Theater Lübeck beeindruckt mit Sciarrino-Oper

Crescendo im Pianissimo

Sciarrinos „Luci mie traditrici“ am Stadttheater: Lübeck zeigt eine brillante Produktion

Von Bernd Feuchtner

(6. April 2018) Die Uraufführung von Salvatore Sciarrinos einaktiger Oper „Luci mie traditrici“ 1998 in Schwetzingen war ein Schock – solche Klänge hatte man noch nicht gehört. Aber was für ein herrlicher Schock! Man verließ das Rokoko-Theater beglückt, weil diese Musik radikal neu klang – nicht weniger als Nonos „Prometeo“ – und gleichzeitig überaus schön, sobald man sich hineingehört hatte in diese neue Klangsprache. Und der Inhalt war ja auch schockierend: Herzog Malaspina tötet seine Frau aus Eifersucht – weil er es darf.

Vor zwanzig Jahren wurde diese Oper von Spezialisten für neue Musik uraufgeführt. Jetzt zeigt das Theater Lübeck, dass es auch von einem normalen Stadttheater auf höchstem Niveau realisiert werden kann. Und die Inszenierung von Sandra Leupold tut alles, damit das Interesse auf die Musik gelenkt wird. Das fängt bei einem Ritual an: Wenn das Publikum in den Saal kommt, ist der Orchestergraben hochgefahren. Die Musiker und der Dirigent treten auf, verbeugen sich wie bei einem Konzert und nehmen Platz. Nun fährt der Graben nach unten und sechs als Bühnenarbeiter verkleidete Statisten ziehen ein feinmaschiges Netz darüber, das nur ein kleines Fenster zwischen Dirigent und Bühne hat. Und dann geht mit einem Schlag das Licht aus und der Vorhang öffnet sich. Eine Stimme ertönt aus dem Dunkel mit einer Renaissance-Elegie von Claude Le Jeune über den Verlust der Liebe – die Sopranistin Caroline Nkwe singt das berührend schlicht. Dann öffnet sich zwei Meter über dem Bühnenboden ein Quadrat und wir sehen La Malaspina und Il Malaspina in ihrem Garten.

Einen seltsamen Tanz führen die Malaspinas aus. In äußerster Langsamkeit umkreisen sie sich und erörtern, wie eine Rose zu brechen sei. Im ganzen Stück siezen sie sich und sprechen sich mit „Duchessa“, „Signora“, „Excellenza Vostra“ bzw. „Duca“, „o mia vita“ oder „Signore“ an. Jeder der mit äußerster Höflichkeit und mit ebensolcher Zurückhaltung ausgestoßenen Sätze ist wohlbedacht und scheint obendrein eine hintergründige Bedeutung zu haben. Otto Katzameier ist seit vielen Jahren vertraut mit dieser Methode, eine Phrase anzusingen und dann etwa in einem extrem gestauchten Doppelschlag enden zu lassen. Es klingt, als habe Sciarrino Melodiefragmente aus der Renaissance ausgeschnitten und dann gefaltet – Hintergrund des Dramas ist ja der Mord des Komponisten Carlo Fürst von Venosa an seiner Gattin und deren Liebhaber. Und genauso ist er mit dem Drama „Der Verrat aus Ehre“ von Giacinto Andrea Cicognini vorgegangen. Die Sopranistin Wioletta Habrowsky hat sich diesen gepressten Stil nicht weniger stark erkämpft, beide Sänger sind völlig frei in der Darstellung. Und es klingt sehr gut so!

Als seine Frau sich an einer Rose in den Finger sticht, fällt der Herzog in Ohnmacht. Hinter den gemalten Busch. Denn auf der Bühne von Martin Kukulies stehen fragmentarisch bemalte Kulissen: der Busch, eine Statue, im Hintergrund die Treppe samt Grünzeug. Mehr braucht man nicht zum Theaterspielen – Sandra Leupold ist ja eine Meisterin des Minimalismus, ihr Heidelberger „Don Giovanni“ oder ihr Mainzer „Parsifal“ sind legendär. Letztes Jahr hat sie für ihren reduzierten Lübecker „Don Carlos“ den FAUST bekommen. Die schönen Kostüme von Mechthild Feuerstein allerdings sind korrekt in der Renaissance verortet. Kulissen und Kostüme wechseln von Szene zu Szene, aber auch das bemerkt der Zuschauer erst langsam.

