Tagebuch zum ARD-Musikwettbewerb 2018

Der Münchner ARD-Musikwettbewerb 2018 wird in den Fächern Viola, Klaviertrio, Gesang und Trompete durchgeführt

Von Klaus Kalchschmid

Finale Bratsche

(München, 14. September 2018) Im Semifinale waren sie noch absolut ebenbürtig und spielten alle drei auf hohem musikalischen und technischen Niveau, doch im Finale gab es zumindest zwischen dem Japaner Takehiro Konoe einerseits und den beiden Chinesen Diyang Mei und Yucheng Shi andererseits erheblichen Abstand. Ersterer und Letzterer und spielten beide zusammen mit Mitgliedern des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks unter Joseph Bastian Paul Hindemiths „Der Schwanendreher“, aber mit welchem Qualitätsunterschied in jeder Hinsicht. So spröde und voller unvermuteter Dissonanzen hat selbst ein Hindemith jedenfalls nicht komponiert, obwohl bei den 21 Musikern des kleinen Orchesters Geigen und Bratschen ganz fehlen, vier Celli und drei Kontrabässe das Streicher-Fundament bilden, eine Harfe den Mittelsatz dominiert und ansonsten 12 gemischte solistische Bläser gesteigerte Kammermusik spielen. Unsauber klangen bei Konoe schon die a cappella-Doppelgriffe des Beginns, auch später waren Intonationstrübungen nicht zu überhören und die Volkslied-Bearbeitungen dieses Konzerts hatten so gar nicht Sangliches. Dass Konoe trotzdem einen dritten Preis erringen konnte, hat er wohl ausschließlich den guten Leistungen in den Vorrunden einschließlich Semifinale zu verdanken.

Einen verdienten zweiten Preis bekam für seine Interpretation desselben Konzert Yucheng Shi. Er gestaltete souverän und mit herrlich sonorem Ton, erzeugte mit rein gespielten Doppelgriffen auch wirklich Klänge und machte die zitierten Volkslieder charmant hör- und begreifbar. Das steckte auch die Musiker der BR-Symphoniker an, die runder und zugleich prägnanter spielten. Allerdings war auch Shi am Ende dieses oftmals heiklen, schwierigen Konzert merklich erschöpft, was sich – wie bei vielen Streichern in der letzten Phase des Wettbewerbs – in rein physischer Hinsicht bemerkbar machte: durch Verkrampfungen, die leichte Intonationstrübungen zur Folge haben.

Zwischen diesen beiden Semifinalisten spielte Diyang Mei an der Seite der nun groß besetzten BR-Symphoniker das nachgelassene Bratschen-Konzert von Béla Bartók mit seiner vor allem im „Adagio religioso“ oftmals großen, weitgespannten Sanglichkeit und Sinnlichkeit traumhaft schön. Er verblüffte aber auch bei den heiklen, kleinteiligen Passagen mit großer Präzision wie Geschmeidigkeit und konnte bis zum letzten Takt seinen Ton wunderbar warm und weich modulieren. Dafür bekam er den ersten sowie den Publikumspreis und auch den Preis für die beste Interpretation des feinen Auftragswerks „Abend am Fenster“ von Konstantia Gourzi, das sich in sechs „Bildern“ auf das gleichnamige schwebend-tiefblau getönte Chagall-Bild bezieht.

Alle Preisträger des diesjährigen ARD-Musikwettbewerbs sind am 19. und 20. September im Prinzregententheater sowie am 21. September (jeweils 20 Uhr) im Herkulessaal der Residenz zu erleben. Die Konzerte können über www.ard-musikwettbewerb und die Facebook-Seite „internationaler musikwettbewerb der ard“ im Livestream verfolgt werden. Über diese Adressen sind auch alle Semifinali und Finali on demand verfügbar.

Finale Klaviertrio

(München, 15. September 2018) Im Semifinale hatte das Aoi-Trio beim effektvoll mit Glissandi verführenden Auftragswerk von Miroslav Srnka („Emojis, Likes und Ringtones“) für mich – und Harald Eggebrecht von der SZ – die Nase vorn. Auch jetzt beim Finale setzten die Japaner alles auf eine Karte, wagten das späte Es-Dur-Trio von Franz Schubert und gewannen damit sowie mit ihrer Interpretation der Kammersonate Henzes den ersten Preis: „Das ist das beste Trio, das ich in meinem ganzen Leben gehört habe“, kommentierte Jury-Mitglied Stefan Mendl, Pianist beim Wiener Klaviertrio, die Entscheidung. Und in der Tat besaß Schubert enorme Leuchtkraft und Intensität in jeder Phrase; die drei Instrumente waren stets gleichberechtigt und im Klang immer ausgewogen. Wie gut, dass die drei Japaner den traumhaft schönen langsamen Satz, für den sich der Komponist ein schwedisches Volkslied ganz zu eigen gemacht hat und der die zentrale Filmmusik für Stanley Kubrick „Barry Lyndon“ bildet, nicht noch mit allzu großem Ausdruck beschwerten. Und wenn ich mich nicht täusche, spielte das Aoi Trio die Originalfassung des von Schubert selbst um zweimal 50 Takte gekürzten Finales und seinen damit noch vielfältigeren Reminiszenzen an Kopfsatz und Andante con moto.

