Tagebuch zum ARD-Musikwettbewerb 2019

Der Münchner ARD-Musikwettbewerb 2019 wird in den Fächern Cello, Fagott, Klarinette und Schlagzeug durchgeführt – KlassikInfo berichtet im Wettbewerbs-Tagebuch von Klaus Kalchschmid 

Die Preisträger 2019 des ARD-Musikwettbewerbs Foo: Daniel Delang

Finale Schlagzeug

(München, 15. September 2019) Beim letzten Finale des 68. Internationalen Musikwettbewerbs der ARD wurde es mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Eun Sun Kim im Herkulessaal der Residenz noch einmal richtig spannend, denn Aurélien Gignoux (Frankreich/Schweiz), dank herausragender Leistungen in der zweiten Runde und im Semifinale mein Favorit, spielte zu Beginn mit großer Verve als Einziger „Focs d’artifici“ für Schlagzeug und Orchester von Ferran Cruixent, bevor Avner Dormans „Frozen in Time“ sowohl mit Weiqi Bai wie – überragend – mit Kai Strobel zu erleben war. Man hätte es wahrlich nicht für möglich gehalten, wie unterschiedlich ein und dasselbe Schlagzeug-Konzert klingen kann, so man es denn unmittelbar hintereinander – nur getrennt durch eine halbstündige Pause – hören kann.

Der 23-jährige Chinese Weiqi Bai spielte solide, aber ohne Raffinesse und außermusikalische Bezüge dieses drei Kontinenten gewidmete Konzert mit den drei Sätzen „Indoafrica“, „Eurasia“ und „The Americas“. Vor allem die Musik Lateinamerikas wird im Finalsatz zum Ereignis, aber da muss man schon so rhythmisch pointiert und tänzerisch agieren wie Strobel, der auch das Marimbaphon faszinierend differenziert spielen konnte und man ganz die innere Abneigung vergaß, die man gegenüber diesem Instrument besitzt. Dieser Farbenreichtum, gepaart mit prägnanter Akzentuierung bedeutete zu Recht den mit 10.000 Euro dotierten ersten sowie den Preis des Publikums (1500 Euro), für Weiqi Bai aber nur den dritten Platz (5000 Euro).

Zu Beginn spielte Aurélien Gignoux ein anderes, auch abweichende Fähigkeiten erforderndes Werk. Das Cruixent-Konzert, 2008 komponiert für Peter Sadlo, den ARD-Preisträger 1985, ist ebenfalls Programmmusik, verzeichnet doch der Komponist als Spielanweisung in der Partitur „Wie ein grotesk fetter Soldat mit Größenwahn“ für den ersten Satz („Fanfarra de fusta“) und beschreibt den Finalsatz „Correfocs – Feuerläufer“ mit diesen Worten: „Traditionelle nächtliche Feier in Katalanien mit Feuerwerk und unkontrolliert herumspringenden Männern, die als Teufel verkleidet sind.“

Welch‘ eine Einladung für den 22-Jährigen Gignoux, so richtig draufloszuspielen, was der dann mit viel Facettenreichtum im Trommeln an verschiedensten Instrumenten auch tat, aber nie rohe Gewalt walten ließ. Dafür bekam er den 2. Preis und 7500 Euro, sowie für seine farbige, präzise Darbietung von Younghi Pagh Paans „Klangsäulen“ den Preis für die beste Interpretation des zeitgenössischen Auftragswerkes und 1000 Euro.

Nachtrag: In Zeiten schnellen Internets muss man nach dem Ende eines Finales nicht mehr im Saal die Entscheidung abwarten, die nach der Beratung der sieben Jury-Mitglieder in der Regel meist gut eine Stunde später erfolgt, aber auch schon mal zwei Stunden auf sich warten lassen kann. Doch die geistsprühende Moderation auf Englisch des Vorsitzenden im Fach Schlagzeug, Robert van Sice aus den USA, hatte großen Charme. Zum einen betonte er, dass es schier unmöglich sei, „objektiv eine so subjektive Kunstform wie die Musik zu beurteilen“, aber er stellte auch erfreut fest, dass der Wettbewerb ihm eher wie ein Festival erschienen sei, bei dem jeder jedem helfe, nach dem Motto: „Brauchst du ein Tamtam, kannst du‘s gerne von mir leihen!“ Bei der Bekanntgabe des Publikumspreises wurde van Sice dann ganz aufgeregt, bekam er dafür doch einen verschlossenen Umschlag überreicht. Ganz jungenhaft naiv plapperte er, während er ihn umständlich öffnete: „Oh, das ist jetzt wie bei den ‚Academy Awards‘. Sie sehen, dass ich das zum ersten Mal mache – und gleich werden Tränen fließen!“