Das Quadrat schließt sich kurz, und ein Lichtband blendet das Publikum, während das Orchester einen leisen Nachhall spielt. Wieder hat man Zeit, genau hinzuhören, wie die 21 Musiker ihre Klänge hauchen. Sciarrino erreicht damit etwas ähnliches wie Luigi Nono in seiner „Tragödie des Hörens“, wie er „Prometeo“ genannt hat: eine Musik am Rande des Schweigens, die den Hörer, der sonst dem Überwältigungsklang der Romantik ausgeliefert ist, mit neuen Ohren für unerhörte Feinheiten des Klanges konfrontieren. Oft streichen die Geigen nur im höchsten Flageolett und spielen mit den Obertönen, oft atmen die Bläser nur in ihr Instrument und versuchen dabei ein Crescendo vom pppppp zum ppppp zu gestalten. Was ihnen fabelhaft gelingt. Dieter Holm hat die Orchesterpartie so präzise mit ihnen einstudiert, dass auch sie jetzt so frei sind, die Partitur nicht nur wiederzugeben, sondern wirklich künstlerisch zu gestalten. Holm leitet Musiker und Sänger unangestrengt zu einer auch musikalisch begeisternden Aufführung.

In der zweiten Szene kommt Malaspina zwar wieder zu sich, doch nun wird das Ehepaar von einem Diener belauscht, der sich zu seinem Unglück in die Herzogin verliebt hat, und damit die Tragödie ins Laufen bringt – Tenor Stefan Kubach. Erst einmal gibt es aber ein instrumentales Intermezzo, Sciarrino verfremdet die Elegie von Le Jeune nur leicht, die Musik ist noch gut erkennbar. Mit dem Fortschreiten der Tragödie erklingt sie als „Intermezzo II“ wie gefroren und vor der abschließenden Mord-Szene als „Intermezzo III“ schließlich gänzlich blutentleert. Die Herzogin nämlich lässt sich im Garten auf ein erotisches Spiel mit einem Gast ein: Der vorzügliche junge Countertenor Christian Rohrbach nähert sich ihr mit vorsichtigstem Begehren und löst im Herzen der Malaspina ein Inferno aus. Dem ist ihre Widerstandskraft nicht gewachsen, und in der vierten Szene beobachtet der verliebte Diener das Liebespaar.

In der fünften Szene – Sandra Leupold lässt sie im Kostüm des 19. Jahrhunderts vor einer fragmentarischen Bücherwand spielen – informiert der Diener den Herzog über die Liebschaft seiner Gemahlin. Der Diener begründet sein Tut mit Diensteifer, und der Herzog sieht sich dadurch zum Handeln gezwungen: Die folgenden Szenen spielen vor roten, gemalten Himmelbetten. Die Herzogin versichert Malaspina ihrer Liebe und hofft auf Vergebung. Doch immer deutlicher wird, dass sie nicht mehr viel Zeit haben wird. Während des dritten Intermezzos lässt Sandra Leupold auf die große Bühne umbauen. Je heller es im Hintergrund wird, desto deutlicher sehen wir dort den nackten, blutverschmierten Leichnam des Gastes. Und auch der Diener ist tot. Jetzt zückt Malaspina den Dolch: Dieser Dorn sticht kräftiger als die Rose.

Im gut verkauften Haus ist während der Vorstellung kein Mucks zu hören. Nach dem ersten Schreck gewöhnen sich die Zuschauer an Sciarrinos eigenwillige Sprache und lassen sich in die faszinierenden Vorgänge hineinziehen. Am Ende gibt es starken Beifall für alle Beteiligten.

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