Leider wurde von der siebenköpfigen Jury (darunter unter dem Vorsitz von Amiram Ganz neben Mendl Vincent Coq, Jens Elvekjær, Sølve Sigerland, Tanja Tetzlaff und Quirine Viersen) kein zweiter Preis vergeben, dafür zwei dritte. Das Trio Marvin hatte schon mit sehr eigenem, ebenso harschem wie streng gefügten Beethoven (Geister-Trio) im Semifinale überzeugt; nun setzten sie auch bei Franz Schuberts spätem B-Dur-Trio auf Klarheit, Durchsichtigkeit und einen sehnig gespannten Ton bei den Streichern, ohne prägnante Phrasierung und dynamische Schattierungen zu vergessen. Den unterschiedlichen Charakteren der verschiedenen Sätze der Henze-Sonate wurden sie besser gerecht als die beiden anderen Ensembles. Einen zweiten Preis hätten sie dafür in jedem Fall verdient gehabt.

Wo im Zusammenspiel der Geigerin Marina Grauman aus Russland mit dem deutschen Cellisten Marius Urba beim Trio Marvin eine feine Ausgewogenheit bestand, spielte Jae Hyeong vom Lux Trio oft mit zu üppig süßem Geigen-Ton und rückte den Cellisten Hoon Sun Chae in den Hintergrund, dabei trafen sie beide jeder für sich ganz wunderbar und empfindsam Schubertsches Melos. Zusammen mit Pianistin Eunyoo An reizten sie die Dynamik aber vielleicht allzu sehr aus und bevorzugten einen eher vollgriffig satten Sound. Am schönsten gelangen Zärtlichkeit und Empfindsamkeit in den langsamen Sätzen Schuberts und Henzes. Auch dafür bekamen die Koreaner neben einem dritten sowohl den Publikumspreis wie den für die beste Interpretation des Auftragswerks.

Semifinale Bratsche

(München, 14. September 2018) Weil sich das Finale Trompete und der zweite Teil des Semifinales Bratsche überschnitten, hier ein Bericht, der sich einerseits auf den Liveeindruck im Saal, was den ersten Teil angeht, bezieht und andererseits auf die in exzellentem Bild und Ton via Internet „nachgehörten“ Finalisten Takehiro Konoe und Djyang Mei. Auch alle anderen Semi- und Finalrunden, sowie teilweise schon die zweiten Durchgänge sind weiter über die Facebook-Seite „internationaler musikwettbewerb der ard“ und über www.ard-musikwettbewerb.de abzurufen oder können bereits im Livestream erlebt werden.

Mit je zwei Japaner|innen, zwei Chinesen, einem Taiwanesen und einer Koreanerin war das Semifinale Bratsche ganz in asiatischer Hand. Yucheng Shi spielte als Zweiter das D-Dur-Konzert von Franz Anton Hoffmeister (1754-1812) – wie schon zu Beginn Aoi Murase. Aber er tat es ungleich lebendiger, mit viel schönerem Ton, mehr Tiefe, aber auch Glanz sowie großen Kadenzen in allen drei Sätzen. Fast noch mehr Ausdruck und einen herrlich ausgeglichenen Ton in allen Lagen offenbarte Takehiro Konoe aus Japan.

Wie schon En-Chi Cheng vor der Pause spielte auch der Chinese Diyang Mei das erste Bratschen-Konzert von Carl Stamitz (1745-1801). Er freilich besitzt eine wunderbar füllig warme tiefe Lage, aber auch einen schlanken, schönen Ton in der Mittellage und eine leichte, natürlich fließende Höhe, die er nicht zuletzt im charmanten Rondo zeigen konnen. Aber schon den Kopfsatz reicherte er mit einer geschmackvollen Kadenz an.

Ein feines Auftragswerk, das alle Semifinalisten spielen musste komponierte die in München lebende und wirkende griechische Dirigentin und Komponistin Konstantia Gourzi mit „Abend am Fenster“. Es bezieht sich auf das gleichnamige schwebend-tiefblau getönte Chagall-Bild. „Six views for viola solo“ lautet der Untertitel und alle Teile wie „Ein Hahn im Himmel“, „Rauch aus dem Kamin“ oder „In deinen Armen“ kann man auf dem Bild wiederfinden, auch den zwischen den Teilen vermittelnden und den kleinen Zyklus abschließenden „Gelben Mond“.

Takehiro Konoe war damit vielleicht am überzeugendsten: Er benutzte zu Beginn die vorgeschriebenen Schellen an seine Füßen wie ein Tänzer und spielte die griechisch angehauchten Melodiefloskeln des ersten und dritten Stücks mit mediterraner Anmut und Leichtigkeit, aber auch gelegentlich prägnanten Akzenten. Die Umarmung des Liebhabers seiner Angebeteten wiederum ließ er mit ungemein zärtlichen Schraffuren Musik werden; und so schöne, klangvolle Flageoletts muss man auch erst einmal hinbekommen!

Mit Paul Hindemiths „Der Schwanendreher“ sind im Finale am Sonntag, 16. September (16 Uhr) im Herkulessaal Shi und Konoe zu erleben; das Bratschenkonzert von Béla Bartók spielt Djyang Mei.

Das Finale Trompete

(München, 14. September 2018) André Jolivets zweites Trompetenkonzert, das der Komponist wie sein Concertino von 1947 als „eines meiner Ballette für Trompete“ bezeichnete, hatten alle drei Finalisten für die Schlussrunde im Herkulessaal der Residenz gewählt – und nicht drei der „Neun Geistlichen Konzerte“ aus Hans Werner Henzes „Requiem“. Exquisit die kleine Besetzung aus Mitgliedern der BR-Symphoniker unter Joseph Bastian: Je zwei Flöten und Saxophone, Englischhorn, Fagott, Posaune, Harfe, Klavier, Kontrabass und zwei Schlagzeuger. Die Trompete bewegt sich wie ihre sehr pointiert agierenden Mitstreiter oft in Richtung Jazz, ist manchmal fast nur obligat eingesetzt, spielt oft mit verschiedenen Dämpfern, darf im langsamen von drei kurzen Sätzen ausdrucksvoll singen und im Finale dann „tanzen“ und Pirouetten drehen!