Finale Fagott

(München, 14. September 2019) Der unmittelbare Vergleich mit nur einem einzigen Werk ist beim ARD-Musikwettbewerb doch immer der aufschlussreichste, so auch beim Finale im Fach Fagott. Denn nicht ohne Grund bekamen sowohl Andrea Cellacchi einen zweiten Preis (sowie die Auszeichnung für die beste Interpretation des zeitgenössischen Auftragswerk) wie auch Mathis Stier (und dazu den Publikumspreis). Schon im Semifinale lagen die beiden nahe beieinander und bei Johann Nepomuk Hummels um 1805 entstandenem „Grand Concerto“ für Fagott und Orchester F-Dur WoO 23, das erst in den 1950er Jahren wiederentdeckt wurde, musizierten beide auch im Finale auf gleich hohem Niveau. Doch die Unterschiede in der Qualität des Spiel und der musikalischen Interpretation waren zwar fein, aber durchaus hörbar.

Der 22-jährige Italiener spielte schlicht perfekt, auch was Artikulation und Phrasierung anging, blieb dabei freilich ein wenig puristisch, ja neutral. Der 25-jährige Deutsche bot die differenziertere, feinere Gestaltung, zumal im langsamen Satz („Romanze: Andantino e cantabile“), bei dem man ganz vergessen konnte, welche buffonesken Attribute sonst mit dem Fagott verbunden werden, oder im abschließenden Variationen-Rondo. Er nahm sich nicht nur hier für die Ausformung von Motiven und die Variation von thematischen Gestalten mehr Zeit, formte auch weicher im Klang; aber das waren, wie gesagt, sehr feine, stilistische Unterschiede, die wohl jeder Hörer anders beurteilt und bewertet.

Dagegen war der Anstand zu Theo Plath, dem zweiten Deutschen im Finale erheblich: er spielte zu Beginn als Einziger Carl Maria von Webers ebenfalls in der Haupttonart F-Dur stehendes Konzert aus dem Jahr 1811 (revidiert 1822) und bekam für seine Interpretation immerhin den dritten Preis. Denn so schön der 25-Jährige auch spielte, allzu wenig Kontur war zu hören, kaum prägnante Phrasierung und Modellierung des Tons, als würde Theo Plath wie in Trance spielen, die ihm jede bewusste Gestaltung aus der Hand nimmt.

Finale Cello

Eigentlich lässt es sich nicht vergleichen, wie ein Cellist das glühend romantische a-moll-Konzert op. 129 von Robert Schumann aus dem Jahr 1850 spielt und ein anderer Finalist das zweite Schostakowitsch-Konzert, komponiert 1966; stellt dieses doch einen beständigen Kampf dar des Einzelnen ums Überleben, um Schönheit und Selbstbehauptung, lehnt sich dabei immer wieder vergeblich auf gegen eine anonyme Masse oder auch ganz konkret militärisches Säbelrasseln eines totalitären Staats, das beängstigend realistisch mit musikalischen Mitteln imaginiert wird.
Beim Cello-Finale im Herkulessaal der Residenz waren freilich sehr wohl die gravierenden Unterschiede zu erkennen zwischen dem 26-jährigen Sihao He aus China, der sich als erster am Schumann-Konzert versuchte und Friedrich Thiele, der es am Ende bravourös und sehr musikalisch gestaltete. He musste sich ganz darauf konzentrieren, alle Töne richtig zu spielen, fand dabei kaum mehr Kraft für ein angemessenes Vibrato, geschweige denn die große Bögen der Phrasierung und einen Ausgleich der Lagen oder gar für einen Dialog mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, das unter Eun Sun Kim auch nicht übermäßig inspiriert spielte. Trotzdem bekam er einen dritten Preis von der Jury, was nur mit seiner guten Leistung beim D-Dur-Konzert von Joseph Haydn im Semifinale zusammenhängen kann.

