The Tempest

Prosperos Bücher

Adrian Eröd (Prospero) Foto: Monika Rittershaus/Oper Frankfurt

Thomas Adès‘ Shakespeare-Oper "The Tempest" als deutsche Erstaufführung an der Oper Frankfurt

(Frankfurt, 10. Januar 2010) Der Beginn dieses "Sturm" mit der Musik des 1971 geborenen Briten Thomas Adès an der Frankfurter Oper verheißt viel: Kopfüber stürzen Männer vom Bühnenhimmel in einen wasserblau schimmernden Raum, drehen sich, scheinen zu schweben. Der Zauberer Prospero hat diesen Sturm entfacht, um sich an seinem Bruder Antonio, der ihn seinerzeit in Seenot brachte, zu rächen und der Antonio samt des neapolitanischen Hofs auf seine Insel spült. Der Luftgeist Ariel unterstützt ihn und ist Gegenspieler Calibans, Sohn einer Hexe, der der eigentliche Herrscher dieser Insel ist. Ein Menschen verschlingender Aufruhr ozeanischer Naturgewalten, in dessen Auge ein Kubus mit Prospero den Anker und Ruhepol bildet, lässt eine fantasievolle, szenisch überbordende, spannende Aufführung erhoffen. Leider dauert es, bis es dazu kommt, und das liegt nicht an der Musik von Adès.

Vor oder zeitgleich mit dem Briten vertonten "The Tempest" Frank Martin, Luciano Berio ("Un re in ascolto"), Lee Hoiby, Michael Nyman ("Noises, sounds and sweet airs"), Helmut Oehring mit Musik von Purcell ("Unsichtbar Land") und Luca Lombardi ("Prospero").
Die 2004 in London uraufgeführte Version von Thomas Adès des Librettos von Meredith Oakes unterscheidet sich durch ihre musikalische Dichte und eine charakteristische Grundtönung – bei den Opern Verdis nennt man das ihre "Tinta" – von diesen Versionen. Harmonische Felder, die oft von den im Graben exponierten Streichern dominiert werden, manchmal aber auch von Bläsern geschärft sind, verschieben sich da rhythmisch unter den gesungenen Versen. Dann wieder verselbständigt sich das Orchestergewebe zunehmend oder kristallisiert sich das Singen in einer Arie oder einem großen Ensemble. Das alles klingt ebenso komplex wie eingängig. Feine Kammermusik steigert sich da nicht selten zu lebendig aufschäumender Kraftentfaltung – wie im Terzett zwischen dem Zauberer Prospero (Adrian Eröd), seiner Tochter Miranda (mit vielen Farben: Claudia Mahnke) und Ferdinand (sehr lyrisch: Carsten Süß) am Ende des ersten Akts.

Trotzdem kommt der Abend anfangs nicht so richtig in Fahrt, was vor allem an der Inszenierung von Keith Warner liegt, der sich weder ästhetisch noch inhaltlich festlegt und in dekorativen Szenen mit dem Charme eines Piratenfilms verzettelt. Auch die Kostüme von Jorge Jara charakterisiert vor allem ihre Buntheit. So stehen viele der zahlreichen Darsteller – darunter so hochkarätige wie Magnus Baldvinsson, Michael McCown, Simon Bailey und Richard Cox – trotz ihrer sängerischen Präsenz optisch und im Spiel etwas auf verlorenem Posten. Sogar der Luftgeist Ariel, von Cynthia Sieden schon in der Uraufführung in unglaublichen Stratossphärenhöhen gezwitschert, verpufft als immer wieder anders gekleidete Figur. Nur der wilde Caliban (Peter Marsh) kann sich tenoral und physisch grandios behaupten. Ein bühnenfüllendes Bibliotheksrund, der horizontale Einschlag eines Meteors in den Kubus Prosperos (Bühne: Boris Kudlicka) und ein paar Beleuchtungseffekte machen eben noch keinen spannenden Theaterabend.

Im dritten Akt wird aus einer weitgehend durchkomponierten Schauspielmusik eine veritable Oper, die gar mit einem schier aus der Zeit gefallenen Quintett endet, das die Versöhnung der verfeindeten Brüder Prospero und Antonio durch die Hochzeit ihrer beiden Kinder Miranda und Ferdinand besiegelt. Jetzt verdichtet sich auch das Geschehen auf der Bühne. Der Prospero von Adrian Eröd ist mit seinem hohen Bariton vokal präsenter, gibt Johannes Debus am Pult des Museumsorchesters die Zurückhaltung auf und setzt bei aller Detailgenauigkeit stärkere, farbigere Akzente und entfaltet die Partitur zu einem vielschichtigen Musikdrama.

Klaus Kalchschmid

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