Im Semifinale war die erst 20 Jahre alte Österreicherin Selina Ott mit Haydns Es-Dur-Konzert nicht so profiliert wie der Ungar Mihály Könyves-Tóth, aber im Finale gestaltete sie André Jolivets zweites Trompetenkonzert aus dem Jahr 1954 nicht zuletzt in diesem „Grave“ so souverän, dass sie einen ersten Preis errang. Damit war sie im Fach Trompete, das dieses Jahr beim Internationalen Musikwettbewerb der ARD zum zehnten Mal ausgetragen wurde, die erste Frau mit einer Auszeichnung und dann gleich der höchsten.

Mihály Könyves-Tóth wurde zu Recht für seine fantasievoll-prägnante Interpretation des schwierigen Auftragswerks „fumbling & tumbling“ für Trompete solo von Olga Neuwirth im Semifinale ausgezeichnet, bekam jetzt aber auch den Publikumspreis für eine überragende Leistung mit dem Jolivet-Konzert: Ob subtil ausgereizte Wah-Wah-Effekte gleich zu Beginn, ein traumhaft schön singendes und schwebendes „Grave“ oder der elegante, geschmeidige Witz im von ihm noch einen Tick schneller musizierten „Giocoso“-Finale – so musikalisch und dabei technisch untadelig spielte im Finale nur er. Wäre es ausschließlich nach dieser Leistung gegangen, hätte er den ersten und nicht den zweiten Preis erringen müssen. Aber da alle Runden von der Jury, bestehend aus Marco Blaauw, Eric Berlin, Mireia Farrés, Will van Hasselt, Osama Takahashi, Gábor Tarkövi und dem Vorsitzenden Ketil Christensen am Ende berücksichtigt werden, gab es wohl im ersten und zweiten Durchgang zwischen dem 27-jährigen Ungarn und der jungen Österreicherin Unterschiede.

Der Franzose Célestin Guérin spielte als erster und war wieder – wie schon im Semifinale – eher vorsichtig und zurückhaltend, kostete die Effekte und den Humor des Stücks nicht wirklich aus, errang dafür aber auch – zusammen mit Mihály Könyves-Tóth – den zweiten Preis.

Verdient hätten die dreizehn BR-Musiker ebenfalls einen Preis, denn jeder von ihnen war auch ein Solist, der sich immer wieder neu auf den jeweiligen Semifinalisten einstellen konnte.

Semifinale Klaviertrio

(München, 13. September 2018) 17 Trios waren zur ersten Runde angetreten, 10 schafften es in den zweiten Durchgang, von sechs Semifinalisten wurden drei von der Jury in den letzten Durchgang gewählt: Aoi Trio, Lux Trio und Trio Marvin. Neben dem zeitgenössischen Auftragswerk von Miroslav Srnka mussten alle drei Ensembles im Prinzregententheater eines der Trios aus Ludwig van Beethovens op. 70 spielen.

Das Trio Marvin gingen mit dem Klassiker am extravagantesten und entschiedensten um: Vita Kann aus Kasachstan (Klavier), die Russin Marina Grauman (Geige) und der deutsche Cellist Marius Urba spielten das Geistertrio D-Dur op. 70/1 wie unter Strom, die Streicher oftmals dicht am Steg und mit sehr wenig Vibrato. Das ließ dissonante Akkorde noch schärfer klingen, ergab aber auch eine enorme Durchsichtigkeit und zusammen mit vorwärtsdrängendem Elan eine enorme Spannkraft in den schnellen Ecksätzen. Dass das „Largo assai es espressivo“, wie Carl Czerny schrieb, „geisterhaft schauerlich, gleich einer Erscheinung aus der Unterwelt“ sei, kommt nicht von Ungefähr. Und wer jetzt das Trio Marvin damit hörte, mochte schon ein wenig erschauern ob der beunruhigenden Harmonien und des permanent unheilvoll dräuenden Tremolos im Klavier, das hier keineswegs im Hintergrund blieb.

Auch das Lux Trio aus Südkorea war bei diesem langsamen Satz nach einem überhetzten, mit Überdruck gespielten Kopfsatz ganz bei sich und gingen überzeugend in die Tiefe, spielte aber viel verbindlicher und runder als das Trio Marvin. Im hervorragend strukturierten Finale besaßen sie dann sogar etwas wie eine gewisse Leichtigkeit.
Die drei Japaner des Aoi Trios hatten das ungleich heiklere und weniger effektvolle erste Trio Es-Dur aus Beethoven op. 70 in vier Sätzen gewählt und spielten es durchaus überzeugend, wenn auch im ersten Allegretto klanglich ziemlich gesättigt und wenig subtil. Punkten konnten sie allerdings mit Miroslav Srnkas spannendem Trio „Emojis, Likes und Ringtones“, das alle sechs Semifinalisten spielen mussten. Aus vielfach abgewandelten Glissandi und chromatisch auf und ab schwirrenden Läufen, bei denen die drei Instrumenten unterschiedlich dicht verzahnt sind, besteht der harsch endende erste Teil „List of Emojis“. Nach einem Zwischenspiel („Post“) des Klaviers klart sich unter der Satzbezeichnung „Mixed Feelings“ das musikalische Geschehen auf, wird leiser und setzt immer wieder auf gezupfte Töne – auch beim Pianisten. „Posts and Tapbacks“ beginnt mit beinahe betrunken klingenden frei rhythmisch akzentuierten Glissandi der Streicher, die beim leider ausgeschiedenen Trio Cascara herrlichen Witz besaßen, aber auch vom Aoi Trio sehr dezidiert im Ausdruck gespielt wurden. Nicht nur die mehrfach repetierten Takte im abschließenden, „Ringtones“ betitelten Teil wollen prägnant und mit Lust gespielt sein, was weder dem Lux-Trio noch dem Trio Marvin so recht gelingen wollte, die beide das Ganze eher etüdenhaft als Sammlung von Einzelereignissen auffassten. Doch sobald man ein etwas schnellere Tempo wagt und Zusammenhänge herstellt, wird hörbar, was für ein exzellentes Stück dieses Trio von Miroslav Srnka ist.

