Tetzlaff Quartett

Frei schwebend

Das Tetzlaff Quartett begeistert in München mit Schönberg

(München, 12. Oktober 2010) Professionell Streichquartettspielen ist eigentlich ein Fulltime-Job. Das weiß natürlich auch Christian Tetzlaff. Immerhin hat er bei seinem Lehrer Walter Levin vom LaSalle Quartett genug übers Quartettspiel gelernt, um zu wissen, wie viel Arbeit und Ausdauer es braucht, um sich als Quartett zu etablieren. Dennoch und obwohl sich Tetzlaff für die Solistenkarriere entschied – blieb in ihm das Interesse und die Begeisterung fürs Quartettspiel offenbar so wach, dass er es immer mal wieder wagt, neben seinen weltweiten Auftritten als Solist, sich mit seiner Schwester Tanja Tetzlaff am Cello und der Geigerin Elisabeth Kufferath sowie der Bratschistin Hanna Weinmeister projektweise zum Quartett zusammen zu schließen. Dass das für Tetzlaff nicht einfach nur willkommene Sozialarbeit nach getanem Solistenwerk ist, sondern profundes Ensemblespiel bedeutet, davon muß man bei diesem ernsthaften Musiker ohnehin ausgehen, und davon konnte man sich jetzt beim Gastspiel in München überzeugen.

Zwar wirkte die erste Geige in Haydns Quartett g-moll (op.20/3) mitunter sehr präsent, das lag aber wohl auch am Stück, das die drei anderen Musiker(innen) manchmal zum Accompagnato reduziert.
Dennoch war hier trotz wunderbar klarer Linienführung in Sachen Zusammenklang noch nicht alles im Lot, auch kleine Intionationsschwächen waren zu hören. In Dvoraks spätem, seltsam unstetem As-Dur-Quartett von 1895 (erster Satz!) meint man des Komponisten Zerrissenheit zwischen "neuer" Welt, in der er das Werk begann und der "alten", in der er es vollendete, zu hören. Hier entwickelten die Musiker des Tetzlaff Quartetts eine gesangliche Innigkeit, die berührte und sich in Arnold Schönbergs erstem Quartett (Nr. 1 d-moll, op. 7) sogar noch steigerte. Wer hätte zu Beginn dieses Konzerts gedacht, dass ausgerechnet Schönberg die Konzertbesucher zu jubelndem Beifall und enthusiastischen Bravorufen hinreißen würde. Zwar handelt es sich bei diesem Quartett noch nicht um ein zwölftöniges und es finden sich auch noch viele Romantizismen darin. Dennoch gibt es viel Freischwebendes, sowohl harmonisch als auch vor allem formal.

Pausenlose 45 Minuten dauert das Werk, das in vier Sätze gegliedert ist, die ohne Unterbrechnung ineinander übergehen. Der Beginn klingt wie ein ruppiger Brahms, eine zerklüftete Motivik baut sich in erz- romantischem Gestus auf. Doch das thematische Material wird weniger variiert als vielmehr kontrastiv gegeneinander gestellt. Eine ungemein vielfältige und expressive Idiomatik der kleinen Räume bis hin zu Walzerklängen offenbart Schönberg hier, die sich in der Reihung zu epischer Länge entwickelt. Schlafwandlerisch sicher spielten sich die vier Musiker durch die komplexe und schwer zu fassende Architektur und Ausdrucksvielfalt dieses Quartetts. Spannungsgeladene Konzentration erfüllte jede Phrase, beispielhaft die dynamische Bandbreite, aber auch die klangliche Qualität. Wie schön, dass Tetzlaff Quartett das Schönberg-Quartett auf CD einspielt hat. Gerade ist die Aufnahme erschienen, jedem empfohlen, der das Konzert verpasst hat.

Großer Jubel im Publikum, und als Zugabe gab es nach diesem Marathon sogar noch ein wunderbar anrührendes Mendelssohn-Intermezzo.

Robert Jungwirth

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