Der 23 Jahre alte Deutsche Friedrich Thiele zeigte schon in den ersten Takten, dass er eine souveräne Interpretation präsentieren würde und auch später gab es kaum eine Phrase, die er nicht sinnstiftend spielen konnte, sein schönes, klangvolles Vibrato stets intelligent nutzend. Dabei kommunizierte er hellwach mit dem Orchester, das nun endlich aufgewacht und ein ebenbürtiger Partner war. Traumhaft schön gelang der weit sich aussingende langsame Satz; auch das Finale, ein „von kapriziöser Laune sprühendes Rondo“ (Joachim Daraheim im Schumann-Handbuch), wurde mit der ihm einzig angemessenen übermütigen Verve dargeboten. Dafür bekam Friedrich Thiele sowohl den zweiten als auch den Publikumspreis und errang für eine subtile, ebenso poetische wie fast abstrakte Deutung von Martin Smolkas „Like Ella“ dazu den Preis für die beste Interpretation des zeitgenössischen Auftragswerks.
Haruma Sato, der 21-jährige Japaner, wagte sich an Dmitrij Schostakowitschs zweites Cellokonzert und ließ bei seiner Interpretation eine überragende, reife Leistung hören, die den vielen Facetten des unermüdlich neu ansetzenden und oftmals hinter massiven Orchesterballungen verschwindenden Soloinstruments in jeder Hinsicht gerecht wurde. Der zierliche Japaner beschönigte nichts und versuchte sich doch noch im verzweifelten Kampf mit den brutalen Schlägen einer großen Trommel mit Würde zu behaupten. Da Sato auch durchweg im Semifinale überzeugen konnte, ist der – allerdings geringe – Abstand zu Thiele, den die Jury nun mit einem ersten Preis für Sato würdigte, durchaus gerechtfertigt.

Semifinale Schlagzeug

(München 12. September 2019) Das Fach Schlagzeug hat beim ARD-Musikwettbewerb – seit 1977 ist es dieses Jahr erst zum achten Mal vertreten – eigentlich immer den größten Unterhaltungswert, wenn man das mal so salopp sagen darf; und dies für Ohren wie auch für die Augen! Denn obwohl es immer anregend und erhellend ist, Instrumentalisten im Konzert live beim Musizieren zu beobachten, so scheint das Spektrum der Instrumente, die ein Percussionist zu bewältigen hat, schier unermesslich und ebenso vielfältig ist, was man zu hören – und zu sehen bekommt. So gab es im zweiten Durchgang Heinz Holligers Stück mit dem anspielungsreichen Titel „Voi(es)x metallique(s) (Zinngeschrei) für einen unsichtbaren Schlagzeuger“. Augustin Lipp führte es hinter einem von innen beleuchteten Paravent als gespieltes, gesummtes und geschluchztes Schattenspiel auf! Außerdem ist die Auswahl der Wahlpflichtstücke derart groß, dass man neben Klassikern viel Neues kennenlernen kann. So fand sich bei den acht Teilnehmern im zweiten Durchgang und den sechs Semifinalisten kaum Repertoire doppelt. Einzig „She who sleeps with a small blanket“ von Kevin Volans gab es im Finale gleich dreimal zu hören und mehrfach natürlich das zeitgenössische Auftragswerk von Younghi Pagh-Paan. Nicht zuletzt damit konnten die fünf Schlagzeuger und eine Schlagzeugerin zeigen, zu was sie technisch und musikalisch fähig sind.

Während die „Klangsäulen“ der 73-jährigen Koreanerin Younghi Pagh-Paans bei Weiqi Bai aus China zu Beginn noch wie wenig konturierte Improvisationen wirkten, entdeckte Kai Strobel als erster die zwar dichten, aber als „Groove“ durchaus hör- und verfolgbaren rhythmischen Strukturen und die auch durch verschiedene Klangspektren und Instrumentengruppen voneinander abgesetzten Teile. Nach der Japanerin Nozomi Hiwatashi, Sam Um (USA) und dem Schweizer Augustin Lipp (die alle drei nicht ins Finale kamen) spielte erst wieder Aurélien Gignoux (Frankreich/Schweiz) die Uraufführung auf hohem Niveau, ja vielleicht am besten, indem er zuvor kaum gehörte Zusammenhänge entdeckte und auch den abschließenden geheimnisvollen Schlag auf ein großes Tamtam zwingend aus dem Vorhergehenden ableitete, indem er einen eher harten Schlägel und keinen großen, gedämpften Hammer benutzte.