Beim Finale im Prinzregententheater am Samstag, 15. September (16 Uhr), das wieder als Video-Live-Stream (www.ard-musikwettbewerb.de) und on demand zu verfolgen ist, spielen Lux Trio und Trio Marvin jeweils Schuberts B-Dur-Trio D 898, Aoi Trio dagegen das Es-Dur-Trio D 929.

Finale Gesang

(München, 12. September 2018) Es war ein wohlverdienter erster Preis für Natalya Boeva, denn die Russin sang nicht nur in den Vorrunden mit einem in allen Lagen runden und klangvollen Mezzo ohne jede Schärfe überragend, sondern verblüffte im Finale des ARD-Musikwettbewerbs mit dem Münchner Rundfunkorchester unter Leitung von Andriy Yurkevych erneut mit einer klugen, mutigen Programmierung: Im Prinzregententheater ließ sie „Es ist vollbracht“ aus der „Johannes-Passion“ die auf Bach Bezug nehmende Klage der vergewaltigten Lucretia Brittens folgen, beides mit je eigenem, unverwechselbaren Ausdruck gesungen; nicht minder expressiv und technisch erneut ausnehmend souverän war sie im „O don fatal“ die sich selbst anklagende Eboli aus Verdis „Don Carlos“. Ab dieser Spielzeit ist Boeva am Staatstheater Augsburg zu erleben – erstmals am 16. September als Preziosilla in Verdis La Forza del Destino“. Am 9. Oktober (19 Uhr) gibt sie im Kleinen Konzertsaal des Gasteig in München einen Liederabend mit Werken von Alexander Labyrich, Karol Szymanowski, Dmitry Smirnov und Richard Strauss.

Zu Recht konnte der Bassbariton Milan Siljanov mit einem zweitem sowie dem Publikumspreis dicht aufschließen und noch einmal zeigen, wie viele Seiten in ihm stecken: sei es der stolze, eitel kraftstrotzende Escamillo mit glanzvoll leuchtenden Spitzentönen, ein wie mit zusammengebissenen Zähnen dem Graf Almaviva drohender Figaro Mozarts oder der resignierte Philipp II. Verdis („Don Carlos“), für den er leise Töne und fast fahle Farben fand. Man darf auf seine Aufgaben als Ensemble-Mitglied der Bayerischen Staatsoper gespannt sein. Auch er gibt einen Liederabend in München: Am Mittwoch, 5. Dezember (19.30 Uhr) singt er im Wernicke-Saal des Probengebäudes der Bayerischen Staatsoper Lieder von Schubert, Schumann, Brahms und Wolf.

Ebenfalls verdient mit einem dritten Preis ausgezeichnet wurden Ylva Sofia Stenberg und Mingjie Lei. Die schwedische Koloratursopranistin versah „Caro nome“ der Gilda mit zarten Pastelltönen, blieb zwar der Königin der Nacht („O zittre nicht“) ein wenig den Nachdruck schuldig, gab aber mit Verve ein ausgelassenes „Glitter and be gay“ aus Leonard Bernsteins „Candide“ zum Besten. Ab dieser Spielzeit gehört sie dem Ensemble des Staatstheaters Hannover an.

Auch der feine lyrische Tenor Mingjie Lei aus China hatte in den Vorrunden immer wieder verzaubert, jetzt überzeugte er zwar mit einem wunderbar schüchternen Pylades („Iphigénie en Tauride“) und wieder exzellenter französischer Diktion, ließ bei der Baumeister-Arie des Belmonte („Ich baue ganz auf deine Stärke“) bei aller Präzision aber ein wenig männlich forsches Selbstbewusstsein vermissen und traf die neun hohen C’s im „Ah! Mes amis“ aus „La Fille du Régiment“ zwar sicher, aber nicht mit dem Aplomb, dessen er eigentlich fähig ist.

Semifinale Trompete

Wohlbekannt von mehreren vergangenen ARD-Musikwettbewerben im Fach Trompete sind die beiden Konzerte, die auch diesmal beim Semifinale im Prinzregententheater mit dem Münchener Kammerorchester auf dem Programm standen: Joseph Haydns Es-Dur-Konzert (Hob.Vlle:1) und das in E-Dur WoO 1 von Johann Nepomuk Hummel. Letzteres ist ein geistsprühendes, im Andante träumerisches Konzert, das Lucas Lipari-Mayer (Frankreich/Italien), seit kurzem Mitglied des renommierten Ensembles Intercontemporain, mit ungemein schönem, weichem Ansatz und entsprechender Tongebung spielte. Außerdem zeigte er eine ausgeprägte Fähigkeit, differenziert zu modulieren und ausdrucksvoll zu phrasieren. Aus welchem Gründen auch immer reichte es jedoch nicht für eine Qualifizierung als Finalist. Beim gleichen Konzert erwies sich der Franzose Célestin Guérin als viel vorsichtiger und weniger ausdrucksvoll, schaffte es damit aber in die letzte Runde.

Begonnen hatte Selina Ott aus Österreich mit Haydn und konnte weitaus weniger überzeugen als Mihály Könyves-Tóth, der es als Letzter nach dem ausgeschiedenen Aleksander Kobus noch einmal spielte: sehr souverän, mit schönem, hell vibrierendem Ton und einer großen Kadenz im ersten Satz, aber im Andante auch schwebend ausdrucksvoll musiziert.

