The Kingdom

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Foto: Bach-Verein Köln

Land of hope and glory

Elgars Oratorium „The Kingdom“ mit dem Bach-Verein-Chor als Kölner Erstaufführung

Von Christoph Zimmermann

(Köln, 5. Juni 2017) Wie in jeder Großstadt existieren auch in Köln viele Chorvereinigungen. Im Sinne einer freundschaftlichen Kooperation hat man sich zu einem „Netzwerk“ zusammengeschlossen, nicht zuletzt zum Zwecke einer abwechslungsreichen Programmgestaltung. An den immer wieder gern gehörten, populären Werken wie Bachs „Weihnachtsoratorium“ kommt man zwar nicht vorbei, doch verfolgt man gezielt auch die Erarbeitung unbekannterer Literatur. So bot die Kölner Kantorei Mitte Mai Wolfram Buchenbergs „Cantico di frate solo“ („Sonnengesang des heiligen Franz von Assisi“) und das „Agnus Dei“ von Thomas Cornelius, zwei faszinierende Werke, welche Mozarts „große“ Messe einrahmten. Der Bach-Verein ging jetzt noch einen Schritt weiter. Nicht nur, dass man mit Edward Elgars „The Kingdom“ ein über 100 Jahre altes Werk als Kölner Erstaufführung bot. Die Darbietung am Pfingstmontag wurde zusätzlich durch ein umfängliches Begleitprogramm präludiert, welches sich auch und besonders an junges Publikum wandte.

Treibende Kraft bei alledem war Thomas Neuhoff, seit 2002 Leiter des Bach-Verein-Chores. Der Schüler u.a. von John Eliot Gardiner ist in der gesamten Musikgeschichte zu Hause, sein Repertoire reicht von Claudio Monteverdi bis Iannis Xenakis, von intimer Renaissance-Musik bis hin zur monumentalen Expressivität eines Gustav Mahler. Seine Beschäftigung mit dem Oeuvre Elgars reicht über ein Vierteljahrhundert zurück. Der gebürtige Bonner pflegte mit seinem dortigen Chor eine Partnerschaft mit Sängern in Oxford, wo man ihn auf Elgar aufmerksam machte. „Das müsstest Du unbedingt mal aufführen.“ Das tat Neuhoff denn auch, zunächst mit „The Dream of Gerontius“. Es folgte das jetzt auch in Köln gebotene Oratorium „The Kingdom“. Schnell wurde Neuhoff klar, dass der Komponist nicht einseitig mit dem melodisch butterweichen „Land of hope and glory“ (nach dem Mittelteil von „Pomp and circumstance“ Nr. 1) oder dem „Nimrod“ übertitelten 9. Teil der Enigma-Variationen zu identifizieren ist.

„The Kingdom“ wurzelt in der englischen Oratorien-Tradition, welche ungeachtet existenzieller Höhen und Tiefen stets einen sicheren Rückhalt beim Publikum hatte; und die vielen Chor-Festivals in Großbritannien forderten ständigen Werkenachschub. Etliches kam von Elgar. Der Komponist dachte sogar ehrgeizig an ein Triptychon: „The Apostels“, „The Kingdom“ sowie „The last Judgement“. Letzteres Werk wurde dann aber doch nicht geschrieben, die anderen Werke durchliefen zumindest schwierige Entstehungsprozesse. Thomas Neuhoff erklärt das in einem Interview u.a. so: „Er (Elgar) hatte womöglich das, was man heute eine bipolare Störung nennt. Da war diese Zerrissenheit von inneren Kämpfen, diese enorme Verletzlichkeit, dieser jähe Wechsel zwischen Euphorie und totaler Niedergeschlagenheit, diese Depressivität bis an den Rand des Selbstmords. Und da gab es diese quälenden Schreibblockaden, die man auch von Hugo Wolf kennt.“

Die intendierte Oratorien-Trilogie (konzeptionell beeinflusst von der „Ring“-Tetralogie des verehrten Richard Wagner) kam wie erwähnt nicht zustande. Ob das letztlich einen elementaren Verlust bedeutet, möchte man bei erster Begegnung mit dem Werk nicht verbindlich beurteilen, zumal sich der Text, welcher auf der Apostelgeschichte beruht und die Inspiration durch den Heiligen Geist zum Inhalt hat, immer wieder in mystischem Dunkel verliert. Das Mitlesen des Librettos bzw. seiner Übersetzung war dem Aufführungserlebnis auch keine wirkliche Hilfe. Die Konzentration auf Musik und Widergabe erwies sich als ertragreicher.