Gignoux war schon in der zweiten Runde mit originellen Werken von Peter Klatzow (düster raunende „Dances of Earth and Fire“), Giacinto Scelsi („Ko-Tha I“) und Franco Donatoni („Omar for Vibraphone“) überragend. Nun überzeugte er – nach Yan Maresz „Étude d’impacts“ für fünf Pauken – auch am meisten als dritter Interpret von Kevin Volans‘ wildem Stück „She who sleeps with a small blanket“ (gemeint ist laut Komponist ein weibliches Wesen, das allein, also ohne Geliebten schläft!) für sieben Trommeln, dem ein zarter Marimba-Epilog folgte. Denn Gignoux offenbarte eine faszinierende Unabhängigkeit beider Arme und Hände, durchleuchtete die rhythmischen Strukturen am präzisesten, war auch in der Wahl der Schlägel sehr kreativ und verschaffte so dem angedeuteten Wiegenlied eine fast unwirkliche Aura am Ende dieses Stücks, das bei ihm oft mit beängstigender Urgewalt über den Hörer hereinbrach.

Weiqi Bai überzeugte gleich zu Beginn unter anderem mit einer auf dem Marimbaphon fein geklöppelten, differenzierten Bach-Sonate (BWV 1005). Danach verblüffte der Deutsche Kai Strobel nicht zuletzt mit dem großartigen Meisterwerk „Rebonds A & B“ für sieben Trommeln und Woodblocks von Iannis Xenakis aus dem Jahr 1989, dem er mit nicht nachlassender Konzentration und Energie keine Facette schuldig blieb.

Aurélien Gignoux ist beim Finale am Sonntag, den 15. September (16 Uhr) im Herkulessaal der Residenz mit „Focs d’artifici“ von Ferran Cruixent zu erleben. Weiqi Bai und Kai Strobel werden jeweils Avner Dormans beliebtes „Frozen in Time“ spielen, das der ARD-Preisträger von 2014, Christoph Sietzen, letztes Jahr zum ersten Mal für Sony aufnehmen durfte.

Semifinale Fagott

(München 12. September 2019) Da das Semifinale Schlagzeug fast fünfeinhalb Stunden dauerte, hatte ich nur Gelegenheit, den zweiten Teil des Semifinales Fagott im Livestream zu verfolgen. Doch noch bevor (nach der Französin Marie Boichard, Ignacio Soler Pérez aus Spanien und Theo Plath, der es als Einziger ins Finale schaffte) Michaela Spackova, Mathis Stier und Andrea Celacchi ebenfalls Mozarts Fagottkonzert spielten, war Benedikt Schregle, Sprecher des BR und seit ein paar Jahren auch einer der Moderatoren der Preisträgerkonzerte, in der halbstündigen Pause im Interview mit verschiedenen Gesprächspartner zu erleben: Darunter ein Juror sowie Milica Djordjević, die Komponistin des zeitgenössischen Auftragswerks, das alle sechs Semifinalisten ebenfalls spielen mussten, und Hendrik Oerding, Mitarbeiter des BR mit Spezialgebiet Fagott beim diesjährigen Wettbewerb. Er betonte, welch‘ eine eingeschworene (kleine) Gemeinde die Fagottisten darstellten (immerhin waren jedoch über 50 Teilnehmer heuer zur ersten Runde zugelassen!) und erzählte, dass jeder jeden kenne, aber nicht die Konkurrenz, sondern ein sehr freundlicher Umgang miteinander im Mittelpunkt der Begegnungen stehe.

Nach der Tschechien Michaela Spackova, die weder bei Mozart noch bei Milica Djordevićs „nailing clouds for bassoon solo“ rundum überzeugen konnte, bezauberte Mathis Stier als Vorletzter mit dem KV 191: Sowohl schöne, keineswegs überladene Kadenzen und ein eleganter, aber auch prononcierter Ton im Kopfsatz sowie eine herrliche Lockerheit im Finale nahmen für ihn ein. Der Italiener Andrea Celacchi spielte ebenso fein wie warm und blieb im „Andante ma Adagio“ wunderbar schlicht und zurückhaltend.

