus "Tristan-" und "Parsifal-"Motiven im ersten Thema. Eine unendliche Sehnsucht drückt sich darin aus nach Ruhe und Auflösung aller menschlichen Kämpfe und Krämpfe. Aber auch hier gibt es Momente tiefster Niedergeschlagenheit und Verzweiflung. Kulminierend in jenem clusterhaften Akkord im Schlussteil der Durchführung, der wie ein Aufschrei klingt und in eine erschütternde Generalpause mündet, die wie das Nichts aufscheint. Es ist wohl die Angst des Menschen vor dem absoluten Nichts nach dem Tod, die sich hier ausdrückt. Eine Angst, die dem strenggläubigen Bruckner auch der Glaube offensichtlich nicht vollständig nehmen konnte.

Thielemann modelliert in diesem dritten Satz Klänge, Übergänge und Stimmenbalancen von geradezu überirdischer Schönheit und Homogenität – Luft von anderen Planeten. Seine Klangdispositionen und sein untrügliches Gespür für die Dramaturgie dieser überaus heiklen Partitur (es erklingt die Urfassung ohne das unvollendete Finale) sind einfach phänomenal und werden momentan wohl von keinem anderen Dirigenten überboten.
Das Publikum empfand das ähnlich und bejubelte Thielemann und die Musiker lautstark und mit Dankbarkeit.
Robert Jungwirth
Weitere Aufführungen am 18.10. um 19 Uhr und am 19.10. um 20 Uhr.
Am 6. November sendet BR-Klassik um 19.05 einen Konzertmitschnitt.

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