Der junge Ungar war nicht zuletzt beim zeitgenössischen Auftragswerk überzeugend, dem anspruchsvollen „fumbling & tumbling“ für Solo-Trompete in C von Olga Neuwirth. Bei ihm gab es nicht nur eine Aneinanderreihung richtiger Töne zu hören wie bei Ott, sondern Musik, wie schon bei Lipari-Mayer, wann immer es der Notentext hergab! Denn die studierte Trompeterin und renommierte Komponistin macht es weder Interpret noch Zuhörer leicht. Nur selten schimmert melodisch oder rhythmisch prägnant Strukturiertes durch die verschiedenen Forderungen der Tonerzeugung von Vierteltönen, Spaltklängen und Glissandi bis Geräuschhaftes und Gesummtes sowie dem virtuosen Gebrauch eines Dämpfers einerseits und penetranten Wiederholungsmustern andererseits. Außerdem darf man rätseln, was der englische Titel wohl bedeutet, der den Gegensatz von „Fummelei“ und den zirzensischen Akrobatik-Sprüngen und Überschlägen der Sportart „Tumbling“ bezeichnet. Guérin reizte dabei die Dynamik allzu sehr aus und geizte nicht mit gleißenden Tönen im dreifachen Forte, während Könyves-Tóth sehr musikalisch gestaltete, es auch mal grooven und tanzen ließ, dabei aber nie auf den größtmöglichen Effekt zielte.

Auch er wird wie Selina Ott und Célestin Guérin im Finale am Freitag, den 14. September im Herkulessaal der Residenz André Jolivets originelles, exquisit instrumentiertes zweites Trompetenkonzert aus dem Jahr 1954 zum Besten geben.

Impressionen von den ersten Durchgängen im Fach Klaviertrio

(München, 11. September 2018) Schon die bloße Dauer bedeutet im Fach Klaviertrio eine große Herausforderung: Im ersten Durchgang, der als Pflichtstück einen reifen Haydn (Nr. 27, 29 oder 30) vorsieht, entspricht das Programm etwa einer Konzerthälfte; im zweiten Durchgang, wenn unter anderem später Mozart (KV 502, 542, 548 oder 564) vorgeschrieben ist, sind es mit 70 Minuten sogar zwei Drittel eines Konzerts.

17 Trios waren zur ersten Runde angetreten, 10 schafften es in den zweiten Durchgang. In beiden Runden konnte ich fünf verschiedene Ensembles hören, die auf ein insgesamt hohes Niveau in diesem Jahr hindeuten; darunter das Trio Incendio aus Tschechien und das Lux Trio aus Südkorea zu Beginn sowie im zweiten Durchgang das Trio Adorno aus Deutschland. Leider hat es das Trio Incendio im Gegensatz zu den beiden anderen Ensembles nicht ins Finale geschafft, trotz ausnehmend schönem, lebendig und klangbewusst musiziertem Haydn (C-Dur Hob XV:27) sowie ungemein facettenreich, in Agogik und Dynamik bestechend musiziertem Martinů (Nr. 3) im ersten Durchgang; wohl waren sie im zweiten Durchgang weniger gut.

Neben Haydns Es-Dur-Trio, das sie enorm ausdifferenziert und mit feiner Verve spielten, hatten auch die Koreaner dieses Martinů-Trio im Repertoire, spielten es aber mit weniger Raffinesse als die Tschechen. Doch offenbar konnte dieses Lux Trio im 2. Durchgang mehr überzeugen, wie auch das Trio Adorno. In dieser Runde hörte ich von ihnen als erstes Wolfgang Amadeus Mozarts Trio B-Dur KV 502 mit leuchtend flexiblem Ton. Danach folgten drei der acht Sätze von „Episodi e canto perpetuo“ von Peteri Vasks (*1945) aus dem Jahr 1985. Was für ein wütender, fast schreiender, verzweifelter Beginn mit „Burlesca II“! Mit „Canto Perpetuo“ folgte ein Gesang wie über die Weiten der Tundra hinweg und zusammenfassend „Apogeo e Coda“, alles mit größter Ausdrucksmacht gespielt!

Bei Mendelssohns op. 66 gelang Lion Hinnrichs, Christopher Callies und Samuel Selle der so schwere Ausgleich zwischen Emphase, die nie zu sämig dick klingen darf, und einer gewissen Leichtigkeit, die aber droht oberflächlich zu klingen. Alle drei hatten ihren Anteil am Gelingen dieses c-moll-Trios, die beiden Streicher mit stets aufeinander abgestimmtem Ton, der Pianist mit Zurückhaltung, wann sie geboten war, aber auch der Fähigkeit elegant zu führen.

Im ersten Durchgang gab es mehrfach die Begegnung mit Mieczysław Weinbergs erschütterndem op. 24 aus dem Jahr 1945. Es beginnt noch verhalten mit „Präludium und Arie“, enthält als zweiten Satz eine wahrlich exzessiv hämmernde „Toccata“, danach ein so gar nicht verträumtes „Poem“ und ein teilweise fugiertes, grimmiges Finale, die beide in großer Resignation enden. Unter anderen das Berliner Trio und das Trio Metral trauten sich dieses unter die Haut gehende, anspruchsvolle Werk zu und spielten es technisch wie im Ausdruck sehr gut, trotzdem reichte es noch nicht einmal für den zweiten Durchgang, was in beiden Fällen vielleicht am etwas unterbelichteten Haydn lag.