Fehlt noch die Uraufführung: ein bei aller vielschichtigen Modernität und Dissonanz durchaus melodisch intensives und oftmals sehr fein schraffiertes Stück mit heiklen sogenannten „Multiphonics“, darüber hinaus vielfachen Tonwiederholungen, Vibrati und minutiösen dynamischen Vorschriften. Sowohl Stier wie Celacchi fanden einen differenzierten Zugang zu diesem originellen, qualitätvollen Werk, das wie alle zeitgenössischen Auftragswerke von der Ernst von Siemens Musikstiftung finanziert wird.

Es bleibt also spannend, wenn am Samstag, den 14. September (16 Uhr) beim Finale mit dem Münchner Rundfunkorchester im Prinzregententheater Theo Plath Carl Maria von Webers Konzert op. 75 spielen wird, sowohl Mathis Stier und Andrea Cellacchi jedoch mit Johann Nepomuk Hummels Konzert zu hören sein werden – wie immer auch im Livestream auf www.ard-musikwettbewerb.de.

Finale Klarinette

(München, 11. September 2019) Es ist wirklich bedauernswert, dass eine Jury beim ARD-Musikwettbewerb ihre Entscheidungen nach dem Finale nicht begründen muss, denn nur sie hat die drei vorausgehenden Durchgänge mit allen Teilnehmern, die Wahlpflichtstücke aus verschiedensten Epochen spielen mussten, verfolgt und lässt alle Erkenntnisse daraus in die Bewertung der Finalisten einfließen! Seltsam trotzdem, dass nach einem eher uninspirierten Spiel im Semifinale und dem vergleichsweise „einfachen“, wenn auch verrückt-wilden Klarinettenkonzert von Sándor Veress im Finale der Portugiese Carlos Alexandre Brito Ferreira zugleich mit dem Koreaner Han Kim den zweiten Preis errang (ein dritter wurde nicht vergeben). Dabei hatte dieser das großartige, siebensätzige und wahrhaft anspruchsvolle Klarinettenkonzert von Elliott Carter aus dem Jahr 1997 noch besser gespielt als der Franzose Joë Christophe. Er freilich war sicher für viele der heimliche Sieger des Semifinales, in dem sechsmal das Mozart’sche Klarinettenkonzert zu hören war. Der erste Preis ist für ihn also durchaus verdient.

Aber im Detail: Das Konzert von Elliott Carter (1908-2012) ist ein ebenso konzentriertes wie vielschichtiges, keine 20 Minuten langes Meisterwerk, das ein exquisit besetztes Kammerorchester von 27 Musikern (darunter drei Schlagzeuger!) mit einer Solo-Klarinette entweder konfrontiert oder raffiniert verschmilzt. Ihrer Funktion entsprechend steht sie bei den kontrastierenden und ineinander übergehenden Sätzen an verschiedenen Positionen im Orchester: Beim eröffnenden „Scherzando“ links hinten bei Harfe und Marimbaphon, dann für „Deciso“ hinter den Holzbläsern, bei „Tranquillo“ rechts vor dem gedämpften Blech (Horn, Trompete, Posaune, Tuba), zum „Presto“ in der Mitte des Orchesters oder hinter den Streichern („Largo“), für „Giocoso“ mit dem Blech zusammen und zum abschließenden „Agitato“ vorne in der Mitte als strahlender Sieger! Carter komponierte 1996 also kein virtuoses Solisten-Konzert, sondern ein Werk, das die Klarinette oft als obligates Instrument verwendet, ihr aber doch immer wieder – gerade in den ruhigen und eher leisen Passagen – Führungsqualitäten verleiht. Das Orchester agiert im Tutti nur zwischen den einzelnen Sätzen und wird ansonsten kammermusikalisch eingesetzt.

Joë Christophe spielte hervorragend, erlaubte sich auch fahlere oder spitzere Töne, während Han Kim, der zusätzlich zum zweiten Preis den Publikumspreis errang, noch in den exponiertesten Lagen traumhaft schön und sonor spielte, vielleicht auch eine Spur agiler und konziser. Doch dieser Eindruck mochte nicht zuletzt der Tatsache geschuldet sein, dass man das Konzert von Elliott Carter zweimal unmittelbar hintereinander hören konnte. Beim zweiten Mal war man vertrauter mit den Abläufen und Finessen des Stücks und konnte nun noch aufmerksamer die Details wahrnehmen.

