Thielemann Beethoven

Chemie und Klang

Christian Thielemann Foto: Münchner Philharmoniker

(München, 30. März 2007) Ein Orchester ist ein kompliziertes Gebilde. Hervorragende Einzelkräfte schließen sich zusammen, um ein höheres Ganzes zu formen, um wie ein Instrument zu klingen – im besten Fall. Symphonieorchestern gelingt dies – anders als bei einem kleineren Ensemble – kaum ohne Dirigent. Er sorgt für die gemeinsame künstlerische Linie Kraft seiner musikalischen Kompetenz und Persönlichkeit. Mit entscheidend für das klingende Ergebnis ist also auch die „Chemie“ zwischen Dirigent und Orchester. Diese künstlerische Partnerschaft unterliegt in gewisser Weise durchaus ähnlichen Gesetzmäßigkeiten wie eine Beziehung zwischen zwei Menschen. Darum ist es auch so wichtig, dass sich Dirigent und Orchester prüfen, bevor sie sich aneinander binden. Christian Thielemann und die Münchner Philharmoniker haben sich geprüft, bevor sie sich füreinander entschieden. Für Thielemann war der von Celibidache geformte Bruckner-Klangkörper, der von Levine seinen Schliff auf fürs Moderne erhielt, eine hervorragende Hinterlassenschaft und eine gute Gelegenheit, sich nach all den Berliner Querelen in ruhigeren Fahrwassern mit einem erstklassisgen Ensemble auf symphonischem Gebiet weiter zu profilieren – während er seiner Opernleidenschaft in Wien, Bayreuth und wo auch immer fröhnen kann.
Für die Philharmoniker war und ist Christian Thielemann einer der Spitzendirigenten unserer Zeit, der dazu in der Lage ist, das Orchester zu Höchstleistungen zu animieren. Das hat er gerade in jüngster Vergangenheit mit Wagner und Strauss wieder eindrücklich bewiesen.
Umso erstaunlicher, wie so ganz anders das Orchester plötzlich am vergangenen Freitag beim 5. Abonnementkonzert klang. Wo war die atmosphärische Dichte, die leuchtende Klanglichkeit und der von geistiger Durchdringung gekennzeichnete Ausdruck der vorangegangenen Konzerte, mochten sich da gewiss manche Besucher gefragt haben. Vieles klang zögerlich, beinahe zaudernd, alles andere als selbstgewiß, überzeugend. Der Klang war nicht rund, hatte Ecken und Kanten, die Phrasierung selbst bei Brahms dritter Symphonie – ein einziger Gesang – wirkte unsicher. Dagegen machten Thielemann und seine Musiker die Interpretation von Beethovens dritter Leonoren-Ouvertüre zu einer Art olympischer Disziplin: schneller, lauter, extremer. Thielemann peitschte das Orchester durch die Partitur, reizte die Extreme aus – doch an Ausdruck gewann er damit nicht. Es blieb bei der Dressur, die inhaltliche Auseinandersetzung blieb außen vor. Ganz abgesehen davon, dass das Orchester für Beethoven sehr stark besetzt war, bereits in Brahms-Stärke spielte.
Auch zu Mendelssohns zauberisch-virtuosem Violinkonzert e-moll fanden Dirigent und Orchester keinen rechten Zugang, vieles klang zu dick und wollte doch bedeutsam sein. Der Solist Nikolaij Znaider, Däne, polnisch-israelischer Abstammung, vermochte dem auch nicht wirklich etwas entgegen zu setzen. In den ersten beiden Sätzen spielte er eher beiläufig, blass. Erst im Schlußallegro mit seiner sprudelnden Virtuosität vermochte Znaider das Publikum zu überzeugen.
Insgesamt also ein eher mauer Abend, der Fragen nach der derzeitigen Verfassung des Orchesters bzw. der „Chemie“ zwischen Chefdirigent und Musiker aufwirft. Zumal in jüngster Vergangenheit viel von Thielemanns Aussichten, an die Wiener Staatsoper zu wechseln, zu lesen und hören war.
Es wäre schön, wenn sich alle Beteiligten wieder vor allem auf ihre gegenwärtigen Aufgaben konzentrieren könnten.
Robert Jungwirth

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