Im Semifinale am Donnerstag, 13. September (12 und 17 Uhr) spielen Aoi Trio, Lux Trio, Trio Adorno, Trio Cascara, Trio Marvin und Trio Sōra im Prinzregententheater eines der beiden Klaviertrios aus Beethovens op. 70 und jeweils die Uraufführung des Auftragswerk „Emojis, Likes and Ringtones“ von Miroslav Srnka.

Semifinale Gesang

(München, 10. September 2018) Fast alle Stimmfächer waren zum Semifinale der Sänger|innen im Prinzregententheater vertreten: Zwei Soprane, eine Mezzosopranistin, ein Counter, Bassbariton und Bass. Am Ende hatten es zu Recht die lyrische Sopranistin aus Schweden, der russische Mezzo, ein wunderbarer Tenor aus China und Bassist Milan Siljanov ins Finale geschafft. Vor der Pause war man noch skeptisch, ob überhaupt jemand weiterkommen würde, denn sowohl Pureum Jo aus Südkorea, die mit Fiordiligi und Michaëla erstmals Schärfen in der Höhe offenbarte und nicht restlos überzeugen konnte, Alexander Roslavets aus Weissrussland mit passablem, aber etwas indifferentem Verdi und Rossini, aber diesmal auch mit erstaunlich mauer Tiefe, und sogar der charmante Countertenor Rodrigo Sosa Dal Pozzo, der Mozart („Mitridate“) und Orlowskys freches „Ich lade gern mir Gäste ein“ zum Besten gab, sangen nicht auf dem Niveau der Vorrunden und schafften es auch leider nicht ins Finale. Auch Miljan Siljanov, der gerade vom Opernstudio ins Ensemble der Bayerischen Staatsoper wechselte, begann das Rezitativ zur Arie „Rollend in schäumenden Wellen“ aus Haydns „Schöpfung“ unkonzentriert und fand danach nicht so recht den Fokus seiner schönen Bass-Stimme, besser gelang schon die Arie von Borodins „Fürst Igor“. Zusammen mit den Leistungen von Runde 1 und 2 reichte es trotzdem zur Qualifikation ins Finale.

Leider konnte der feine Tenor Kai Kluge aus Krankheitsgründen nicht antreten, aber gleich nach der Pause berührte Ylva Sofia Stenberg mit einem ergreifend gesungenen „Zerfließe, mein Herze“ aus der Bach’schen Johannes-Passion und dem neckischen, lupenreinen „Quel guardo il cavaliere“ der Norina („Don Pasquale“). Auch Natalya Boeva fühlte sich sowohl bei Händels „Messiah“ wie dem schwärmerischen Komponisten aus „Ariadne auf Naxos“ pudelwohl und konnte das auch auf die Zuhörer übertragen. Mit größter Innigkeit beim jungen Dichter Flamand aus dem Strauss‘schen „Capriccio“ und zauberhaft subtil leuchtender Emphase im „Spirto gentil“ des Fernando aus Donizettis „La Favorita“ konnte der chinesische Tenor Mingjie Lei einmal mehr die Herzen berühren.

Doch dann war da ja auch das heikle zeitgenössische Auftragswerk von Stefano Gervasoni, zwei vor allem in der Textausdeutung anspruchsvolle Vertonungen von Grabinschriften der Nelly Sachs: „Die Malerin“ und „Der Besiegte“. Da versagte Lei beinahe auf der ganzen Linie, blieb in der Tiefe vieles schuldig, oktavierte gar unerlaubterweise und versuchte durch überakzentuiert expressive Deutung ausgleichen. Miljan Siljanov nahm sich viel Zeit und ließ den Text ganz für sich sprechen, während die Schwedin sehr natürlich und doch ausdrucksvoll phrasierte. Am besten und präzisesten gelang die Umsetzung des Notentextes freilich Natalya Boeva, die in allen Lagen präsent war und auch in dieser Musik vorbehaltlos zu Hause schien.

Alle Runden können im Internet unter www.br.de/ard-musikwettbewerb/audio-video/ard-wettbewerb-2018-on-demand-100.html nachgehört werden. Das Semifinale im Fach Gesang findet am Montag, 9. September (18 Uhr) im Prinzregententheater statt und wird via kostenlosem Livestream auch im Internet über die BR-Seite angeboten.

Der 2. Durchgang Gesang

(München, 7. September 2018) Es ist eine kleine Sensation: Zum ersten Mal hat es beim mittlerweile 67. ARD-Musikwettbewerb einer von drei Countertenören ins Semifinale des ARD-Musikwettbewerbs geschafft. Rodrigo Sosa Dal Pozzo (Italien/Venezuela) verblüffte mit abgründig verführerischem Schubert („Der Tod und das Mädchen“), fast dramatischem Duparc, ebenso ausdrucks- wie koloraturensicherem Vivaldi („Orlando“) und stets mit einem schönen, fein vibrierenden, wandlungsfähigen Timbre. Auf seinen Prinzen Orlowsky aus der „Fledermaus“ mit dem Münchner Rundfunkorchester im Semifinale freue ich mich jetzt schon.

Zu den übrigen sieben Semifinalisten, die unter dem Vorsitz von Ann Murray von der Jury (Laura Aikin, John Mark Ainsley, Bernarda Fink, Michael Nagy, Gerhild Romberger und Matti Salminen) aus 24 Sänger|innen im zweiten Durchgang ausgewählt wurden, zählen zwei ganz unterschiedliche Tenöre: Der Deutsche Kai Kluge konnte mit einem lyrisch schwebenden Tenor bei Nemorinos „Una furtiva lagrima“, das er mit feinem Schmelz gestaltete und gemeidig gesungenem „Tu vivi, e punito“ aus Händels „Ariodante“ rundum überzeugen. Mingjie Lei aus China sang schlicht umwerfend: einen verzückt verliebten Tamino in dessen Bildnisarie, ein herrlich sehnsüchtiges amerikanisches Lied im Arrangement von T.S. Kohn: „Ten Thousand Miles Away“, gülden leuchtend Schuberts „Abendstern“, aber auch den Prinzen aus Rossinis „Cenerentola“ mit einer Leichtigkeit und hohen C’s, die ihm aus dem Mund strömten wie Schmetterlinge.