 Semifinale Cello

(München, 10. September 2019) Es muss schwer gewesen sein für die siebenköpfige Jury unter Vorsitz von Lynn Harrell (darunter Matt Haimovitz, Maria Kliegel und Pieter Wispelwey), drei Finalisten auszuwählen, bewertet man nur ihre Leistung beim Semifinale im Prinzregententheater. Denn eigentlich war keiner – außer vielleicht Haruma Sato – in jeder Hinsicht überzeugend, spielte also sowohl eines der beiden Cellokonzerte von Joseph Haydn (zusammen mit dem Münchener Kammerorchester) wie die Uraufführung des zeitgenössischen Auftragswerks von Martin Smolka („Like Ella, zwei Studien für Violoncello solo“) überragend.

Aber der Reihe nach: Friedrich Thiele, der schon den zweiten Durchgang mit viel Erfolg eröffnete, war wieder – dem Los zufolge – der Erste: Von allen vier Semifinalisten, die das D-Dur-Konzert gewählt hatten, war er aber vielleicht der am wenigsten Überzeugende. Allzu vorsichtig und doch mit unüberhörbaren Intonationstrübungen, konnte er das Niveau des zweiten Durchgangs nicht ganz halten, aber Martin Smolkas Auftragswerk spielte er subtil und sehr abstrakt als poetische Studie, die durchaus den Erläuterungen des Komponisten folgte. Sie sind als Spielanweisung in den Noten auf Englisch abgedruckt und stehen als Auszug auf der Website des Verlages in deutscher Übersetzung: „Der Celloklang sollte in diesem Stück verschleiert sein – ähnlich der Stimme von Ella Fitzgerald. Süß, weich und angenehm, gleichzeitig aber etwas heiser, rasselnd und schmutzig. Es gibt fast nur Natur-Flageoletts; entweder einzeln oder akkordisch als Dreiergriff, der zwei Natur-Flageoletts enthält, oder Doppelgriffe mit zwei Flageoletts. Alle sollten flautando, sul tasto und molto lasciar vibrare gespielt werden. Flautando und sul tasto [beides = näher am Steg spielen!] sollten bei der Suche nach der verschleierten Farbe helfen, dabei die Flageoletts weniger klar als üblich ‚sprechen‘, vielmehr weicher und nett [decent].“

In der ersten „Studie“ entwickelt sich aus nur wenigen, abgewandelt wiederkehrenden Tönen ein zunehmend melodisch ausgreifendes Gespinst, das sich jedoch bald in Luft auflöst. Die zweite „Studie“ beginnt noch karger und wirkt mit den immer häufiger vom Mezzoforte ins Fortissimo anschwellenden Sekundreibungen erheblich schroffer. Am Ende schließt sich mit der Rückkehr zum Beginn der ersten Studie der Kreis. Der Japaner Haruma Sato strukturierte diese teils fragilen, teils latent aggressiven Stücke überlegt; die vielen Doppelgriffe und speziellen Flageoletts hatten die intendierte fahl-schimmernde, ambivalente Aura: „süß, weich und angenehm, gleichzeitig aber etwas heiser, rasselnd und schmutzig“ à la Ella Fitzgerald! So überzeugte seine Interpretation von allen sechs Semifinalisten am meisten. Auch Haydns im Vergleich zum D-Dur-Konzert wesentlich weniger heikle, dennoch oder gerade deswegen effektvolles C-Dur-Konzert spielte er mit konzentriertem, leuchtendem Ton und sehr flexibel, darüber hinaus sehr klar und präzise in der Intonation.
Shihao He aus China war bei Joseph Haydns D-Dur-Konzert überragend. Auch er spielte am Ende des Kopfsatzes eine große, ausufernde Kadenz. Sie aber schweifte komplex und originell durch die Jahrhunderte, streifte sogar Bach, wurde stilistisch aber immer wieder an Haydn angebunden. Das war souverän dargeboten, nur im sehr schnell genommenen Final-Rondo geriet auch He manchmal etwas an seine Grenzen. Leider fand er zum Auftragswerk keinen rechten Zugang, weder hatte er dafür eine klangliche Vision noch konnte er musikalische Zusammenhänge herstellen.