Elgars Musik zu „The Kingdom“ wird bis heute von heterogenen Urteilen begleitet. Manche rücken das Werk in die Nähe von Bachs „Matthäus-Passion“, stellen es gar darüber, für andere enthält es „Musik eines großen Komponisten“, ohne aber „durchwegs große Musik“ zu sein (so der Elgar-Biograf Michael Kennedy). Dass man sie im Stil teilweise schon zur Entstehungszeit für veraltet hielt, will indes nicht einleuchten. Obwohl die Solo- und Chorpartien weitgehend kantabel gestaltet sind, stellt sich ein melodischer „Wiedererkennungseffekt“ nur selten ein. „The Kingdom“ will vermutlich mehrfach gehört werden, um die fraglose Größe der Musik voll erfassen zu lassen. Thomas Neuhoff hatte es bei den Proben freilich nicht nötig, seinen Chor auf besondere Weise zu motivieren. „Einige Melodien haben sich bei uns zu echten Ohrwürmern entwickelt.“

Elgars Verzicht auf eine Nummerneinteilung bei „The Kingdom“ lässt von vorneherein ahnen, dass sein Oratorium stark rhetorisch konzipiert ist und quasi wie ein unendliches Rezitativ abläuft. Freilich schälen sich immer wieder Momente heraus, die sich als Szenen bezeichnen lassen könnten, wobei dieses Wort nicht von ungefähr aus dem Bereich des Theaters gewählt ist. In einem gewissen Gegensatz zur undramatischen „Handlung“ existieren nämlich ausgesprochen visuell konzipierte Momente in der Musik, vom „Brausen wie von einem gewaltigen Wind“ (3. Teil „Pfingsten“) bis hin zu ätherischen Klängen von mystischer Weltentrücktheit.

Die Interpretation des (verstärkten) Bach-Verein-Chores wirkte wie aus einem Guss, lebendig in der Diktion, stark im Ausdruck, homogen im Zusammenklang. Nicht zuletzt den Sopranen ist hohes Lob auszusprechen, hatten sie doch immer wieder Extremhöhen zu bewältigen, im 1. Teil („Im oberen Gemach“) sogar bis zum hohen C, wenn richtig gehört wurde. Die erreichte Qualität geht nicht zuletzt auf das Konto von Thomas Neuhoff, welcher auch das Sinfonieorchester Wuppertal (dessen Einsatz für Randwerke des Repertoires durch diverse CD-Einspielungen nachgewiesen wird) auf einen pompösen, rauschhaften Elgar-Klang einzuschwören verstand. Unter seinen Händen wirkte die Musik in einem ganz und gar positiven Sinne plakativ, dabei stets angenehm fließend und bestechend in der Herausarbeitung von Klangfarben.

Das Solistenquartett bot gleichfalls exquisite Leistungen. Die deklamatorisch lebendige Bassstimme von Simon Bailey, welche sich auch in hohen Baritonregionen entspannt bewegte, wirkte besonders stark. Johanna Winkels Sopran gefiel mit jugendlich dramatischem Timbre und expressiver Gestaltung. Den fraulichen Alt von Catherine Wyn-Rogers und den frischen, leuchtenden Tenor von Andrew Staples sicherte sich im vergangenen September auch Daniel Barenboim für seine beiden Berliner Aufführungen von „Gerontius“, welche in einem Zusammenschnitt demnächst auf CD zu haben sind. Besonderes Kompliment für das materialreiche Programmheft, welches auch Grußworte von Hilary Elgar, der Großnichte des Komponisten, enthält. Aus England waren zum Konzert Mitglieder der Elgar Society und des Elgar Family Trust angereist; auch der Elgar-Freundeskreis Deutschland war vertreten.

Im kommenden Jahr wird sich der Kölner Bach-Verein Benjamin Brittens „War Requiem“ widmen, ein „internationales und generationsübergreifendes Musikprojekt“. Aufführungen wird es außer in Köln auch in Berlin und Wroclaw (Breslau) geben.


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