Der Weissrusse Alexander Roslavets ist nicht nur bereits ein fulminanter Verdi-Bass, sondern konnte den Mefistofeles aus Gounods „Faust“ mit diabolischer Häme ausstatten, aber natürlich vor allem mit russischem Repertoire punkten, sei es Lied (Georgy Sviridov) oder Oper: den König aus Tschaikowskys „Iolanta“, der verzweifelt sein Leben dafür hingeben will, damit seine Tochter endlich wieder sehen kann. Milan Siljanov (Schweiz) von der Bayerischen Staatsoper sang facettenreich und mit runder, schöner Bass-Stimme zwei Lieder (Schönbergs „Warnung“ und Schuberts „Gruppe aus dem Tartarus“), aber auch Mozarts Figaro, wie er sich wütend über die gesammelte Weiblichkeit erregt („Aprite un po’quegli occhi“) mit Ingrimm und klar und stilsicher artikulierten Händel („Judas Maccabäus“)

Enorm mutig war die Mezzosopranistin Natalya Boeva aus Russland, die schon bei der Wiedereröffnung des Markgräflichen Opernhauses in Bayreuth mit Hasse überzeugte, als sie auf eine heikle a-cappella-Paul-Celan-Vertonung von Aribert Reimann („Hochseil“ aus „Eingedunkelt“) unmittelbar „Liber scriptus“ aus dem Verdi-Requiem anschloss – mit überwältigendem Effekt! Die schwedische Koloratursopranistin Ylva Sofia Stenberg durfte sich als Einzige auf nur ein Lied (Schuberts „Frühlingsglaube“) und eine Arie beschränken, aber was für eine: das enorm schwere und lange „Großmächtige Prinzessin“ der Zerbinetta aus Richard Strauss‘ „Ariadne auf Naxos“, das sie mit gehaltvollem, hohen Sopran nicht nur brillant, sondern mit Witz und Sex-Appeal gestaltete.

17 Sänger|innen aus Südkorea waren angetreten, was fast ein Drittel der 58 angetretenen Teilnehmer bedeutet. Viele gewaltige Stimmbesitzer|innen waren dabei, doch die meisten verließen sich auf glanzvolle Einzeltöne, nur wenige konnten ausdrucksvoll phrasieren und modellieren und den Gehalt einer Arie oder eines Lieds in den Mittelpunkt rücken. Deshalb schaffte es ins Semifinale nur – nomen est omen – Pureum Jo, die Feinsinnigste unter ihnen. Diese Sopranistin ist in vielen Stilen zuhause und kann sie stimmlich und gestalterisch differenzieren, ob Schuberts „Im Frühling“, Spanisches (Obradors), mit viel Charme die Männerköpfe verdrehende, leichtfertige Manon Massenets oder Puccinis still verzweifelt die todbereite Liù („Turandot“).

Letzte Entscheidungen beim 1. Durchgang im Fach Gesang

(München, 6. September 2018) Am letzten von drei Tagen des ersten Durchgangs im Fach Gesang gab es noch einmal ganz unterschiedliche Sänger|innen zu hören. Am Ende hatten es 24 von 58 Teilnehmer|innen in den zweiten Durchgang geschafft: Es begann mit zwei Bässen, von denen einer zwar ein lautes Organ besaß, aber wenig flexibel gestaltete. Der andere, Christoph Seidl, ein bärtiger Prackl aus Österreich, sang weniger laut, aber dafür viel charmanter, differenzierter und idiomatischer, sei es den selbstverliebten und dann wütend ausrastenden Osmin („Entführung“) oder Dvořáks Wassermann („Rusalka“). Der perfekte Kontrast zu ihm war danach der wunderbare chinesische Tenor Mingjie Lei, der mit Mozarts „Un’aura amorosa“ und mit ungemein zärtlichem Berlioz verzauberte.

Nur noch zwei Sängerinnen – und dem Countertenor Rodrigo Sosa (Italien/Venezuela) mit Mozarts „Mitridate“ und einem scheuen „es ist vollbracht“ („Johannespassion“) sowie einem slowenischen Bariton – gelang es am Nachmittag weiterzukommen. Natalya Boeva ist ein ungemein ausdrucksstarker Mezzosopran aus Russland, der Massenets Charlotte („Werther“) mit höchster Intensität gestaltete, aber auch erstaunlich leicht und schlank Mozarts schönstes und tiefsinnigstes Lied singen konnte – die „Abendempfindung“. Danach überzeugte die Schwedin Ylva Sofia Stenberg mit schönem Material und Blondes kokettem „Durch Zärtlichkeit und Schmeicheln“, vor allem aber mit „O luce di quest’anima“ von Donizettis Linda di Chamonouix, ebenso farben– wie facettenreich gesungen. Leider gelang es der Chinesin Yajie Zhang trotz eines jugendlich schwärmerischen Cherubino und einer reifen Charlotte („Werther“) mit fein schillerndem Ausdruck nicht, die Jury zu überzeugen. Aber der slowenische Bariton Jaka Mihelač offenbarte ein ganz besonderes Timbre, sang „Gott sei mir gnädig“ aus Mendelssohns „Paulus“ unübertroffen und fand den rechten stolz-aggressiven Ton für Mozarts Grafen („Figaro“).