Trotz eines fulminanten Finales im C-Dur-Konzert schaffte es Marcel Johannes Kits aus Estland nicht in die Endrunde, und dem Franzosen Jérémy Garbarg wurde vielleicht nicht zuletzt eine allzu lange, weit von Haydn wegführenden Kadenz im ersten Satz zum Verhängnis oder auch die Tatsache, dass er es mit dem Vibrato im langsamen Satz übertrieb. Bei der zweiten Studie Smolkas hatte er allerdings eine sehr dezidierte klangliche Vorstellung, die er auch sehr konsequent umsetzte. Bleibt Anton Spronk, der sowohl bei Haydn wie Smolka Ordentliches leistete, was aber – vielleicht unter Einbeziehung der ersten Runden, die stets mitbewertet werden – nicht für das Finale reichte.

In der Endrunde spielen am Freitag-Abend (18 Uhr) im Herkulessaal der Residenz Friedrich Thiele und Sihao He jeweils das Schumann-Konzert, Haruma Sato das zweite von Dmitri Schostakowitsch.

Impressionen vom 2. Durchgang Cello

(München, 7. und 8. September 2019) 54 Cellistinnen und Cellisten waren zur ersten Runde angetreten, 16 hatten es in die zweite Runde geschafft, fünf kamen ins Semifinale. Pflichtstück war nach Bach unter anderem im ersten Durchgang jeweils eine der beiden Sonaten von Brahms (op. 38 und 99) oder eines der fünf Duos für Cello und Klavier von Ludwig van Beethoven in der zweiten Runde. Trotz weiteren Wahlpflichtstücken zwischen Britten, Poulenc und Schostakowitsch und dazu Dutilleux, Hindemith oder Ligeti waren mit Beethoven oder Brahms die härtesten Nüsse zu knacken. Von den sieben Cellisten, die ich im Verlauf von zwei Tagen hören konnte, war nur einer hier wirklich souverän: Friedrich Thiele. Der Deutsche spielte alles auswendig, hatte wie viele seiner Kollegen von Brahms das op. 99 gewählt, beschränkte sich aber – schon um die Vorspielzeit von immerhin 45 (!) Minuten nicht zu überschreiten – klug und ökonomisch auf den ersten Satz. Ihn präsentierte er in Ton und musikalischer Gestaltung souverän, nicht zu dick aufgetragen, aber auch nicht mit zu wenig Attacke und Volumen, dazu vielschichtigen, hoch expressiven Schostakowitsch – die gesamte d-moll-Cellosonate op. 40 – und die wunderbaren „Trois strophes sur le nom de Sacher“ für Cello solo in exzellenter Ausführung.

Diese drei hoch komplexen faszinierenden Stücke bot auch der Franzose Raphaël Jouan ungemein farbig und plastisch, dabei ungemein ausdrucksvoll und mit wunderbar gläsernem Flageolett, wie er auch mit den ersten vier Sätzen von Benjamin Brittens op. 65 überzeugte. Aber bei Brahms enttäuschte er dann doch, während die Koreanerin Min Ji Kim bei den ersten drei Sätzen dieser F-Dur-Sonate op. 99 mit großem Ton und viel Vibrato auf einem guten Weg war, vor allem den zweiten der ersten beiden Sätze von Poulencs op. 143 an der Seite von Anna Naretto am Flügel schwebend zart und doch nie gesäuselt realisierte, aber Krzysztof Pendereckis vertracktes Divertimento arg verbissen anging. Anna Naretto bildete mit Yeong-Kwang Lee bei Poulenc ein traumhaftes Duo, doch die Koreanerin war bei Brahms allzu spröde, realisierte aber die großen Kontraste bei Penderecki hervorragend. Für eine Qualifikation zum Semifinale reichte es bei allen dreien nicht.

Anton Spronk (Niederlande/Schweiz) gelangen die gesanglichen Passagen in Beethovens op. 102/1 und vor allem in Prokofjews op. 119 großartig. Dort besitzen sie den herben Charme, der so oft an die großen Pas de Deux aus Prokofjews Balletten erinnert. Gleichermaßen expressiv wie präzise spielte Sprock Györgyi Ligetis Solo-Sonate. Am 10. September (16 Uhr) ist er im Semifinale nach Friedrich Thiele und vor Haruma Sato mit Joseph Haydns zweitem Cellokonzert zu erleben, nach der Pause sind damit noch Sihao He und Jérémy Garbarg zu hören, während Marcel Johannes Kits das erste Haydn-Konzert gewählt hat. Alle Semifinalisten müssen außerdem die Uraufführung des zeitgenössischen Auftragswerks spielen, heuer ist das im Fach Violoncello Martin Smolkas „Like Ella, zwei Studien für Violoncello solo“.

