Taylor Ballettabend

Ovationen zum Abschied

„Rhapsody in Blue“ Foto: Ida Zenna

Letzte Premiere des Balletttheaters München mit Choreographien von Philip Taylor
(München, 22. April 2007) Ganz zum Schluß choreographiert Philip Taylor auch noch die Scheinwerfer. Mit lautem Surren senken sie sich auf die völlig leergeräumte Bühne herab, hintereinander in verschiedenen Höhen. Blackout, Vorhang zu und keine Fragen offen – oder? War’s das? Ja, das war’s!
Wehmut durchzieht die letzte Premiere des Münchner Balletttheaters unter seinem künstlerischen Leiter Philip Taylor. Auch ein Gefühl des Unverständnisses, dass diese phantastische Balletttruppe einfach aufgelöst wird. Sicher, es ist das Recht eines jeden neuen Intendanten, sein Haus neu zu bestellen, künstlerisch und personell. Die Abschaffung des Balletttheaters München aber ist ein Akt der Kunstzerstörung, dem etwas Banausisches und Brutales anhaftet. Philip Taylor hat in elf Jahren eine Truppe aufgebaut, zusammengeschweißt und künstlerisch profiliert, die den Tanz in München entscheidend bereicherte und die auch weit über München hinaus Beachtung fand. Das Balletttheater München hat mit Taylors Choreographien und mit den Arbeiten der Tänzerinnen und Tänzer selbst immer wieder gezeigt, dass moderner Tanz anspruchsvoll und unterhaltsam, lustvoll und intelligent sein kann. Mag sein, dass das Balletttheater München nicht das ganze Stammpublikum des Gärtnerplatztheaters erreicht hat. Aber es hat während der elf Jahre nicht nur sich selbst zu einer international konkurrenzfähgien Truppe emporgearbeitet, sondern auch neue Publikumsschichten für das Gärnterplatztheater erschlossen.
Gershwins „Rhapsody in Blue“ inszenierte Philip Taylor zu seiner eigenen Abschiedsshow, musicalhaft, lebendig, witzig und ein wenig „blue“, der Stimmung entsprechend – am Pult des Orchesters mit sicherem Timing Andreas Kowalewitz. Eigenwillig flankiert wurde Gershwins Stück von Charles Ives „The unanswered Question“ und der minimalistischen Komposition „El Dorada“ von John Adams. Zunächst gab es eine Art chorischen Striptease bis alle in hautfarbener Unterwäsche dastehen. Alle 21 Tänzerinnen und Tänzer des Ensembles sind einbezogen in einen spielerischen Showdown mit Tempo und ein klein wenig Liebeshändel. Auch das Danach erzählt Taylor: Ein Tänzer singt Irving Berlins „There’s no business like show business“ im Bademantel, abgeschminkt. So ist das Bühnenleben: Immer nur lächeln, immer vergnügt, auch wenn einem ganz anders zumute ist. Am Ende springen die Tänzerinnen und Tänzer kollektiv durch eine Papierwand – der Weg ins Freie – oder ein Sprung ins Ungewisse?
Der Abend zeigt einmal mehr, wie geschickt Taylor mit Zitaten und Referenzen umzugehen versteht. Noch deutlicher ist das in den Goldberg-Variationen aus dem Jahr 2000. Auf leerer Bühne – der Flügel wird zum zentralen Bühnenbildelement – finden sich die Tänzer in Bachs 32 Variationen zu 32 verschiedenen Formationen, übersetzen die klare Ordnung, die verspielte Bewegtheit, die meditative Geistigkeit der Stücke in berührende, erheiternde, nachdenkliche oder andächtige Bewegungs-Miniaturen – mit der nötigen gespannten Ruhe am Flügel begleitet von Oleg Ptashnikov. Taylor zitiert Elemente des klassischen Tanzes ebenso wie Reminiszenen des höfischen. Und bei aller Vielfalt und Originalität behält die Choreographie immer auch eine gewisse Zurückhaltung und Strenge wodurch die Musik nicht nur nicht überdeckt, sondern sogar noch unterstützt wird. Die Kompanie agiert während dieses pausenlosen etwa einstündigen Kraftakts hochkonzentriert und präszise – eine beeindruckende Leistung!
So feierte das Publikum die Tänzerinnen und Tänzer und ihren Choreographen denn auch mit langanhaltenden Ovationen.
Der neue Ballettchef wird es schwer haben, an dieses Niveau anzuschließen auch wenn einige der Ensemblemitglieder dem Vernehmen nach bleiben werden.

„Goldberg Variationen“ Foto: Ida Zenna

Robert Jungwirth

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