Der zweite Durchgang im Fach Gesang findet am 6. und 7. September jeweils ab 11 Uhr im Studio 1 des Bayerischen Rundfunks statt, wird vor Ort auf Großleinwand ins Foyer und via www.ard-musikwettbewerb.de übertragen. Da der Publikumsandrang hoch ist, werden jeweils für die Vormittags- und Nachmittagsrunde (kostenlose) Platzkarten ausgegeben.

Impressionen vom 1. Durchgang im Fach Gesang

(München, 5. September 2018) Sie sind rar und doch gab es im 1. Durchgang Gesang, mit dem der diesjährige ARD-Musikwettbewerb am Montag startete, bei den Tenören schon vier vielversprechende Talente zu hören. Konstantin Myonghyun Lee aus Südkorea sang zwar das zärtliche „Un’aura amorosa“ des Ferrando aus Mozarts „Così fan tutte“ ein wenig wie „Nessun dorma“, aber beim Lamento des Federico aus Cileas „l’Arlesiana“ konnte er zeigen, was „Italianità“ bedeutet und was ein Tenor mit Schmelz und Träne in der Stimme ist. Seinen Landsmann Jaeil Kim fand ich noch besser, die Lenski-Arie („Eugen Onegin“) war tief empfunden und in der Trauer angesichts des bevorstehenden Duells mit seinem besten Freund Onegin ausgesprochen schön und berührend gesungen; auch Kai Kluge (den ich nicht hören konnte) schaffte es unter anderem mit „Dalla sua pace“ des Ottavio in die zweite Runde. Zwar ist noch nicht bekanntgegeben, wer von den Sänger|innen des heutigen letzten Tags weiterkommen wird, aber der wunderbare lyrische Tenor Mingjie Lei aus China, der am Vormittag auftrat, dürfte sicher dabei sein. Nicht nur „O blonde Cérès“ aus „Les Troyens“ von Hector Berlioz sang er mit berückend schöner französischer Diktion, auch Ferrandos „Un’aura amorosa“ kann man nicht feiner modellieren. Selbst im Leisen hörte man jede Menge Farben und Abstufungen in der Dynamik, eine kleine Offenbarung! Leider schaffte keiner der beiden durchaus talentierten Countertenöre den Sprung in die nächste Runde.

Der bereits erstaunlich reife Milan Siljanov – gerade hat er vom Opernstudio der Bayerischen Staatsoper ins Ensemble gewechselt – kam ebenso weiter wie Changdai Park und einige Baritone, darunter Beom Seak Choi (Südkorea), der die Szene des eifersüchtigen Ford („E sogno? O realtà“) aus Verdis „Falstaff“ sehr scharf charakterisierend gestaltete, aber bei Guglielmos „Rivolgete a lui lo sguardo“ stimmlich etwas flach blieb. Sehr kernig und mit feinen Farben präsentierte diese Arie auch Yuriy Hadzetskyy aus der Ukraine und das „Es ist genug“ des Mendelssohnschen Elias geang ihm ausdrucksstark. Doch leider wollte die Jury aus Laura Aikin, John Mark Ainsley, Bernarda Fink, Michael Nagy, Gerhild Romberger, Matti Salminen und der Jury-Vorsitzenden Ann Murry ihn nicht noch einmal hören. Zurecht kam Alexander Roslavets aus Weissrussland weiter, denn mit „Ernani“ konnte er zeigen, was für ein großartiger Verdi-Bariton da heranwächst, als Ausdrucksmusiker hat er sich mit „Così dunque tradisci“ KV 432 auch die richtige Mozart-Arie ausgesucht, denn einmal Mozart (Lied oder Arie) nach freier Wahl ist im ersten Durchgang vorgeschrieben.

Auch einige bemerkenswerte Mezzosopran gab es bereits zu hören, darunter drei Deutsche: Maria Hegele mit einer gut focussierten, schönen, hellen Stimme, die nicht nur Mozart stilsicher beherrschte, sondern auch das „Depuis hier“ aus Gounods „Roméo et Juliette“ pointiert gestaltete. Anna Bineta Dioufs Stimme klang zwar manchmal etwas kehlig und leicht scharf, aber ob Sesto („Titus“) oder Mahlers „Urlicht“ – der Ausdruck stimmte! Florence Losseau gestaltete sowohl „Deh, per questo istante solo“ (ebenfalls aus dem „Titus“) wie Verdis „Oberto“ („Un giorno dolce“) in Tongebung, dynamischen Schattierungen und stilistisch sehr sicher und bewusst, ohne stimmlich protzen zu wollen.

Und dann waren da natürlich die Soprane, meist aus Japan oder Südkorea (wie Jihyun Cecilia Lee oder Pureum Jo) stammend, aber auch die Ungarin Réka Kristóf konnte mit wunderbar expressivem Mozart (Donna Anna) oder ergreifendem Mendelssohn („Höre, Israel“) und einer fast schon jugendlich dramatischen Stimme überzeugen. Und obwohl für Amelie Müller die Gounod‘sche Juliette eigentlich das falsche Repertoire war und auch die Stratosphären-Töne der Königin der Nacht nicht ganz sauber gelangen, ist die Jury doch neugierig, was die Deutsche im zweiten Durchgang zu bieten hat.

Dieser zweite Durchgang im Fach Gesang findet am 6. und 7. September jeweils ab 11 Uhr im Studio 1 des Bayerischen Rundfunks statt, wird vor Ort auf Großleinwand ins Foyer und via www.ard-musikwettbewerb.de übertragen. Da der Publikumsandrang hoch ist, werden jeweils für die Vormittags- und Nachmittagsrunde (kostenlose) Platzkarten ausgegeben.

 

 


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