Semifinale Klarinette

(München, 8. September 2019) 57 Teilnehmer waren im Fach Klarinette zwischen dem 2. und 4. September zur ersten Runde angetreten, 12 hatten es in den zweiten Durchgang, sechs davon ins Semifinale geschaffen. Und alle mussten – oder durften – Wolfgang Amadeus Mozarts Klarinettenkonzert A-Dur (KV 622) spielen. Das ist nun wahrlich ein traumhaft schönes Meisterwerk, aber würde es nicht ermüden, alle sechs Semifinalisten im Fach Klarinette beim 68. Musik-Wettbewerb der ARD einzig mit diesem Konzert zu hören? Wohl die meisten Zuhörer im Prinzregententheater waren überrascht, wie erfrischt und um etliche Erkenntnisse bereichert sie am Ende nach Hau-se gingen. Denn sie hatten drei lehrreiche, aber auch manchmal beglückende Stunden erlebt, in denen zu hören war, wie verschieden auf hohem Niveau musizieren werden und wie unterschiedlich daher ein und dasselbe Werk klingen kann; immer an der Seite des bis zum Schluss prägnant und ebenso aufmerksam wie flexibel begleitenden Münchener Kammerorchesters und seiner Konzertmeisterin Yuki Kasai.

Gleich zu Beginn lag die Messlatte nach dem Koreaner Han Kim sehr hoch. Er spielte mit kontrolliertem, feinem Ton und nicht zuletzt schönen Nuancen im Piano, verfügte aber auch über eine sonore Tiefe. Dagegen fiel die Tschechin Anna Paulová mit allzu bieder-braver Gestaltung ab, während der Litauer Zilvinas Brazauskas oft verhalten schlank blieb, ebenfalls traumhaft schöne Piani, aber auch große dynamische Kontraste wagte und dabei immer musikalisch phrasierte. Er musizierte das Adagio eine Spur langsamer als alle anderen, mit bestechendem Ergebnis. Leider reichte diese reife Leistung zusammen mit dem, was er wohl in den Vorrunden geboten – oder eben nicht geboten – hatte, nicht aus für die Endrunde.

Dafür wird der Portugiese Carlos Brito Ferreira beim Finale das Klarinettenkonzert von Sándor Verres darbieten dürfen, nachdem er bei Mozart mit natürlicher, aber auch etwas naiver, allzu geradliniger Gestaltung nicht ganz überzeugen konnte. Anders der Franzose Joë Christophe: Er spielte mit ungemein facettenreich feinem Ton, der stets von zartem Leben, aber auch Wärme erfüllt war. Das Adagio musizierte er mit fast manieristischer Überfeinerung, ohne diese freilich zu über-treiben.

Als letzter gab sich der ungemein schlanke, großgewachsene Slowene Blaz Sparovec recht exzentrisch und stellt seinen hellen, fast durchdringenden Ton in der Höhe, aber auch eine satte Tiefe regel-recht aus. Im Final-Rondo wagte er als einziger der sechs Semifinalisten Keck- ja Frechheit. Doch auch für ihn fand sich kein Weg ins Finale am Mittwoch (18 Uhr) im Prinzregententheater, das außer Ferreira nur noch Kim und Christophe erreichten. Beide werden das Klarinettenkonzert von Eliott Carter spielen, wie immer auch zu erleben via Livestream über www.ard-musikwettbewerb.de. Unter dieser Webadresse gibt es alle Informationen und Ergebnisse im Zusammenhang mit dem Wettbewerb.

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1 Antwort
  1. Dr. Klaus von Lindeiner
    Dr. Klaus von Lindeiner says:

    Ich finde es sehr schade, nach der Leistung im Semifinale auch kaum verständlich, dass die Jury den Litauer Brazauskas nicht in das Finale promoviert hat. Hingegen kann ich, wiederum auf der Basis der Leistung im Semifinale, die positive Entscheidung zum Portugiesen Brito Ferreira kaum nachvollziehen.

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