Thielemann Berliner

Zum Zerreißen gespannt

Christian Thielemann beeindruckt mit Brahms und Schönberg bei den Berliner Philharmonikern

(Berlin, 12. Dezember 2009) In München ist Christian Thielemann noch nicht ganz weg, in Dresden ist er noch nicht ganz angekommen. Fix- und Haltepunkte dazwischen gibt es im heimatlichen Berlin, wo er traditionell ein bis zweimal im Jahr als Gast die Berliner Philharmoniker leitet. Seine jüngsten grandiosen Auftritte entbehren dabei nicht einer gewissen Pikanterie vor dem Hintergrund, dass die Berliner mit ihrem Chef Simon Rattle gerade einen Rausschmiss beim ZDF für das traditionell aufgezeichnete Silvesterkonzert erlitten, das nun stattdessen ab 2010 Thielemann und seine Sächsische Staatskapelle bestreiten sollen.

Das jüngste Abonnementkonzert bei den Berliner Philharmonikern, bei dem sich der viel Umworbene auch als exzellenter Chordirigent empfahl, wäre für ein solches Sylvesterkonzert trotz des elegischen Grundtons durchaus auch prädestiniert gewesen. Warum sollte man nicht auch einmal nachdenklich einen Jahreswechsel begehen? Die Vergänglichkeit, um die es in Brahms‘ literarisch hochwertigen Chorwerken "Nänie" (Schiller), "Gesang der Parzen" (Goethe) und "Schicksalslied" (Hölderlin) geht, ist ja doch ein zeitlos-aktuelles Thema und nicht nur im Angesicht von Klimawandel und Artensterben beängstigend nah. Erst Recht bei der Intensität und Hingabe, der sich Thielemann und der Berliner Rundfunkchor verschreiben.
Wunderbar gelingen die Stimmungswechsel zwischen Melancholie ("Auch das Schöne muss sterben"), Tragik ("Es schwinden, es fallen/ Die leidenden Menschen/ Blindlings von einer Stunde zur andern"), Resignation ("Es fürchte die Götter/Das Menschengeschlecht") und altersmüder Abgeklärtheit ("Auch ein Klaglied zu sein im Mund der Geliebten ist herrlich"), zwischen dramatischen Ausbrüchen und lyrischen Einflüsterungen.

Dank seiner langjährigen Opernerfahrungen ist Thielemann natürlich die Arbeit mit Chormassiven gewohnt, und doch hat dieser Berliner Abend eine eigene, besondere Dimension. Vielleicht auch, weil Thielemann  auf seinen Taktstock verzichtet, ganz allein mit den Händen am Klang modelliert, mit einer auf Figürlichkeit, Elastizität und Präzision zielenden faszinierenden Zeichensprache. Dass Robin Gritton im Vorfeld die Einstudierung mit dem Berliner Rundfunkchor besorgt hat, sei dabei nicht verschwiegen. Er hat den Boden für eine ausdrucksinnige Wiedergabe bereitet, die auch davon profitiert, dass Thielemann die groß angelegten, kompakten Partituren auswendig im Kopf hat. – Das erlebt man selten.

Zum Ausklang dann Schönbergs sinfonische Dichtung "Pelléas und Mélisande", ein spätromantisches Frühwerk, aus dem noch ganz der "Brahmsianer" spricht, der Schönberg um 1895 war, ein Stück, das gleichwohl nur schwer seinen festen Platz im Repertoire der großen Orchester gefunden hat. Schon Schönbergs Zeitgenosse Alexander von Zemlinsky hatte nach Sichtung der Partitur Zweifel an der Instrumentation angemeldet, und auch die Uraufführungskritiken um 1905 belegen Bedenken angesichts der unübersichtlichen Form und dem dumpfen Gesamtklang. Dabei entfaltet sich der ganze Zauber Wagner’schen Orchesterklangs, expressiv und üppig, mit vielfach geteilten Streichern und großem Blechaufgebot samt gestopfter Tuba. Harmonisch ist alles zum Zerreißen gespannt. Weiter, spürte Schönberg, konnte er nicht gehen.
Schon so mancher Dirigent hat sich im Motivgeflecht der komplexen Partitur derart verstrickt, dass sich dem Hörer nur ein amorpher Klangbrei vermittelte. Der auf die Spätromantik versierte Thielemann zeigt wie es geht, verflüssigt und nuanciert, macht Strukturen hörbar und opfert dabei wenig an Emotionen. Ein grandioses Hörerlebnis. So muss es sein!
Kirsten Liese

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